Review

Auch wenn das noch nichts aussagt über die tatsächliche Qualität eines Filmes, so ist es doch geboten den historischen Zusammenhang bei einem Film ,der in Deutschland 1944 gedreht wurde, herzustellen.

Es gab klare Vorgaben durch das Propagandaministerium, die unbedingt eingehalten werden mußten.
Dazu gehörte, daß in den Filmen nichts vom Krieg bemerkt werden durfte, natürlich auch keine Zerstörungen und das die Filme eine positive Grundstimmung haben sollten, um das Volk bei Laune zu halten.

Aus diesem Grund griffen zum Ende des Krieges hin immer mehr Regisseure zum Historienschinken oder Fantasiegeschichten a lá Münchhausen. Ein anderes Mittel war der beliebte Musikfilm, meist als Komödie nebst Liebesgeschichte gestaltet, womit Regisseur Käutner auch schon einige Erfahrungen hatte. Hier konnte man verhältnismäßig unverfänglich (falls man nicht als reiner Propagandafilm sowieso eindeutige Absichten hatte) Geschichten erzählen.

Und so wirkt "Die große Freiheit Nr.7" auch oberflächlich als eine mit vielen populären Nummern gespickte Musikrevue, mit dem "Blonden Hans" Albers in der Hauptrolle und einigen populären Komödianten wie Gustav Knuth und Günther Lüders in Nebenrollen. Dazu vermied Käutner jeden Hinweis auf den Krieg.

Er läßt allerdings auch gleich die Nationalsozialisten (und alle ihre Insignien) weg, indem er den Zeitraum in dem der Film spielt wohl etwas zurücksetzt, was aber nicht extra betont wird und offen bleibt....

Doch wer diesen Film für eine Komödie hält, tut ihm in jeder Hinsicht unrecht. Auch die Nationalsozialisten ließen sich (leider) nicht durch die Zutaten blenden und verboten die Aufführung.

Dabei gelang Helmuth Käutner etwas, was auch nach dem Krieg nur wenige deutsche Filme schafften. Er schuf ein realistisches deutsches Zeitbild mit menschlich nachvollziehbaren Charakteren in einer völlig lakonischen und jederzeit abwechslungsreichen und auch amüsanten Erzählweise :

Im Mittelpunkt steht Hannes (Hans Albers), der als "Singender Seemann" auf der Reeperbahn, Adresse Große Freiheit Nr.7, auftritt. Der Film beginnt damit ,daß ihn 2 alte Freunde, die mit ihm zusammen als Seeleute auf dem 4-Mast-Schoner "Padua" arbeiteten, dort besuchen. Hannes singt ein populäres Lied und die alten Freunde fallen sich in die Arme.

Doch schon nach wenigen Minuten durchbricht Käutner das scheinbare Idyll und zwar auf gleich mehreren Ebenen, die er parallel erzählt :

- Hannes wird zu seinem sterbenden Bruder ins Krankenhaus gerufen, den er seit längerer Zeit ablehnt. Im Krankenhaus wirft Hannes ihm eine solche Menge an Dingen vor, daß man sich als Betrachter über solch einen Langmut wundert. Und man erfährt so sehr schnell, daß Hannes mit seinem Job auf der Reeperbahn unglücklich ist, aber das er ihn angenommen hat, da ihm durch den Betrug seines Bruders die Chance genommen wurde, auf See Karriere zu machen. Dabei wirkt Hannes - trotz seiner stattlichen seemännischen Erscheinung - gutmütig bis zur Naivität, weshalb er trotz aller Vorbehalte den letzten Wunsch seines Bruders erfüllt und sich um dessen ehemalige Geliebte Gisa (Ilse Werner) kümmert

- Diese lebt weit von Hamburg entfernt bei ihrer Mutter auf einem Bauernhof, wo sie nach dem Tod des Vaters tatkräftig mitarbeitet. Käutner schildert mit wenigen Szenen, welchen Anfeindungen sie in der ländlichen Gegend ausgesetzt ist, da sie sich nicht wie ein anständiges Mädchen verhalten hat. Sogar ihre eigene Mutter schämt sich für sie, so daß Hannes nicht viele Worte benötigt, um sie zu überreden, wieder nach Hamburg zurückzukehren.

