Review

"Ihr könnt mich alle am Arsch lecken – ich lass' mir das nicht länger gefallen!"

„Network“ ist nach „Die 12 Geschworenen“ und „Dog Day Afternoon“ ein weiterer hoch angesehener Film im Repertoire von Sidney Lumet, der damit für den Academy Award als bester Regisseur nominiert wurde (neben 5 weiteren Nominierungen, davon eine für den besten Film, sowie 4 handfesten Oscars).
Die metaphernreiche Mediensatire, oder besser –dekonstruktion, beginnt eher amüsant mit dem Nachrichtensprecher Howard Beale (Peter Finch), der nach langjähriger Arbeit entlassen wird – natürlich wegen der allgegenwärtig lauernden Einschaltquoten. Er zeigt im Abgang Courage, und schimpft in seiner (vermeintlich) letzten Sendung auf das Leben im Allgemeinen.
Schon beginnt sich die studierte Medienwissenschaftlerin und Programmmanagerin des Senders (Faye Dunaway) für den alternden, gebrochenen Mann zu interessieren, da sie weiß dass offene Wut und Enttäuschung beim Zuschauer ankommen.
Beale wird zur festen Institution im Abendprogramm, wo er nach Herzenslust seine Predigten und Hasstiraden über Gott und die Welt loswerden kann. Die Zuschauer lieben ihn, die Quoten steigen gen Himmel. Es werden immer mehr kuriose und extreme Shows hinzugenommen, nur um die Gier des Publikums nach Gewalt, Dramatik, Entwürdigung und Verfall zu stillen – Exploitation eben. Als Beale beginnt, diese Erwartungen nicht mehr zu erfüllen und immer mehr in höhere Sphären abzudriften, ist die Chefetage des Senders gezwungen, ihn loszuwerden, da er dessen Eigentümer hinter sich hat.

Trotz all der zündstoffhaltigen Komponenten entwickelt der Film im Gegensatz zu den anfänglich genannten Werken Lumets relativ wenig Dynamik. Er ist mehr fiktive Dokumentation als das von Lumet geprägte „Thrilling Drama“. Gerade das macht ihn aber nicht weniger fesselnd. Die Darsteller (allen voran Faye Dunaway und William Holden als Freund Beales) legen nicht nur die Motive ihrer Charaktere und ihre offensichtlichen Schwächen dar. Es ist einfach faszinierend ihrer Entwicklung zuzusehen, wie sie sich immer mehr selbst verlieren, um etwas zu gewinnen, was sie ihr Gewissen kostet, sei es Liebe, die keine ist, oder Erfolg, der im skrupellosen Wahn endet.
Die Auftritte von Beale machen vor allem Spaß. Es fallen mehr Schimpfworte als in einem Tarantino-Film, und die atemlosen Wutausbrüche, die jedes Mal mit einem sprichwörtlichen Zusammenbruch enden, gehören zu den Höhepunkten des Films.
Aber es gibt noch mehr: publicitygeile Freiheitskämpfer, ein egomanischer Firmenboss (Ned Beatty), schulterzuckende Studioangestellte, ein trockener Off-Kommentator, der typische selbstüberschätzende, machthungrige Produzent (Robert Duvall). Alles da, was eine ordentliche Farce braucht, die heute um so mehr zu sagen hat als zu ihrer Zeit. Reality TV, Sensationsnachrichten, Gameshows, in denen die Kandidaten immer noch so tun, als würden sie das alles freiwillig mit sich machen lassen – das Fernsehen, wie wir es jeden Tag erleben und mit gewohnter Langeweile kritisieren und kritisieren lassen, es aber dennoch nicht missen wollen, zeigt es uns: berechnend spiegelt es das was seine Zielgruppe ausmacht, und ist damit selbst sein härtester Kritiker.
Die manchmal etwas überzogenen Dialoge kann man als Stilmittel durchgehen lassen, allerdings kranken diese Stellen im Drehbuch wohl doch an etwas übereifrigem Willen, die Message des Films zu kommunizieren, manche Charaktere erscheinen dadurch leicht unglaubwürdig.
Alles in allem ist es „Network“ über seine 2 Stunden gelungen, mich zu fesseln und mir auch zwei oder drei Mal einen ordentlichen Lacher zu entlocken, was nicht oft vorkommt, wenn ich einen Film allein sehe. Das sind zwei große Pluspunkte auf meiner Liste. Zusammengenommen mit dem fantastischen schauspielerischen Aufgebot und der wie immer gnadenlos präzisen Regie ein Muss für jeden der mit nachdenklichen Filmen etwas anfangen kann. Wer mehr Fingernägelknabberatmosphäre will, ist wahrscheinlich bei den „12 Geschworenen“ etwas besser aufgehoben. Alle anderen sollten jetzt nicht zögern und ihn schnellstmöglich sehen, und danach am besten einmal im Jahr, um zu wissen, dass man nicht allein ist mit dem Bewusstsein, dass die Fernsehwelt sich zunehmend zu etwas entwickelt, was sich schon vor langer Zeit abgezeichnet hat. (8 / 10)

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