Die Diskussionen und Interpretationen im Hinblick auf diesen Film gehen weit auseinander, da wird einerseits kritisiert, man komme dem Zuschauer mit allzu patriotischem Inhalt, andererseits wir oft die (vermeintlich) realistische Darstellung der Kampfhandlungen hervorgehoben.
Spielberg macht mit seinem Film meiner Ansicht nach den Fehler, dem Zuschauer ein gewisses Maß an Nachdenken abzuverlangen, und damit spricht er ein Publikum an, das zumindest zahlenmäßig kaum noch existiert. Bereits die allererste Einstellung, die die wehende US-Flagge auf dem Soldatenfriedhof zeigt, führt besonders hierzulande zu einem kollektiven Abwinken mit Kommentaren wie „wenn ich sowas schon sehe, brauche ich mir den Rest gar nicht mehr zu geben…“
Da wird weiter gesagt, der Film sei alles andere als realistisch, denn kein Kommandeur der Welt würde wegen eines Mannes das Leben acht weiterer Soldaten gefährden. Diese Aussage ist so mit Sicherheit nachvollziehbar, es wird jedoch verkannt, daß diese Situation eine geeignete Grundlage dafür bildet, den Krieg aus der Sicht des einzelnen Infanteristen zu zeigen.
Nur weil der Stabschef der US-Streitkräfte Marshall keine Lust hat, seinen eingangs des Films zitierten Brief von Lincoln ein weiteres Mal versenden zu müssen (was er bereits so oft getan hat, daß er seinen Inhalt auswendig vortragen kann), schickt er acht Mann in eine Situation, die mit großer Sicherheit ihren Tod bedeuten wird. Vor diesem Hintergrund läßt sich der Film so interpretieren, daß er zeigen will, wie unwichtig die Sicherheit Untergebener dem US-General im Vergleich zu seinen eigenen Belangen ist.
Um jeden Preis den Schein zu wahren ist für die Führung einer jeden Organisation, sei sie zivil oder militärisch orientiert, schon immer oberste Priorität gewesen.
Wie die acht Mann mit dieser Erkenntnis umgehen, wird in den Gesprächen zwischen ihnen, besonders zu Beginn ihrer Odyssee, überdeutlich. Die Aussagen Einzelner, das Schicksal des Soldaten Ryan sei ihnen scheißegal, werden dabei durch den ganzen Film hindurch wiederholt, entweder in direkter Rede (als Ryan sich weigert, seine Kameraden zu verlassen, setzt er sich der harschen Kritik seiner vermeintlichen Retter aus), oder in der Szene, in der die P 51 am Schluß die übrigen deutschen Truppen bombardieren. Dies hätten sie in jedem Fall getan, Ryans Weigerung hat demgemäß nur dazu geführt, daß weitere seiner Retter inklusive des von Tom Hanks dargestellten Cpt. Miller sterben mußten.
Vor diesem Hintergrund ist es auch nicht von besonderer Bedeutung, ob zu Bomben umfunktionierte eingeölte Socken tatsächlich einen Panzer lahmlegen können, oder ob die besonders zu Beginn gezeigten Leuchtspurgeschosse schnell genug fliegen. Viel interessanter ist hier die Frage, ob es sich bei „Saving Private Ryan“ um einen Antikriegsfilm handelt, denn diese Diskussion hat der Film in jedem Fall entfacht. Zweifelsohne kann sie nur im deutschen Sprachraum wirklich geführt werden, da ein gleichbedeutender Ausdruck in keiner anderen Sprache existiert, und dies gibt dem deutschen Kritiker endlich einmal die so krampfhaft und inflationär gewünschte Exklusivität und Allgemeingültigkeit seiner Äußerungen.
Geht man von der simplen Definition aus, bei einem Antikriegsfilm handele es sich um einen Film, der verdeutlichen soll, daß Krieg Scheiße ist, muß man sich die Frage stellen, für welches Publikum denn Antikriegsfilme gedreht werden. Konsequenterweise kann es sich dabei nur um ein Publikum handeln, dem dieser Zusammenhang nicht oder nicht ausreichend klar ist.
Ein Regisseur, der gezielt ein solches Publikum ansprechen möchte, würde einen finanziellen und auch inhaltlichen Flop abliefern, da den allermeisten Filmzuschauern diese Tatsache bereits bekannt sein dürfte, auch wenn in Deutschland kaum noch einer lebt, der überhaupt jemals an einer kriegerischen Auseinandersetzung teilgenommen hat. Ich gehe für mich persönlich jedenfalls davon aus, daß mir eine solche Belehrung keine neuen Erkenntnisse bringen würde.
Darüber hinaus wird schnell klar, daß der Ausdruck „Antikriegsfilm“ ein Konstrukt ohne Bezug zur filmgeschäftlichen Realität ist, wenn man sich vergegenwärtigt, daß ein Kriegsfilm, der kein „Anti“-Kriegsfilm ist, einer sein muß, der eine kriegerische Auseinandersetzung zu einer erstrebenswerten Form der Kommunikation zwischen zwei oder mehr Staaten stilisiert.
Unabhängig hiervon wird der Ausdruck aber immer dann gerne verwandt, wenn ein Film den oberlehrerhaften erhobenen Zeigefinger transportiert und auf Kosten einer greifbaren Darstellung von Ereignissen und deren Zusammenhängen in Sülze ertrinkt.
Spielberg zeigt in seinem Film heraushängendes Gedärm, Schußwunden in Großaufnahme, deren Blutung einfach nicht aufhört, stakkatoartiges Sterben vieler sowie jämmerliches Verrecken einzelner und vor allem die Einstellung derjenigen dazu, die überleben.
Er zeigt, wie die amerikanische Patrouille eine deutsche MG-Stellung frontal angreift, obwohl sie diese einfach umgehen könnte, und stellt der Szene sogar eine Diskussion über das Für und Wider dieser Situation zwischen den Amerikanern voran.
Er zeigt Szenen, in denen der Pragmatismus sich über anerzogene Moral erhebt, indem er einen von Millers Untergebenen ohne jede Regung darstellen läßt, wie wichtig es ist, einen deutschen Gefangenen an den Regeln der Genfer Konvention vorbei zu erschießen, damit er später nicht wieder auf der Seite des Feindes ins Kriegsgeschehen eingreifen kann. Nur die Tatsache, daß Miller den höchsten Dienstgrad der Gruppe hat, rettet dem Deutschen das Leben und kostet ihn letzten Endes das eigene.
Er zeigt ohne Worte zu verwenden, wie auf der Straße liegende Verwundete im Vorbeirrennen einfach abgeknallt werden, wie einem deutschen Panzerfahrer, der die Hände bereits erhoben hat, mitten ins Gesicht geschossen wird, gar nicht zu reden von der Szene am Anfang, wo zwei deutsch uniformierte Tschechen mit erhobenen Händen von zwei grinsenden Amis umgebracht werden, die mit dem zynischen Kommentar „look, I washed for dinner“ unter Bezugnahme auf eben die erhobenen Hände die Einstellung abschließen.
„Der Soldat James Ryan“ zeigt sehr viel eindrucksvoller, daß Krieg Scheiße ist, als eine Menge von Klassikern, die sich bereits mit der Landung in der Normandie und anderen historischen Situationen auseinandergesetzt haben, ein Antikriegsfilm ist er demgegenüber nicht, auch wenn zu Beginn die US-Flagge im Wind flappt.