Review

Bei manchen Beiträgen, die man flüchtig als Neo-Noir abstempeln könnte, geht nie so recht hervor, ob die Verpackung der Geschichte als großflächiges Stilmittel genutzt wird, oder man sich bewusst am Film noir orientiert, um jenem zu huldigen.
Dieser bulgarische Streifen hinterlässt so einen zwiespältigen Eindruck: Regisseur Javor Gardev weiß die Versatzstücke des Genres exakt einzusetzen, verliert sich jedoch ein wenig zu sehr in episodenhafte Anekdoten.

Erzählt wird die Geschichte über Motte (Zahary Baharov) im kommunistischen Bulgarien zwischen 1945 bis zu Beginn der Sechziger.
Viele Jahre saß er wegen Mordes unschuldig im Knast, doch mit seiner vorzeitigen Entlassung treten auch Figuren seiner Vergangenheit auf den Plan, denn sein ehemaliger Komplize Schnecke (Vladimir Penev) will aus ihm das Versteck eines Diamanten herauskitzeln, während Motte seine Jugendliebe Ada (Tanya Ilieva) sucht…

Komplett in Schwarzweiß gedreht, vermittelt der Streifen eine trostlose Stimmung die über allem schwebt.
Die nicht-lineare Erzählweise setzt mit der Entlassung von Motte ein, geht zurück in die Zeit des Knastaufenthaltes, um danach aufzuschlüsseln, wie der Überfall auf einen Juwelier ablief, der schließlich die Verhaftung nach sich zog.
Dabei wird die Erzählstimme aus dem Off zuweilen ein wenig überstrapaziert. Zu Beginn erweist sie sich noch als hilfreich, die Hauptfigur und seine Beweggründe besser kennen zu lernen, später verliert sie sich stark in Philosophien und untermauert lediglich, was der Zuschauer ohnehin zu Gesicht bekommt.

Die nicht chronologische Struktur verschafft der Erzählung hingegen ein gesundes Maß an Abwechslung, nimmt sich Zeit viele Metaphern einzubauen und spielt gekonnt mit einigen Symbolen, die von der Gottesanbeterin bis zum Zift (eine Art schwarzer Harz/Kautabak/Shit aus dem Arabischen) reichen, während ein paar außergewöhnliche Kameraperspektiven für Hingucker sorgen, etwa als bei einem Boxkampf im Knast ein Glasauge im hohen Bogen fliegt oder Motte während einer Fluchtszene aus der Vogelperspektive abgelichtet wird.
Inszenatorisch ist der Film auf ziemlich stilsicherer Seite.

Die Story selbst hakt hingegen an einigen Ecken und Kanten und verliert sich immer wieder in kleine Abstecher, die den Kern der Sache vorläufig zum Stocken bringen.
Wenn ein Freund im Knast seine Lebensweißheiten vom Stapel lässt, erinnert das zwar recht angenehm an „Die Verurteilten“, bringt aber nichts, weil man im Verlauf nicht mehr auf diese Sequenz zurückgreift. Gleiches gilt für den Besuch in einer Praxis, als diverse Patienten recht makabere Geschichten zu erzählen wissen, während Motte dem Ganzen nur teilnahmslos beiwohnt.
Erst im letzten Drittel besinnt sich der Inhalt wieder zu seinem eigentlichen Genre und fokussiert jene Figuren, die beim noir entscheidend sind: Anti-Held, Widersacher und Femme Fatale.

So vermag der Ausgang auch kaum zu überraschen, wenn man bereits notiert hat, wie deutlich die Anlehnung an Vorbilder des Genres ausfällt. Hier steht oftmals Form über Inhalt, Überraschungen sind kaum zu erwarten und wenn erneut die Zeitansage aus einem Radio erklingt, wird auch der letzte Zuschauer begriffen haben, für wen das letzte Stündlein geschlagen hat.

Dennoch liefert „Zift“ einen erfrischenden Beitrag, der darstellerisch zwar nicht über Mittelmaß hinauskommt, sich aber immer wieder geschickt mit inszenatorischer Spielfreude in den Vordergrund rückt und kleine erzählerische Hänger zu kaschieren versteht.
Krimi, Knast-Drama, der Weg einer gescheiterten Existenz, - all das verknüpft der Streifen zu einem sehenswerten Mix mit kleinen Schwächen, aber gut durchdachtem Gesamtkonzept.
7 von 10

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