Mit „Crash“ inszenierte David Cronenberg einer seiner stillsten und gleichzeitig intimsten Film, der seine Rezipienten stark fordert, denn hier gibt es ein schwer nachvollziehbares Thema zu goutieren: die emotionale Entfremdung und die daraus resultierende Kompensation von fehlenden Gefühlen, indem man sich dem erotischen Nervenkitzel von Autounfällen hingibt.
James Spader und Deborah Kara Unger geben hier ein Ehepaar, daß sich soweit von einander entfernt hat, daß es sich beim Sex schon nicht mehr in die Augen blickt, wenn man denn überhaupt mal miteinander fickt, vorzugsweise von hinten, während beide vor sich hinsinnieren oder von ihren schmalen Offenbarungen sexueller Frustration und anderen körperlichen Abenteuern berichten.
Erst als sie bei einem Autounfall einen entgegenkommenden Fahrer durch die Frontscheibe bekommen und selbst mit Knochenbrüchen galore enden, kommt ihr Leben in Fahrt. Wie zufällig geraten sie an eine Clique von ähnlich gearteten Zeitgenossen, die tödliche Unfälle von Berühmtheiten nachstellt, um sich einen Kitzel zu verschaffen – bis das Extrem der scheinbar einzige Lebenszweck wird.
Cronenberg verbirgt die wahre Welt vor den Augen des Zuschauers und läßt sie so seine Protagonisten gar nicht mehr wahrnehmen. Elias Koteas gibt einen wahren Fanatiker des motorisierten Todes, dessen Frau (Rosanna Arquette) nur noch durch ein Metallkorsett von der Stelle kommt, während sie ihren nächsten Crash in Gedanken plant. Gleichzeitig verführt Spader Holly Hunter in unmöglichen Stellungen hinter dem Steuer im nächsten Parkhaus und macht so das Automobil zum modernen Fetish, die letzte Bastion wahrer Leidenschaft.
Ohne merkliche Spannungskurve und nur getragen durch die sexuell stimmige Bildsprache führt uns Cronenberg seine zur Kommunikation kaum noch fähigen Protagonisten vor, die allesamt mehr für sich leben und im riskanten Geschäft des Fahrens die einzigen Berührungspunkte finden.
Dabei wagt er sogar eine Art Happy End, in dem er das zentrale Pärchen schließlich nach dem letzten Unfall in einem finalen Akt im Straßengraben zusammen kommen läßt (im wahrsten Wortsinne), ohne daß die Straße ins Bild kommt, der Mensch hat somit zur eigentlichen und zu seiner wahren Natur gefunden.
Da die Obsession die Bilder bestimmt, ist es verdammt viel Arbeit bei soviel Abgegrenztheit dranzubleiben, denn die Fremdartigkeit sind der bestimmende Moment allen Geschehens – trotzdem muß man vor dem Filmemacher den Hut ziehen, der sich und sein Projekt vor alles stellt und so sein Publikum zu vergrätzen riskiert, indem er keine Fortentwicklung, keine Analyse und keine Lösungen bietet.
Fremdartiges Kino vom anderen Stern oder aus dem Winkel sexuellen Verlangens, in dem wir noch nicht wahren – Cronenbergs neues Fleisch ist in den 90ern endgültig zu Stahl und Blech geworden. Die Zukunft ist jetzt. (7/10)