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Als wohl DAS Aushängeschild des sich in den Achtzigern eigentlich eher durch reaktionäre Actionfilme hervortuende Cannon-Studio gilt „Runaway Train“ nicht ganz umsonst. Das legendäre Produzentenduo Yoram Globus und Menahem Golan sicherte sich seinerzeit die Rechte am prestigeträchtigen Drehbuch des legendären Akira Kurosawa („Rashomon - Das Lustwäldchen“, „Yojimbo - Der Leibwächter“), der ursprünglich seine Idee selbst umsetzen wollte, aber an den widrigen Wetterumständen scheiterte.
Stattdessen übernahm der russische Regisseur Andrei Konchalovsky, der für Cannon ein Jahr vorher mit „Maria's Lovers“ sein U.S. – Debüt feierte, aber insbesondere wegen der Querelen bei den Dreharbeiten zu „Tango & Cash“ in Hollywood nie richtig Fuß fassen konnte, das Ruder und liefert zusammen mit dem langjährigen 007-Kameramann Alan Hume („For Your Eyes Only“, „Octopussy“) einen hochspannenden, atmosphärischen Thriller ab, der von seiner eisigen Prämisse lebt, aber seine beiden Oscar-Nominierungen dennoch für die beiden Hauptdarsteller Jon Voight (Bester Hauptdarsteller) und, man höre und staune, Eric Roberts (Bester Nebendarsteller) erhielt.

Beide sitzen in einem Hochsicherheitsgefängnis Alaskas ein, das mitten im verschneiten Nirvana liegt. Draußen herrschen –30°C, aber weil beide zumindest den Freiheitsdrang gemeinsam haben, beschließen sie auszubrechen und gelangen nach einer kräftezehrenden Flucht zu Fuß auf einen Zug, dessen Führer kurz nach der Abfahrt nach einem Herzschlag tot von der Lock fällt. Vier gekoppelte Dieselloks rasen nun ungebremst durch die ewige Eiswüste und es ist an den beiden ihn zu stoppen, will doch die Leitzentrale die alten Loks einfach auf ein stillgelegtes Gleis umleiten und entgleisen lassen.

Andrei Konchalovskys Inszenierung ist während dessen eine Wucht, denn packender lässt sich so eine Prämisse wohl kaum umsetzen. Angefangen beim kargen Knast, der ganz in der schmuddeligen, düsteren Optik der Achtziger gehalten, so unter anderem wohl auch ein Vorbild für Sylvester Stallones späterer Knast-Actioner „Lock Up“ darstellt, springt dem Zuschauer die kernige Stimmung dieses harten Abenteuers entgegen. Aufstände kippen schnell in ein heilloses, brennendes Chaos um und die Wärter haben alle Hände voll zu tun, um die ohnehin wackelige Ordnung wieder herzustellen – kein einladender Ort.
Das Leben dort ist rau, Gefängnisleiter Ranken (Cannon-Spezi John P. Ryan, „Avenging Force“, „Delta Force 2: The Colombian Connection“) herrscht drakonisch, nur Manny (Voight) hat nie Angst vor ihm gehabt, sitzt dafür auch seit 3 Jahren in Einzelhaft und erzwingt nun gerichtlich wieder in den normalen Strafvollzug entlassen zu werden – sehr zum Ärger seines sadistischen Gegners, der seinen Tod sehen will und dafür auch Gefangene auf ihn ansetzt, was ein paar hässliche, blutige Momente zur Folge hat.. Diese fast schon persönliche Hass-Rivalität zwischen dem Einsitzenden und dem Direktor, die so unterschiedliche, verbohrte Ansichten vorantreiben, hat sich „Lock Up“ wohl auch gleich mit ausgeliehen.

Jon Voight ist als vernarbter, überaus bedrohlicher Rebell zeitweise kurz vor der Grenze zum Psychopath, dem die Sympathien aller Insassen entgegenschwappen, eine Wucht, auch wenn das keine seiner besten Darstellungen ist. Das Feuer lodert in seinen Augen, seine Worte bellt er nur so hinaus und in Frage stellt man den Mann gewiss nie. Als rücksichtsloser, unberechenbarer Verbrecher, der weder ein Blatt vor den Mund nimmt, noch sich einschüchtern lässt und der der Freiheit die oberste Priorität einräumt, ist er der genaue Gegenpol zum jungen, opportunistischen Großmaul Buck (Roberts), der wegen Vergewaltigung einsitzt, und Manny als sein großes Vorbild ansieht. Doch diese Rolle will der nicht und noch weniger Buck an seiner Seite. Zwangsläufig, weil Buck für ihn das Ticket in die Freiheit bedeutet, schleppt er ihn aber mit nach draußen.
In diesem ersten Abschnitt des Films sind übrigens der noch ganz junge und damals sein Debüt gebende Danny Trejo als Eric Roberts Boxgegner und der ebenfalls seine erste Filmrolle absolvierende Hüne Tommy Lister als Wächter zu sehen.

