Review

Zwanzig Jahre ist der Mauerfall nun inzwischen her, Zeit genug, um Aufarbeitung Aufarbeitung sein zu lassen, die Verschleierung breiestgehend in Zeiten der Wirtschaftskrise zu schlucken und sich der Ostalgie auf filmischem Gebiet hinzugeben - also wird die Wendezeit jetzt verstärkt als Staffage für Komödien und Romanzen eingesetzt.
Ein paar Nadelstiche dürfen, bei aller Heiterkeit über Spreewaldgurken, Kaufhallen und Grillettas, jedoch immer noch sein, aber wie schwer es ist, sie akupunkturisch noch an die schmerzenden Stellen zu setzen, beweist Markus Gollers "Friendship!", ein Film, der wie eine Comedybreitseite beworben wird und eigentlich nichts anderes ist, als eine softe Chimäre aus einem Kulturclash ("East meets the other West") und einem klassischen Road Movie quer durch die Vereinigten Staaten.

Gewöhnlich ist Letzteres ja thematisches Hoheitsgebiet der Amerikaner selbst, die ihre Sinnsuche von spröde über niederschmetternd bis lustig seit 40 Jahren immer wieder betreiben und dabei der Selbstfindung und Selbsterkenntnis freien oder nicht so freien Lauf ließen.
Jetzt wollen die Deutschen also auch mal und deswegen verzichten wir nach einer augenzwinkernden Einführung über die beliebtesten RTL-Mechanismen der Ex-DDR auf den Ossi/Wessi-Kram und schicken zwei junge, muntere Kerle gleich direkt in die Vereinigten Staaten, wo man aber mangels Kohle sich den Weg von New York nach San Francisco per Anhalter und Nebenjob samt Freundlichkeit der Mitmenschen erstreiten muß.

Geht man davon aus, daß hier einfach nur eine runde Komödie vom Stapel gelassen werden soll, dann hat Oliver Ziegenbalg mit seinem Drehbuch weitestgehend Erfolg (in diesem Fall: generell schwankt er zwischen deutscher Meister (13 Semester) und Hausmeister (U-900/ 1 1/2 Ritter)). Die Abenteuer zweier braver Ossis in den Staaten mit den wunderbar auf sich zentrierten Amerikanern sind an sich ein leichtes Vergnügen. Kaum wirklich böse Leute unterwegs, dafür schrille Autofahrer, knorrig-freundliche Rockers, nette Diner-Bedienungen und nicht zuletzt eine hübsche deutsch-amerikanische Studentin für eine Prise Herzschmerz.
Unsere Helden stranden, straucheln, stehen wieder auf. Immer wieder öffnet sich ein Türchen, immer wieder latschen sie wieder in ein Fettnäpfchen, immer wieder klettern sie heraus, das ist seichtes Fremdschämen ohne Ekeleffekt und mit Kichergarantie - wobei die Sequenz, in der sie in einer Kleinstadt bemalte Betonteile als Mauerstücke verteilen sowie eine ausgedehnt Stripnummer als Russen in einem schwulen Nachtclub deutlich humoristisch herausstechen.

Lustig macht sich - und das ist äußerst angenehm - zum Glück hier niemand und das gleich über beide Seiten nicht. Es wäre einfach gewesen, sowohl die Ostdeutschen wie auch die Klischee-Amis durch den Kakao zu ziehen, aber Ziegenbalg hat ein Händchen dafür, wann er auf die Bremse treten muß, er vermeidet die Hinterwälderjokes und schafft einiges an Faszination, wenn die beiden motivierten und nicht untalentierten Naivlinge durch "gods own country" stolpern und öfters mal anecken, weil sie es entweder nicht besser wissen oder schlichtweg nicht verstehen, was vorgeht.
Gut, einiges davon ist schlichtweg banal: eine Easy-Rider-Hommage; ein zu überstellender Wagen mit geheimnisvoller Kofferraumladung und immer wieder der Arsch von Matthias Schweighöfer, entweder blank oder in peinvollem Ossi-Feinripp - aber die mehr als motivierte Besetzung spielt immer wieder dagegen an, als sähe man das alles zum ersten Mal - und genau darum geht es ja auch im Plot, der übrigens mehr von seinem verbalen, durch koddrige Ostschnauze ohne Extradialekt getragenen, Dialogen zwischen den Darstellern, die wichtiger sind, als die tatsächlichen Ereignisse. Und zwischen Schweighöfer und Mücke gibt es wirklich passable Chemie, das merkt man in den emotionalen Szenen um so stärker, auch wenn Schweighöfer dazu neigt, praktisch alle zwei Minuten mit dem kompletten Film durchzubrennen und allen die Schau zu stehlen.

Was fehlt, ist nur noch etwas mehr Substanz - also muß natürlich noch das Ziel der Reise her, die Suche nach dem aus der DDR geflohenen Vater, der jetzt von Golden Gate Bridge aus Karten zum Geburtstag schreibt.
Keine schlechte Idee, auch von der finalen Ausführung, aber die Gewichtung, das Verweben der einzelnen Elemente funktioniert nicht reibungslos. Da im Film die Selbstreflexion der Figuren eher mäßig ausfällt (kleinere, eher aufgebauscht wirkende Streitereien, Kritin an der geldfixierten Konsumgesellschaft), gerät das Finale plötzlich ungewohnt bleischwer und da werden die Klischees dann doch wie Rheuma spürbar.
Zuvor verlegte man sich dann doch lieber über den halben Film auf eine seltsame menage-à-troi, bei der das Gefühlsleben untereinander leider sehr unpassend zu den persönlichen Vorstellungen verteilt ist, was zwar etwas klassischer als eine simple "love affair" ist, aber dann auch nur wegen des Konfliktpotentials ins Boot geholt wurde.

Mit 110 Minuten vielleicht ein wenig zu lang, weil man mit vielen Sequenzen wohl einfach zu viel Spaß hatte, und mit einem eher fragwürdig offenen Ende (ohne Beschließung der am Beginn geöffneten narrativen Voiceover-Klammer) versehen, sollte man von "Friendship!" vielleicht nicht zu viel erwarten. Geliefert kriegt man auf jeden Fall einen energiegeladenen und sehr gekonnten Film über das Abenteuer Fremde und die gar nicht so verschiedenen Probleme zweier Kulturen, mit einer für einen deutschen Film enorm hohen Gagquote und beeindruckenden Bildern. Möglicherweise etwas idealistisch inszeniert und blauäugiger, als ihm gut tut, aber nachdem man von deutschen Post-Wende-Produkten entweder nur Blödeleien oder zentnerschwere Vereinigungswehen gewohnt ist, sollte man gerade über diesen Film einfach mal eine Runde abkichern.
Was ja beim deutschen Film selten genug passiert, ohne das man sich dafür gleichzeitig schämen muß. (7/10)

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