Obwohl Elio Petris zweiter Film "I giorni contati" (wörtlich "Die gezählten Tage") 1962 sogar als bester Film des "Mar del Plata"-Filmfestivals in Argentinien ausgezeichnet wurde, konnte Petri damit nicht an den Erfolg seines Erstlings "L'assassino" (Trauen Sie Alfredo einen Mord zu?) anknüpfen. In Deutschland oder in den USA kam der Film gar nicht erst in die Kinos. Vordergründig könnte man das mit der im Vergleich zu Marcello Mastroianni geringeren Popularität des Hauptdarstellers Salvo Randone begründen, der als bekannter Charakterdarsteller meist in den Nebenrollen besetzt wurde. Auch das Kriminal-Genre, dass Petri in seinem ersten Film anklingen ließ und das der deutsche Titel noch betonte, hatte sicherlich zusätzliche Zugkraft, obwohl "L'assassino" wenig damit zu tun hatte, aber der eigentliche Grund dürfte in seiner Thematik liegen, die einen generellen und letztlich sehr fatalistischen Blick auf existentielle Fragen des Lebens wirft.
An Parallelen und Einflüssen gab es genügend, als Petris Film herauskam. Die Nähe zu Michelangelo Antonioni wurde erwähnt, sein Stil als italienische Variante der "Nouvelle vague" gerühmt und auch der Einfluss des Neorealismus, der Petri seit den frühen 50er Jahren geprägt hatte, in denen er als Drehbuchautor und später als Regieassistent besonders mit Giuseppe De Santis ("Roma ore 11") zusammen gearbeitet hatte, war in "I giorni contati" wieder deutlicher zu erkennen als in "L'assassino". Die offensichtlichste Parallele, aus der letztlich Petris Kernaussage entstand, wurde seltsamerweise nicht hinzugezogen - die Nähe zu Vittorio De Sicas "Umberto D.", den Petri in der Grundanlage nahezu zitiert und der ein Jahrzehnt zuvor erschienen war.
Es ist ein entscheidendes Jahrzehnt, das ähnlich wie in von Pier Paolo Pasolinis 1961 gedrehten "Accattone" von der tiefen Enttäuschung des überzeugten Kommunisten Elio Petri darüber geprägt ist, dass die nach dem Krieg erhoffte Wandlung der italienischen Gesellschaft nicht eingetreten war. So wie "Accattone" als moderne Variante von De Sicas "Miracolo a Milano" (Das Wunder von Mailand) angesehen werden kann, so wandelt "I giorni contati" die Thematik des allein stehenden, alten Mannes aus "Umberto D." in die Neuzeit. Beiden jüngeren Filmen ist dabei gemein, dass sie wesentlich direkter und genereller vorgingen, was besonders für Petris Film gilt, der kaum noch Distanz zum Zuschauer zulässt.
Schon der 1952 entstandene "Umberto D." basierte auf ersten Veränderungen in der italienischen Gesellschaft nach dem Krieg, in der für einen alten, mittellosen Mann kein Platz mehr vorhanden war, aber De Sica konnte sich noch des Mitleids der Betrachter für den sympathischen alten Herrn mit seinem kleinen Hund sicher sein, auch weil dieser letztlich als Außenseiter begriffen wurde und die gerechtfertigte Empörung seinen rücksichtslosen, egoistischen Zeitgenossen galt. Über diesen Bonus verfügt Cesare (Salvo Randone) bei Elio Petri nicht mehr, denn er ist mit seinen 54 Jahren nicht nur zwanzig Jahre jünger als Umberto D., sondern verdient sein Geld als Klempner und verfügt über gewisse Ersparnisse. Als er - wie jeden Tag - von der Arbeit mit dem Bus nach Hause fährt, erlebt er, wie ein Mann seines Alters tot auf seinem Sitz aufgefunden wird. Er hatte einfach einen Herzinfarkt erlitten. Cesare, geschockt von dieser Erfahrung, beschließt nicht mehr zu arbeiten, sondern die Jahre, die ihm noch bleiben, für sinnvollere Dinge zu nutzen.
