„Der Soldat James Ryan“ ist sicherlich umstritten, stellt in meinen Augen aber einer der besten Antikriegsfilme überhaupt dar.
Schon die Auftaktsequenz zeigt wie kein anderer Film das Grauen des Krieges: Es ist 1945 in der Normandie und die amerikanischen Truppen setzen zur Landung an, doch die deutsche MG-Bunker bewachen den Strand und mähen die Männer bei der Landung grausam nieder. Unter großen Verlusten können die Amerikaner den Strand nehmen, doch die Schlacht ist grausam. Das Geschehen wird mit der Handkamera aus der Nähe verfolgt, teilweise taucht man zusammen mit den Soldaten in das kalte Wasser und fühlt sich sofort direkt in die Szene hereingesetzt. Rund 30 Minuten konfrontiert Spielberg den Zuschauer schonungslos mit Tod und Verstümmelung in der explizitesten Weise und verlangt ihm starke Nerven ab, aber eingängigere Sequenz kann wohl kein Antikriegsfilm aufbieten.
Danach wendet sich der Film seinen Hauptfiguren zu, einer kleinen Gruppe unter der Leitung von Captain Miller (Tom Hanks). Man hat sie alle bereist während der Landung wahrgenommen, doch erst jetzt erfährt man wirklich worum es geht. Der kleine Trupp soll den Soldaten James Ryan finden und ihm erklären, dass er vom Kriegsdienst befreit wurde, da bereits alle seine Brüder gefallen sind. Die Geschichte beruht übrigens auf wahren Begebenheiten, obwohl einige Leute ja weinen, Spielbergs Film würde mit einer unrealistischen Story daherkommen. Doch die Männer müssen erst durch den Irrsinn des Krieges zur Front vorstoßen, um Ryan überhaupt zu finden…
Viele behaupten gerne, Spielbergs Filme ließe nach der beeindruckenden Eingangssequenz nach, doch vielmehr wechselt Spielberg die Ebene: Nachdem der Anfang dem Zuschauer das Kriegsgrauen in aller Härte um die Ohren knallt, so hinterfragt der nun folgende Part die Mission der Männer. Ist es gerechtfertigt das Leben von acht Männern aufs Spiel zu setzen, um einem einzelnen die Rückkehr zu ermöglichen? Kann man die Mission vernachlässigen, wenn man z.B. der Zivilbevölkerung helfen kann? Soll man einen deutschen Kriegsgefangenen am Leben lassen, wenn man ihn nicht mitnehmen kann? Erfreulicherweise gibt „Der Soldat James Ryan“ keine platten Antworten, sondern lässt die Fragen teilweise offen. Im Film müssen zwar Entscheidungen getroffen werden, aber sie werden getroffen, weil Miller als charismatischer Anführer die Leitung hat und nicht immer, weil sie richtig sind.
Zudem kann „Der Soldat James Ryan“ mit eingängigen Charakteren aufwarten, obwohl man nur im Falle von Miller wirklich viele Hintergrundinformationen über sein ziviles Leben bekommt. Doch der Rest der Truppe gewinnt durch die Gespräche, welche die Soldaten führen, Profil: Es handelt sich bei weitem nicht nur um strahlende Helden, sondern einige sind noch nicht mal so richtig von der Richtigkeit ihres Tuns überzeugt oder haben sogar soviel Angst vor dem Kriegsgeschehen, dass sie damit ihre Kameraden in Gefahr bringen. Zudem verhalten sich die Soldaten nicht immer strahlend, sondern erschießen z.B. deutsche Soldaten, die sich bereits ergeben haben.
Will man „Der Soldat James Ryan“ etwas ankreiden, dann ist es das Finale, das doch platter als der Rest des Films daherkommt. Hier verlässt Spielberg die ruhige, nachdenkliche Schiene und präsentiert ein vergleichsweise simples Endgefecht, Heldentode und ein wenig Pathos inklusive. Die US-Soldaten kämpfen hier gegen eine Übermacht der Deutschen und die Verluste auf Seiten der Deutschen sind dann doch etwas unrealistisch hoch. Sicherlich ist auch dieses Gefecht gut gemacht und die Sterbeszenen durchaus dramatisch, sodass sie den Zuschauer berühren, aber es will einfach nicht so recht zu dem deutlich kritischeren Rest des Films passen.
Ansonsten bietet „Der Soldat James Ryan“ außer dem Auftakt und dem Finale noch ein paar weitere Kriegsszenen, die dann nicht ganz so aufwühlend wie der Eingang, aber nicht so platt wie der Showdown sind. Jedoch kommen alle Feuergefechte sehr eingängig daher, da die Benutzung der Handkamera für eine sehr lebensnahe Atmosphäre sorgt und auch die Ausstattung sehr gut ist: Egal ob es sich dabei um Uniformen, Waffen oder Fahrzeuge handelt, „Der Soldat James Ryan“ bildet die Realität des Zweiten Weltkrieges so gut wie möglich nach.
Schauspielerisch kann „Der Soldat James Ryan“ mal wieder mit einem großartigen Tom Hanks aufwarten. Überzeugend gibt er den Anführer, der im zivilen Leben an sich Lehrer ist, und der selbst nicht immer von der Mission überzeugt ist, jedoch die Entschlossenheit besitzt, die Sache durchzuziehen – und das weil er es für richtig hält und nicht, weil er eine eindimensionale Heldenfigur ist. Auch der Rest der Besetzung, u.a. Vin Diesel und Matt Damon in frühen Rollen, spielt sehr eingängig und verleiht den Soldaten Profil.
„Der Soldat James Ryan“ ist ein gelungener Antikriegsfilm, nicht nur dank des eingängigen Auftakts, sondern auch aufgrund der Fragen, die der Film aufwirft. Schade, dass das Finale ein wenig flach daherkommt.