Review

Nachdem ich den Film einige Male im Original gesehen habe, bekam ich jetzt erstmals die deutsche Fassung in die Finger. Dies sei nun der Anlass, meinen Senf zu diesem Werk abzugeben: 

Der Film dreht sich um eine Clique aus der englischen Stadt Cardiff, um Musik, die sie begeistert, um Drogen, die sie nehmen, und um Clubs, House-Partys und Discos, die sie im Zuge ihrer Wochenenden besuchen. Ein typisches Wochenende ist praktisch der Rahmen, in dem dieser Film erzählt wird. Die Clique besteht aus Jip (Hauptfigur), Koop, Moff, Nina und Lulu. Jeder hat so sein Päckchen zu tragen, sprich die einen haben Probleme mit Ihren Eltern, die anderen haben einen nervenden Job, der eine bekommt keinen hoch (!!!), etc.  

Um der überaus unfairen, kalten und rücksichtslosen Zeit zu entfliehen, retten sich die Protagonisten als typische Vertreter der englischen Club Szene in ihr Wochenende, an dem sie es immer krachen lassen, als wären dies ihre letzten freien Tage auf diesem Erdball.

Man erlebt (oder besser durchlebt) mit der Clique ein komplettes Wochenende, von Freitag Abend bis Sonntag Abend, während dem sie ihre Vorstellungen von Spass, Einheit, Freiheit, Entspannung, Nervenkitzel und Liebe durchleben, inklusive der Depressionsphase nach den großen Partys.  

Darsteller: Ich finde, man kann den Darstellern anmerken, wie viel Spaß sie während der Drehzeit hatten. Man kann sich auch vorstellen, dass die Darsteller sich nicht sehr zu verstellen brauchten, und daher mehr oder weniger alle Darsteller sehr natürlich und voller Spielfreude agieren. Die Performances sind allesamt stimmig und sehr authentisch – man erwischt sich andauernd dabei, wie man mit einem wissenden Nicken und einem Grinsen vor der Flimmerkiste sitzt. Die Intention des Regisseurs wurde hier von allen Schauspielern vorzüglich umgesetzt, was man gerade in den internen Diskussionen und Gesprächen der Gruppe wahrnehmen kann.  

Soundtrack:Absolute Spitze! Von Breakbeats über den ein oder anderen HipHop Tune, über Trance bis hin zu Drum’n’Bass ist auf diesem Soundtrack alles vertreten, was die Jugend von heute (und sogar mich selbst) begeistert. Einfach Musik, die man auch in den entsprechenden Clubs erwarten würde - und daher absolut passend zur Story. Irgendwelche MTV Acts sucht man hier Gott sei Dank vergebens, es wurde sehr darauf geachtet, die Auswahl der Musik szene- und untergrundgerecht zu gestalten.

Inszenierung: Sehr, sehr stimmig! Man kann das eigene Adrenalin durch die Adern pumpen hören, während man mit den Jungs und Mädels durch die Diskos einer englischen Grosstadt zieht. Oder man fühlt sich sofort heimisch im lokalen Recordstore. Oder das Gerede der Eltern über Drogen und die Jugend von heute kommt einem unheimlich bekannt vor. Oder man denkt zurück an den letzten nervenden Job, den man selbst hatte. Oder man versteht die Darsteller, wenn sie nach der Party gegen morgen deprimiert und voller Leere im Kopf auf dem Rest irgendeiner Hausparty rumhängen. Oder man riecht die zigarettenrauch-geschwängerte Luft in der Kneipe Sonntag Abend – sozusagen der letzte Versuch noch etwas Abstand zu seinem Leben zu bekommen, bevor der alltägliche Trott und der Unsinn einen wieder einholt.  

Man nimmt förmlich teil an ihrer Unsicherheit und an ihrer Suche nach Orientierung in diesem unwirtlichen und unwirklichen Leben, dass manchmal wie eine Satire seiner selbst wirkt. Kurzum: Man erkennt sich selbst an jeder Ecke des Filmes in irgendwelchen Darstellern wieder.  

Das einzige, was mich etwas störte, waren die ein oder anderen Längen im letzten Drittel des Films. Aber dies entspricht wohl auch der allgemeinen Stimmung der Darsteller, deswegen ist dies nicht über zu bewerten.  

In meinen Augen stellt dieser Film sozusagen eine Art Gegenpol zu Trainspotting dar, und zwar mehr in der Szene der elektronischen Mucke und des Clubwesens. Die behandelten Figuren sind nicht ganz so abgestürzt wie in Trainspotting, jedoch jeder für sich trotzdem tragisch und auf seine Art von der Gesellschaft und den individuellen Gewohnheiten (wie z. B. dem regelmässige Drogenkonsum) gezeichnet. Der Humor ist nicht ganz so schwarz wie in Trainspotting, trotzdem herrscht an Situationskomik, dummen Sprüchen und abstrusen Begebenheiten kein Mangel. Keine Szene ist so überzogen dargestellt, dass man sie nicht als authentisch einstufen könnte. Es gibt eben nichts Verrückteres als dass wirkliche Leben und den alltäglichen Wahnsinn, den wir jeden Tag erleben.

Noch ein kurzes Wort zum Thema Moral:
Viele haben ein Problem mit der Aussage dieses Films. Manche meinen sogar, dass er den Drogenkonsum im Allgemeinen verherrlichen oder sogar verharmlosen würde. Dies kann ich selbst nicht so bestätigen. Genau wie in Trainspotting werden sowohl die angenehmen Seiten des Konsums, wie auch deren Schattenseiten oder die späteren Konsequenzen aufgezeigt. Mit Selbstkritik wird an diesem Film nicht gegeizt – auch wenn diese subtil in die Story mit eingebunden sind, klingen diese Kritiken sehr oft durch.

Wie auch in Trainspotting wird man aber in Sachen Drehbuch und Story keinen erhobenen Zeigefinger finden – etwaige Lehren zieht man hier wieder aus den Schicksalen und Erkenntnissen der Darsteller, und nicht aus irgendwelchen abgedroschenen Phrasen oder durch stichpunktartige Einblendung der weiteren fatalen Schicksale während des Abspanns. Eine gute und authentische Story braucht eben keine moralischen Ergänzungen, sondern spricht für sich selbst.  

Ich gebe dem Film 9 von 10 Punkte, weil sich der Film in den letzten 20 Minuten kurz in der ein oder anderen Länge verliert. Trotzdem ist Human Traffic bis jetzt ohne Zweifel die authentischste, ehrlichste und witzigste Darstellung zu diesem Thema.

Details
Ähnliche Filme