Betrachtet man diesen anfänglichen Aspekt ist Cesare genau gegenteilig zu Umberto D. angelegt. Wurde der alte Mann zum Außenseiter wider Willen, wird Cesare, ein funktionierendes Mitglied der Gesellschaft, freiwillig und ohne äußerlichen Zwang zum Außenseiter. Aus der heutigen hedonistischen Gesellschaft heraus nicht ungewöhnlich, war ein solches Verhalten Anfang der 60er Jahre unvorstellbar - besonders für ein Mitglied der Arbeiterklasse. Cesare stellt die Frage nach dem Sinn des Lebens, besser - er wagt es, sie zu stellen. Anstatt zu arbeiten schlendert er durch Rom, geht in Museen, trifft eine alte Freundin wieder, besucht sein Heimatdorf und versucht, seine Tage zu genießen.
Selbstverständlich funktioniert "I giorni contati" auch ohne jeden Bezug, aber die konkreten Zitate aus "Umberto D." lassen zusätzlich deutlich werden, wie kritisch Petri nicht nur die aktuelle Situation ansah, sondern die gesamte gesellschaftliche Entwicklung. Cesare lebt ebenfalls zur Miete in einem Zimmer, dass von einer älteren Frau vermietet wird, die ihm zwar wohlwollender gegenüber steht, da er bisher immer seine Miete zahlt, aber auch Bedenken äußert, als sein Geld langsam knapp wird. Besonders prägnant ist aber die Parallele zu der Freundschaft mit einer sehr jungen Frau - bei Umberto D. das Hausmädchen, hier die Tochter der Vermieterin - die jeweils als Einzige zu Vertrauten werden, mit denen die Männer offen sprechen können. Beide Mädchen zeichnen sich durch eine gewisse Naivität und wenig Bildung aus, aber während sie bei "Umberto D." in ihrer Anständigkeit zum Opfer wird, verschafft sich die Tochter des Hauses daraus Vorteile und zieht Cesare sein Geld aus der Tasche - angeblich wegen eines Jobs, um dann mit einer neuen Perücke herbei zu stolzieren.
In "I giorni contati" hat die Gesellschaft jede Unschuld verloren. Selbst das Betteln, zu dem sich Umberto D. trotz seiner Not damals nicht in der Lage sah, ist hier zum Geschäft geworden. Als Cesare in Geldnot gerät, trifft er auf eine Bande von Versicherungsbetrügern, die ihm den Arm brechen wollen, um mit einem fingierten Unfall Schadensersatz heraus zu holen. Im Gegensatz zu Umberto D. verfügt der Witwer Cesare zwar noch über einen Sohn, aber diese sozialen Kontakte sind in "I giorni contati" nur noch Makulatur und können nicht die völlige Einsamkeit überdecken, in die Cesare zunehmend gerät. Er scheitert mit seinem Vorhaben, den ewigen Trott nicht mehr weitermachen zu wollen, nicht nur an seinem fehlenden Einkommen, sondern an einer Umgebung, die keinerlei Verständnis für seine Eskapaden aufbringt.
Es ist Salvo Randones großartigem Spiel zu verdanken, dass er nicht nur den Film als einziger Protagonist mühelos trägt, sondern in seiner souveränen Ausstrahlung niemals den Eindruck eines Verwirrten macht. Im Gegenteil wirken seine Entscheidungen konsequent und richtig, die er auch mit Selbstbewusstsein vertritt. Selbst seine fast ausschließlich negativen Erfahrungen bringen ihn lange nicht aus der Ruhe, bis auch er langsam die Kontrolle verliert, als er in seiner Notlage zum Versicherungsopfer werden soll. Doch das ist nur ein kurzer Moment, bevor Cesare wieder sein Handeln selbst bestimmt. Er kehrt wieder zu seinem Job als Klempner zurück.
Nur punktuell, fast unmerklich lässt Elio Petri tragische Momente zu, spielt niemals auf der emotionalen Klaviatur, wie es De Sica in "Umberto D." sehr gelungen tat, treibt dagegen die Handlung schnell und jederzeit unterhaltend voran, ohne in philosophische Tiefen zu verfallen, aber an seiner kritischen Haltung gibt es nicht den geringsten Zweifel. Elio Petri, der hier auch seine Erfahrungen mit seinem Vater, der ein Leben lang Arbeiter war, einfließen ließ, lässt Cesare am Ende sterben. Auf der Heimfahrt im Bus nach der Arbeit (10/10).