Immer wenn sich unser aller liebster Regieopportunist, Steven Spielberg einem historischen Stoff annimmt wird's brenzlig. Nicht selten drehte er an "unbequemen" Fakten so lange herum bis sie Publikumskonform und Massentauglich waren. Da hätten wir z.B. "Amistad", wo aufgrund eines "netteren" Endes der Aufständige Joseph Cinqué nicht richtigerweise selbst zum Sklavenhändler, sondern verkitscht und romantisiert zurück in seine Heimat reist um ein offenbar sorgenfreies Leben zu führen. Nur keine Wellen, scheint das Motto von Spielberg zu sein. Bevor ich mein Publikum verstört oder vielleicht grüblerisch zurücklasse, mache ich spätestens am Ende (siehe auch Minority Report) eine 180 Grad Wendung.
Das ist auch, kaum verwunderlich, das große Problem von "Saving Private Ryan". Alles beginnt mit der durch Mark und Bein gehenden Schlacht von Omaha Beach. Wir spüren die Angsterfüllte und zum bersten angespannte Atmosphäre, die sich in den Booten entwickelt. Die pure Angst spricht aus den kreidebleichen Gesichtern der Soldaten. Als sich schließlich die Türen der Boote öffnen, zerfetzt es die ersten Soldaten, die das Pech hatten ganz vorne zu stehen, von den MG-Salven. Panisch springen andere aus dem Boot ins Meer, um von ihrem zu schweren Gepäck in die Tiefe gezogen zu werden. Die, die es aus den Booten auf den Strand schaffen, suchen in einem Chaos von Explosionen und niederprasselnder Kugeln nach Deckung. Hier wird schonungslos draufgehalten. Junge Soldaten die mit herausquellenden Eingeweiden nach ihrer Mutter schreien, im Schock befindende Menschen die stoisch nach ihren abgerissenen Gliedmaßen suchen und, bis zur Unkenntlichkeit zerrissene Leiber. Das alles wird von einer hektisch umherwirbelnden Kamera und grobkörnigen Bildern eingefangen, und verleiht dem Szenario einen dokumentarischen Anstrich. Erst nach einigen Minuten des chaotischen Wahnsinns läßt sich eine Struktur erkennen. Captain John H. Miller (Tom Hanks) gibt einigen, die wie er das Glück hatten zu überleben, Befehle um die Geschütztürme einzunehmen und um so schnell wie möglich aus der Schußlinie zu kommen. In diesen anfänglichen Minuten schafft es Spielberg wie kein anderer, die reine Willkür und Brutalität des Krieges einzufangen. Sie läßt einen erstarrt und zutiefst verstört zurück. Ein riesengroßes Lob an Spielberg für dieses knapp 15 minütige Meisterwerk.
Es ist Spielberg nicht schlecht anzurechnen, daß er sich nach dieser Eingangssequenz einer herkömmlicheren Story annimmt um seinen Film zu erzählen. Die Handlung selbst ist, obwohl recht konventionell geraten, nicht schlecht. Im Gegenteil, sie scheint die in der Omaha Beach Schlacht thematisierte Willkür andersartig fortzuführen. Eine Gruppe von Soldaten unter Leitung von Captain John H. Miller sollen sich auf die Suche nach dem Titelgebenden Soldaten James Ryan machen. Dessen 3 Brüder sind gefallen, und um der trauernden Mutter das Schicksal zu ersparen alle Söhne auf einen Streich zu verlieren, hat man Cpt. John Miller und seine Mannen ausgesandt um den letzten der Ryan-Brüder zu finden und wohlbehalten in die Arme der Mutter zurückzubringen. Schnell macht sich Unmut über diesen Auftrag bei den Soldaten breit und die berechtigte Frage nach dem Sinn, mehrere Soldaten für nur einen zu Opfern, stellt sich. Nur Leider interessiert sich Spielberg nicht dafür, uns diese Frage zu beantworten und serviert uns lieber eine knapp 2 stündige Hatz durchs Kriegsgebiet Frankreich. Wie ein großes Abenteuer ist diese Suche nach Ryan inszeniert. Große temporeiche Gefechte und dazwischen lernen wir die übel nach Klischees stinkenden Soldaten kennen. Überspitzt gesagt, könnte man meinen, man befände sich in einem Kriegsabenteuerfilm ala "Stoßtrupp Gold". Auch ist sich Spielberg nicht zu schade in seinem Kriegstrip peinliche Holzhammer Symbolik einzusetzen. Etwa in der Szene in der, der jüdische Soldat quälend langsam von einem deutschen SS Soldaten erstochen wird. Auch ein Fehler war meiner Ansicht, die Engagierung von Tom Hanks. Nicht das Hanks ein schlechter Schauspieler wäre, ganz im Gegenteil. Aber sein Everybody's Darling Image legt er auch für diesen Film nicht ab. Vielmehr haben wir wieder einmal eine über jeden Zweifel erhabene Identifikationsfigur die das ganze Szenario stets im Griff zu haben scheint.
Den größten Vorwurf den sich Spielberg gefallen lassen muß ist, sich nicht entscheiden zu können. Hat der Anfang des Films eine unglaublich zerstörerische und desillusionierende Wirkung auf den (Film)"Mythos" Krieg, ist der Rest eine Anbiederung an eben jenen. Mit abenteuerlichen Geschichten um die Suche nach Ryan und den glorreichen und actiongeladenen Finalen Kampf um eine strategisch wichtige Brücke. Mit dieser unmöglichen Kombination, dieser so gegensätzlichen Herangehensweisen, stellt sich der Film selbst ein Bein. Auch die Darstellung der Deutschen besitzt nicht mehr Tiefe als die Nazi Bösewichte in "Indiana Jones". Es ist Spielberg zwar nicht direkt übel zu nehmen Partei ergriffen zu haben, aber ein bißchen mehr Subtilität wäre in anbetracht des Versuchs, ein realistisches bzw. authentisches Abbild des Krieges zu entwerfen, schon angebracht gewesen.
"Saving Private Ryan" ist neben seinem fulminantem Auftakt, ein pathetisches und nicht weiter besonderes Kriegsactionfilmchen, daß nicht einmal auf dümmliche schwarz/weiß Malerei verzichten konnte. Wer eine realistische Aufarbeitung der Schlachten des 2. Weltkriegs erwartet, wird enttäuscht und muß sich leider mit plakativen und heroisierenden Bilder herumplagen. Unnötig zu erwähnen, daß diese als Antikriegsfilm getarnte Gurke mit 5 Oscars prämiert wurde. Mit jener Tat, und dem totalen Ignorieren des im selben Jahr erschienenen und um Welten besseren "The Thin Red Line" von Terrence Malick, hat die Academy wieder einmal ihre völlige Inkompetenz bewiesen. So gut die besagten ersten 15 Minuten auch sind, sie retten diesen Film nur bedingt.