- Käutner macht keine Sekunde ein Geheimnis daraus, daß es sich bei der Reeperbahn um einen großen "Bums" handelt. Ganz offensichtlich machen sich die Mädchen an die Matrosen heran, um an ihr Geld zu kommen. Daß das aus unserer heutigen Sicht fast romantisch wirkt, hat nur mit der veränderten Sichtweise zur Sexualität in den letzten 60 Jahren zu tun. Natürlich spielt Günther Lüders den verprellten Seemann auch in seinem Unglück mit einer gewissen Komik, aber das ist nicht wirklich lustig, sondern eher der insgesamt flotten Erzählweise geschuldet.

- An Hand der Figur Anita , die die "Große Freiheit" leitet erkennt man zusätzlich, daß es mit Hannes Menschenkenntnis nicht sehr weit her ist, aber noch mehr, daß die viel beschworene Seemann-Romantik auch gleichzeitig bedeutet keine Verantwortung übernehmen zu müssen. Klar, das ist auch witzig in Szene gesetzt mit den ganzen Gesängen über das hohe Lied der Freundschaft auf See, aber sobald eben doch eine "ernste" Frauenbeziehung ansteht, werden diese Vorsätze schnell in den (See)Wind geblasen.

Antita liebt Hannes, was dieser auch weiß, aber da sie eben in dem "Bums" arbeitet, kommt sie als "ernste" Beziehung für ihn nicht in Frage

- Im Gegensatz dazu will Hannes deshalb auch nicht, daß Gisa zur "großen Freiheit " geht, denn er hält sie für ein anständiges Mädchen. Und das ist sie sicherlich auch, aber eben nicht in der damals gerne im deutschen Film geheiligten (Mutterkreuz)Form. Sie hat durchaus ein Faible für Kerle, die etwas frech und direkt daher kommen und diesem Typ entspricht der solide Hannes so gar nicht.

- dagegen aber Willem (Hans Söhnker), den Gisa gleich am ersten Tag in Hamburg kennenlernt. Auch Willem ,der bei Blohm & Voss in der Werft arbeitet und stolz ist, kein Seemann zu sein ,ist anzumerken ,daß er Routine im "Anbaggern" hat und Gisa kokketiert sofort mit ihm...

Käutner gelingt es, seine Figuren weder zu verteufeln noch hoch zu jubeln, sondern zeigt sie alle als absolut glaubwürdige Charaktere.

Aber über allen Beteiligten liegt auch immer die Tragik des Scheiterns :

- der - trotz seiner musikalischen Aktivitäten - solide und bürgerliche Hannes, der nur auf See glücklich sein kann und automatisch an Land scheitern muß
- Gisa, die auch nicht aus ihrer Haut kann und dem ersten "coolen" Typen in die Arme fällt, obwohl sie ja schon mit Hannes' Bruder entsprechende Erfahrungen gemacht hat
- Anita, der wohl anständigste Charakter, die keine Chance auf ein bürgerliches Leben mit Hannes hat
- und irgendwie auch die ganzen "lustigen" Seeleute, deren Seefahrerleben immer auch wie eine Flucht vor der Verantwortung wirkt

Dazu gehört auch das ständige Gefühl ,beobachtet zu werden. Immer werden die Protagonisten mit der Meinung ihrer Umgebung konfrontiert, die von Mißtrauen und Vorwürfen geprägt ist. Man kann sich gut vorstellen - selbst für den heutigen Betrachter -, daß es unter diesen Umständen nicht einfach war, sich nicht der Norm zu unterwerfen.

Käutner gelingt eine klassische Tragikomödie, die sehr gut unterhält und mit beeindruckendem Tempo erzählt wird, aber einen auch gleichzeitig sehr traurig macht. Ein deutsches Meisterwerk (9/10).

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