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Satire ist immer dann am besten, wenn man sie nicht sofort bemerkt, bis sie den Zuschauer dann plötzlich in den Allerwertesten beißt. Was 1976 einen tief- bis pechschwarzen Anstrich hatte, nämlich Sidney Lumets „Network“, ist ein Vierteljahrhundert später jedoch längst Realität geworden und die finale (und lethale) Konsequenz ist etwas, was wir selbst kaum noch zur Kenntnis nehmen würden.

Das Monstrum Fernsehen ist hier Ziel- und Kernpunkt, eine inzwischen seelenlose Maschine, die nur auf Einschaltquoten und Sensationen achtet, nicht mehr auf Menschen. Angetrieben von Nielsen-Ratings und spektakulären Aktionen, die Zuschauer binden sollen, hat sich der Medienbetrieb in ein Metropolis der Globalisierung verwandelt – einen Konzern, der Wirtschaft und Politik beeinflußt und von ihr beeinflußt wird, ein neuer Gott der Allgegenwärtigkeit.

In dieser verachtenswerten Maschinerie begleitet „Network“ die Schicksale einer Gruppe von Menschen, die aus diesem Dilemma unterschiedliche Wege suchen und weder scheitern noch triumphieren.
Howard Beale (Peter Finch) etwa hält den zunehmenden Druck der Unmenschlichkeit irgendwann nicht mehr aus, er sucht den emotionalen Weg und brennt aus, in dem auf den bestehenden Zustand sozusagen scheißt. Doch sein Aufbegehren wird selbst wieder Teil der Marketingmaschinerie und als sein Massenappeal Gefahren heraufbeschwört, wird sein religiöser Rettungsfanatismus in Resignation gebrochen.
Sein Freund und Kollege Max Schumacher (William Holden) geht den umgekehrten Weg, er resigniert und kann am Ende wenigstens seine Seele retten, obwohl er in das Verhängnis hineingerissen wird und sich auf eine verhängnisvolle Affäre mit seiner jüngeren Kollegin Diana Christensen (Faye Dunaway) einläßt, was ihn seine bürgerliche Existenz kostet.
Christensen wiederum ist das offensichtliche Kind des Medienzeitalters, bar jeder wahren Emotion, die nicht auf der Mattscheibe einstudiert oder vorgeführt wurde, wie es ihr der zynische Max bei mehreren Gelegenheiten vorführt.
Durch diese Betonung der erzählerischen Pfade und Wendungen des Fernsehens bricht der Film mit der eigenen Herkunft und mit den Erwartungen des Zuschauers, der natürlich einen entsprechenden Plot-Verlauf erwartet, den er aber hier dann nur präsentiert bekommt, wenn er mit reichlich Wermut bitter eingefärbt wurde.

Was an Nebenfiguren auftritt, ergänzt des Panoptikum des Grauens: Robert Duvalls Hackett ist ein Karrieretyp erster Garnitur, der den Mensch im System gar nicht mehr wahrnimmt, Ned Beattys Network-Chef Jensen gar ist ein größenwahnsinniger Machtmensch mit Gottkomplex, der nur mühsam gebändigt werden kann.

All das wird in Lumets Film als eine Art semi-authentischer Fall vorgeführt, halbdokumentarisch kommentiert von einem Off-Kommentator und versehen mit Orten und Daten, die praktisch in der (damals) aktuellen Gegenwart liegen/lagen. Paddy Chayefskys außergewöhnliches Skript führt den Weg knallhart kalkulierend in die Zukunft und bricht auch nie mit dem neuen Status Quo der Medienlandschaft – im Gegenteil, die Menschenverachtung macht am Ende sogar vor bestelltem Mord nicht halt, um den Zustand zu wahren, die logische Konsequenz aller Entwicklungen, selbstverständlich live, in Farbe und vor laufender Kamera.

Heute liest sich „Network“ wie ein realistischer Blick hinter die Kulissen, so daß man den Autoren wahrhaft ein Kompliment für die Vorausschau machen kann. Wenn der Mord an Beale am Ende wiederum ein Teil der Medienlandschaft wird und die vielen Bildschirme sich immer mehr mit Banalitäten füllen, während die nicht mehr neue Nachricht des Todes in den Hintergrund rückt, dann sind wir wieder im Hier und Jetzt angekommen.
Da fällt es einigen sicher schwer, sich daran zu erinnern, daß man als Mensch immer noch die Möglichkeit hat, wie das Volk in der Mitte des Films die Fenster aufzureißen und zu schreien: „Ihr könnt mich mal alle Arsch lecken. Ich laß mir das nicht länger gefallen!“
Daß es dazu kommen könnte, aber nicht wird – das muß „Network“ gar nicht extra betonen. (9/10).

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