Andrei Konchalovsky erzählt in der Tradition von Cannon sehr straight, hat mit dem allerdings auch ohnehin sehr linearen Plot keine großartige Herausforderung zu bewerkstelligen, zumal die anfangs noch treibende Rivalität zugunsten der anstehenden Flucht bis zum Ende auch erst einmal zurückgestellt wird.
Denn mit dem eher typischen Ausbruch über den Kübel Schmutzwäsche und schmierige Kanalisationsschächte, in denen ein ums andere Mal leider mit der eher ernsten Stimmung durch allzu flapsige Kommentare von Eric Roberts öfter gebrochen wird, beginnen die atmosphärisch immens starken Kapitel des Films.

Begleitet von den dezenten, mal melancholischen Tönen Trevor Jones („The Last of the Mohicans“, „Cliffhanger“), schleppen sich beide durch eine unüberschaubare Eiswüste, in der der Wind durch jede Ritze pfeift, bevor sie sich auf einer Bahnhofsstation neu einkleiden und auf den vereisten Zug springen, der bald mit verschmorten Bremsen außer Kontrolle wild durch die schneeweiße Botanik rast, einen Zug rammt und von nun an nicht mehr gesteuert werden kann.

Während alsbald in der Zentrale Panik ausbricht und Entscheidungen fallen müssen, was man mit dem Zug macht, der scheinbar (!!!) ohne jemanden an Bord mit Höchstgeschwindigkeit über die Gleise fegt, bauen sich derweil zwischen Manny und Buck unüberwindbare Spannungen auf, obwohl sie eigentlich zusammenhalten und nach einer Lösung suchen müssten. Innerhalb dieses rasanten Ablaufs gelingt die Entwicklung reifer Charaktere ungewöhnlich gut, wobei sicherlich keine komplexe Figuren zu erwarten waren. Aber Buck und Manny unterscheiden sich grundlegend voneinander. Der Eine sucht einen Partner und Freunde, der Andere war sein Leben lang nur ein Einzelgänger, hat nie seinen Platz gefunden und das wiederum längst akzeptiert.
Realist Manny hält Träumer Buck eindringlich die wahre Welt mit seinen ihren wenigen Möglichkeiten vor Augen, nimmt ihm seine Illusionen, was der wiederum nicht unbedingt hören will. Auch deswegen entsteht am Ende dieser handfeste Konflikt zwischen dem Zweckgespann, deren unterschiedliche Einstellungen einfach nicht zusammenpassen können. Ohne das selbstverständlich dabei tiefsinnige, philosophische Pfade betreten werden, geht „Runaway Train“ totalen Stereotypen aus dem Weg, was sicherlich ein Verdienst von Akira Kurosawa ist, auch wenn sein Werk abgewandelt worden ist.

Die anlaufende Jagd auf die beiden Ausbrecher bleibt als Nebenschauplatz regelmäßig nur kurz besucht, denn die das fesselnde Geschehen an Bord des Zuges ist der viel spannendere Spielort. Die Bilder, in denen der zugeeiste Zug durch die Landschaft pflügt und weit und breit nichts anderes als Wälder oder unendliche Schneeebenen zu sehen sind, entbehren freilich nicht einer gewissen Faszination. Während dessen werden dann doch Versuche unternommen den Zug zu stoppen, bevor er aus den Gleisen springt. Da wird von Lok zu Lok gehangelt, abgekoppelt, fast zu Tode gestürzt, sich mit letzter Kraft an Haken gekrallt, gehofft und vor allem gefroren. Die halsbrecherischen Stunts sind bisweilen ziemlich spektakulär und extrem spannend inszeniert.

Ruhig und ohne Hektik spitzt Konchalovsky die Lage zu, gönnt Mannys Kontrahent Ranken, der nicht nur den Verlust seiner Autorität befürchtet, sondern Manny einfach nur tot sehen will und diesen Ausbruch deswegen auch provozierte, immer wieder seine Szenen, um das Feuer zwischen den beiden, das noch fürs Finale gebraucht wird, auflodern zu lassen, und zerrt von der Wahnsinnsatmosphäre, die das Geschehen packend vorantreibt. Regelmäßige Höhepunkte, wie eine wackelige Holzbrücke, die die Geschwindigkeit des Zuges eigentlich nicht überstehen kann, sorgen für regelmäßige Spannungshöhepunkte und enden in einer mir wohl unvergesslichen, letzten Szene ungeahnter Melancholie. *schnüff*


Fazit:
Visuell ausdrucksstarker, knallharter Actionthriller, der von Andrei Konchalovsky nach einer Vorlage von Akira Kurosawa denkbar ideal inszeniert wurde. Jon Voight und Eric Roberts spielen klasse, das eisige Szenario versprüht eine wahnsinnig faszinierende Atmosphäre und die Stunts am Zug sind zudem auch sehenswert. Bis auf den bisweilen zu lockeren Umgangston habe ich hier nichts dran auszusetzen. Spannend, mit Intelligenz in den Dialogen und von hohem Tempo drehte Konchalovsky seinen wohl besten Film, der nicht nur über Charaktere verfügt, die sich zusehends offenbaren, sondern dabei immer für eine Steigerung der Situation gut ist. Bis zu den Endcredits ein ungeheuer faszinierender, stimmungsvoller Thriller.

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