Review

Autounfall vorm Swingerclub


„Crash“ ist faszinierend. Sexy, erotisch, mysteriös, intim, mutig und apokalyptisch wie kein anderer Film auch. Und dennoch konnte er mich am Ende nicht vollends überzeugen. Ich staune über ihn, finde ihn anziehend und sinnlich, erschreckend und speziell, allerdings macht die grundsätzliche Geschichte für mich zu wenig her, um ihn zu meinen liebsten Cronenbergs zu zählen. Immer noch weit besser als der durchschnittliche Output anderer Regisseure und vollkommen er, doch insgesamt einfach zu wenig „Fleisch auf den Rippen“. Hier fühlt sich alles eher an, als wäre es um eine (geniale) Idee, Metapher, Atmosphäre aufgebaut, statt um eine ausgewachsene Story oder ausgezeichnete Figuren. Wir folgen einem Mann, der sich in einer sexuell sehr aktiven und scheinbar offenen (!) Beziehung mit einer attraktiven Blondine befindet. Als er einen heftigen Autounfall hat, bei dem u.a. sein Bein mehrfach bricht, fühlt er sich plötzlich nicht nur zu seiner ebenfalls polyamorösen „Unfallpartnerin“ hingezogen, sondern zu Unfällen und Blechschäden allgemein, was ihm die Tore zu einer sehr eigenen Truppe öffnet, die ähnlich empfindet wie er...

Was sich anhört wie „Eyes Wide Shut“ gepaart mit „The Onania Club“ und vielen PKWs, könnte nicht typischer für David Cronenberg sein. Sowohl körperlich wie metallisch aber vor allem psychologisch ist das hier schon großes Kino. Freud wäre erfreut und vielleicht auch etwas verstört und geschockt. Ziemlich abgefuckt, mit Zündstoff, krank und clever gleichermaßen. Genau das, was wir an Cronenbergs Visionen und Werken lieben. Die Aussagen zum Gaffertum, zur Schadenfreude, zum Zusammenhang von Schmerz und Euphorie, von Gefahr und Erotik, von Tod und Orgasmus, von Wunden und Geschlechtsöffnungen, sind absolute Brainfucks und mehr als interessant. Außerdem spielt das Ensemble stark, gewagt und mutig, allen voran ein wohl ewig unterschätzter James Spader. Nur leider tritt (oder passender gesagt fährt) die Handlung gefühlt auf der Stelle. Psychologische Entwicklungen sind da, storytechnische nicht wirklich. Zu viele Orgasmen, zu wenig Höhepunkte. Spannung ist eher rar gesät, erotische Anspannung und sexuelle Irrungen und Wirrungen werden höher gehängt. Tabus werden angeschnitten, Knochen werden gebrochen, Köpfe (und vielleicht andere Körperteile) werden zum Rauchen gebracht, neue Wege werden erschlossen - alles grandios. Aber im Endeffekt will ich auch eine Geschichte erzählt bekommen, mit einem aufregenden, spannenden, überraschenden Handlungsbogen - und das sehe ich hier nur sehr sporadisch. 

Fazit: das nenne ich mal GeschlechtsVerkehr... Erotisch und verdreht, eklig und interessant, gewagt und unique, sachlich und körperlich, menschlich und wirtschaftlich, PS und Perversion. Mit seinem Blech-Body-Horror-Fetisch-Schmankerl lässt Cronenberg so manch einen Gummi glühen. Selbst wenn ein wenig mehr Story und Zug zum Ziel gut getan hätten auf dieser sinnlichen Fahrt. Famos und voller Einzigartigkeit ist das Ding dennoch. Ein Ausstellungsstück. 

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