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Ein treuloser Samurai kehrt nach Jahren zu seiner verlassenen Ehefrau zurück und erlebt eine garstige Überraschung; zwei Holzarbeiter begegnen in einem Schneesturm einem todbringenden Schneegeist; ein blinder Mönch spielt jede Nacht den Geistern einer adligen Kriegerfamilie auf; und ein Schriftsteller begegnet in einer Tasse Tee einem mysteriösen Fremden.

Der japanische Episodenhorrorfilm „Kwaidan“ sorgte Mitte der 60er-Jahre für einige Furore: Der Preis der Jury in Cannes und eine Oscarnominierung als bester nichtenglischsprachiger Film machten ihn international bekannt. Und noch heute kann er mit seiner opulenten Inszenierung, kraftvoll-mystischen Visualität und unheimlichen Geistergeschichten nicht nur Genre-Fans überzeugen.

Vor allem die Bildgestaltung ist es, die immer wieder Akzente setzen und in ihren Bann ziehen kann – und das von der allerersten Einstellung an: Nach dem ruhigen Vorspann blendet der Film auf zu einem nächtlichen, verlassenen Haus, in dessen Schatten Vorhänge im Wind wehen. Begleitet von einem mysteriösen Klackgeräusch, das man nicht wirklich einordnen kann, gleitet die Kamera durch verfallene Räume, wucherndes Gras und heruntergekommene Gänge. Schon mit dieser Einführung entwickelt sich innerhalb von Momenten eine intensive Gänsehaut-Atmosphäre, die sich nach einer Rückblende zur Geschichte des Hauses und des Samurais bei dessen reuevoller Rückkehr schnell wieder einstellt.

In den ersten beiden Episoden bleibt die Tonspur beinahe durchgehend so surreal wie in dieser Anfangsszene: Die Handlung wird großteils von einem Sprecher aus dem Off erläutert, während die agierenden Figuren nur relativ wenige Dialoge haben. Die realen Geräusche der Umgebung werden beinahe vollständig ausgeblendet, stattdessen gibt es in der ersten Geschichte immer wieder dieses nie ganz verständliche Geräusch und in der zweiten einen schrill-disharmonischen Score, der sich mit tiefer, beklemmender Stille (trotz Schneesturm) abwechselt. Schon diese surreal-bedrückende Tonkulisse kann für einiges Unbehagen sorgen. In Verbindung mit dem starken Setting – verfallenes nächtliches Haus, unwirtliche, vom Schneesturm gebeutelte Wildnis mit einsamer Hütte – und wenigen, aber überaus gelungenen Spezialeffekten entsteht so eine düstere Atmosphäre subtilen Grusels, die durchgehend in ihren Bann ziehen kann.

Auch die ausdrucksstarke Kamera trägt den ganzen Film hindurch ihren Anteil zur gelungenen Inszenierung bei: Während Ton und Score in den zwei letzten Episoden weniger surreal werden, bleibt die Kamera ihrem Prinzip durchgehend treu, zwischen zurückhaltendem Gleiten durch die Handlungsräume und über Details hinweg und plötzlichen Ausbrüchen zu wechseln: Wenn der Samurai vor seiner grausigen Entdeckung zu fliehen versucht, kippt die Kamera plötzlich in bedrohliche Schräglage. Und wenn sich die Schneefrau ihren Opfern nähert, geben Close-ups auf ihre Augen einen Eindruck ihrer beängstigenden Unmenschlichkeit.

Die dritte Episode schließlich begeistert mit Schlachtenszenen, die nicht auf Realismus oder Überwältigung abzielen und trotzdem mit beeindruckender Ästhetik gefallen: Im nebelverhangenen Fluss treiben die Boote der Kämpfenden aufeinander zu, die sich bald blutig bekriegen. Die daran anschließende Geistergeschichte kann nicht mehr ganz den intensiven Grusel der ersten beiden Episoden halten, gefällt aber mit einer bösen Schlusspointe. Nur die vierte und letzte Geschichte fällt im Vergleich ein wenig ob ihrer skurrilen Grundidee ab und zieht den Film zum Schluss etwas in die Länge. Doch auch hier bleiben Kamera, Score, Ausstattung und Atmosphäre auf dem hohen Niveau des ganzen Films.

„Kwaidan“ ist ein echter Klassiker des japanischen Geisterfilms, der mit großem Aufwand an Ausstattung und Kulissen (die beeindruckend sind, auch wenn sie ihre Künstlichkeit zu keiner Zeit verbergen), einer dichten Gruselatmosphäre vor allem in der ersten Hälfte und grandioser Kamera- und Score-Arbeit Genre-Fans und Cineasten zu überzeugen versteht. Dass man als westlicher Zuschauender noch faszinierende Einblicke in japanische Folklore und Historie erhält, ist ein kleines Sahnehäubchen. Wer auf künstlerisch wertvolle Horrorfilme weitab ihres zeitgleichen Mainstreams steht, kommt an diesem Wunderwerk keinesfalls vorbei.

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