Review

Prostituierte, Selbstmord, Tötung auf Verlangen, nackte Frauenbrüste - "Die Sünderin" hat retrospektiv wirklich alles gehabt, um die verstaubte deutsche Nachkriegsrepublik auf die Palme zu bringen.
Daß ein Raunen durch die deutschen Lande zog, hat mir sogar in den seligen 80ern noch meine Mutter zu verstehen gegeben, zu einer Zeit, als man den Schinken nun wirklich fast nirgendwo zu Gesicht bekam - und dass am Ende eigentlich alles doch ganz harmlos gewesen wäre, ein Sturm im Wasserglas.

Flotte 30 Jahre später hab ich mich zu dem Schmachtfetzen dann auch mal durchringen können und siehe da, es gibt doch tatsächlich so einiges, was erinnerungswert daran gewesen wäre, schließlich will man ja auch wissen, worüber sich Großmutter einst echauffiert hatte.
Die nackten Möpse von Hildegard Knef sinds übrigens nicht gewesen, sowohl historisch als auch nudistisch betrachtet.
Die besagte Szene, in der sich die Knef nackig im Garten sonnt, während ihr Mann sie auf die Leinwand bannt, ist nicht nur schnell vorbei, sie ist auch in der Halbtotalen kaum detailreich ausmachen, der Rest hat sich vermutlich überall im Kopf abgespielt. Übrigens kommt sie erst im letzten Drittel des Films und fungiert kaum als Dreh- und Angelpunkt.

Das war dann aber auch nicht der Auslöser des damaligen Skandals, auch wenn das immer noch so weitergegeben wird, stattdessen war es der thematische Umgang mit dem Thema Selbstmord (Knefs Goldstück leidet trotz großen Talents unter einem Gehirntumor und verliert sein Augenlicht, woraufhin er selbst entscheiden will, wann er Schluß macht) und gleichfalls der "Tötung auf Verlangen", verbunden damit, dass wir es hier mit einem nicht sehr tugendhaften Mädel zu tun haben, die erst vom Stiefbruder flach gelegt wurde, dann sich durch die Nachtclubgesellschaft gepoppt hat und das Ganze durchaus mit finanziellen Annehmlichkeiten verband.
Heute heißt das Callgirl oder Nutte, im Film spricht man dann mehr von "Bekanntschaften", die offensichtlich körperlicher Natur waren, ergänzt durch Geschenke wie Geld oder Kleidung oder Schmuck.

Man spürt es schon, der Film geht relativ zimperlich mit dem Thema um, allerdings ist "Die Sünderin" dann auch im Wesentlichen eine melodramatische Schmonzette einer Frau, die auf Biegen und Brechen um den einzigen Mann kämpft, der ihr je etwas bedeutet hat. Warum das so ist, kann der Film nicht erklären und Frau Knef kann es leider auch nicht, obwohl sie sonst praktisch jede ihrer Handlungen und Entscheidung in breitestem verbalen Cinemascope im Off-Kommentar erörtern darf.
Daß man in der Schlußfolgerung im Leben ohne Liebsten eben keinen Sinn mehr sehen kann und freiwillig aus dem Leben scheidet, war anno 1951 offenbar bei Shakespeare oder Historienschwulst à la "Kronprinz Rudolfs letzte Liebe" noch annehmbar, wenn es um ein leichtes Mädchen ging, war offenbar die Gesellschaft und junge Mädchen an sich akut bedroht.

Es gab in der Folge, Proteste, Aktionskomitees, Presseshitstorms und so würgte man den Film ab und aus den Kinos raus, die bis dato natürlich ungeheuren Zuspruch hatten.
Aber: Revolutionäres ist da wirklich nicht zu sehen, stattdessen gibt es eine übliche Kitschpostkarte, die aber in ihren Kriegs- und Familiensequenzen erfreulich angeschmuddelt (wenn auch puristisch) wirkt. Hierbei ist noch zu erwähnen, dass die Knef vielleicht nicht auch noch ihr 15jähriges Rollen-Ego hätte spielen sollen, das wirkt dann wirklich ein wenig happig.

Ansonsten ist Frau Knef dann auch der einzig wirkliche Grund, den Film noch mal zu sichten. Die wirft sich nämlich mit Karacho in alle ihre Szenen, strahlt, funkelt, rollt mit den Augen und ist meistens - wenn die Leidenschaft die Drähte zum Glühen bringt - irgendwo kurz vor dem Durchdrehen. Das wirkt heute albern und übertrieben, ist aber sehr intensiv, ganz anders als ihr "heart throb" Gustav Fröhlich, ein Vorkriegs-Mädchenschwarm, der hier mit der Künstlerrolle neue Rekorde in Hölzernheit aufstellt.
Willi Forsts Regie hat im übrigen auch keine großen künstlerischen Akzente zu setzen, da gerät der Plot doch sehr episodisch und holzschnittartig, wie ein Bravo-Fotoroman, ein bemühter, aber gescheiterter Spagat zwischen alten Melodrama und neuer aufgeklärter Themenschule. Daß es mit zunehmender Laufzeit dann immer öfter um Gott und Glaube geht, reißt die Chose nur noch weiter rein.

In Sachen Kuriositätenwert hat der Film dem Bergwelt-Förster-Prinzessinnenkino der 50er jedoch noch einem Menge voraus - denn langweilig ist er keine Sekunde. (4/10)

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