Review

Achtung Spoiler

"Der beste Kriegsfilm aller Zeiten" titelten viele Zeitungen, als 1998 "Saving Private Ryan" in die Kinos kam. Für viele Kritiker, vor allem in den USA, war der Film von Steven Spielberg ein kritisches Meisterwerk über den Krieg und die Menschen darin. Unzählige Preise und Lorbeeren waren der Dank, darunter der Oscar für den "Besten Film des Jahres".
In der Tat ist "Der Soldat James Ryan" ein ergreifender Antikriegsfilm. Allerdings nur in den ersten 25 Minuten...

Die Story des Films ist nicht selten dafür kritisiert worden, sie sei unrealistisch. Das mag sein, auch wenn der Plot auf realen Ereignissen beruht, zumindest zum Teil. Dennoch bietet die Geschichte um eine kleine Einheit von US-Soldaten, die kurz nach dem D-Day, diesem entscheidenden Tag des 2. Weltkrieges in Europa, einen einzelnen Soldaten hinter den feindlichen Linien finden und retten soll, da dessen drei Brüder gefallen sind, eine interessante Ausgangsposition, sich dem Thema Krieg reflektierend zu nähern. Denn neben einer Art PR-Aktion handelt es sich vor allem um ein Himmelfahrtkommando sondersgleichen.

Und tatsächlich startet der Film, nach der obligatorischen Großaufnahme der US-Flagge (ein schlechtes Zeichen?) mit der Landung in Omaha, jedem Strandabschnitt an der Normandie, der den Amerikanern entsetzliche Verluste einbrachte. Das Vollkotzen der Landungsboote ist da noch das friedlichste Unterfangen, die Amerikaner rennen praktisch ins MG-Feuer der Deutschen. Spielberg geizt hier nicht mit brutalem Realismus. Egal ob abgetrennte Arme oder brennende Soldaten, der Zuschauer wird direkt in das Grauen des Krieges, das elendige Krepieren, hineingeworfen. Ton und Kamera sind atemberaubend. Insbesondere solche Szenen wie die, in der sich ein Soldat die Eingeweide hält und nach seiner "Mami" ruft, können an die Nieren gehen. Nicht umsonst zählt der Film und vor allem der Anfang mit zum Brutalsten, was Hollywood je auf Leinwand gebannt hat.
Nachdem die Amis unter Captain Miller (Tom Hanks) dann den Strand eingenommen haben (was in Wirklichkeit den ganzen Tag gedauert hat), wartet auf sie nicht die Ruhe, sondern ein besonderer Auftrag vom Oberkommando. Private Ryan, ein Fallschirmspringer der 101. Airborne, ist vermisst und soll um jeden Preis gefunden und in Sicherheit gebracht werden.
Wie gesagt, die Story bietet nun das Potenzial, den Sinn und Unsinn des Krieges näher zu beleuchten. Doch nun gehen die Probleme des Films los, denn die Macher entscheiden sich, den Sinn des Krieges zu wählen.
Es ist natürlich im Hinblick auf den 2. Weltkrieg nicht verwerflich, eine gewisse patriotische Sinngebung im Krieg zu suchen und auch zu finden, schließlich war es aus alliierter Sicht ein gerechtfertigter Krieg gegen das Böse in der Welt. Doch der Film geht in den folgenden zwei Stunden einen Weg, der bitter aufstößt. Dazu eine Beispiele, zunächst möchte ich aber noch die einzigste Szene hervorheben, in der der Film sich wieder dem Antikriegsfilm der ersten Minuten zuwendet, sich also sozusagen nochmal zum Anfang bekennt. Es ist der Tod des Sanitäters Wade (Giovanni Ribisi), der nach der Stürmung einer deutschen MG-Stellung verwundet wird. Der Zuschauer ist wieder unmittelbar dran, wie der Soldat ums Überleben kämpft und man kommt nicht drumherum, mit anzusehen, wie Wade langsam und qualvoll stirbt. Das ist einzige Szene im späteren Filmverlauf, die noch einmal die Sinnlosigkeit des Krieges betont und eindringlich vor Augen führt. Denn alles andere geht einen anderen Weg, wie nun kurz und bündig an einigen Punkten begründet werden soll:

1. Die Protagonisten: Der gut zusammengewürfelte Haufen US-Soldaten, die den Kern der Geschichte bilden, baut auf Figuren auf, die man während des Films zwar ständig reden, fluchen und kämpfen sieht, die einem aber ungewöhnlich distanziert und vor allem flach erscheinen. Zwar diskutieren sie in zwei Szenen den Sinn und Unsinn ihres Unterfangens, kommen aber über die bloße Befehlserfüllung nie hinaus. Das dies auch anders geht, zeigt der einzige lebendige, ernst zu nehmende Charakter im Film, der von Edward Burns gespielte Reiben, der zumindest versucht, seinen Gefühlen und vor allem seinem Verstand zu folgen, letztlich aber an dem Willen der anderen scheitert. Gut, mag man jetzt denken, es sind eben Soldaten, die Befehle ausführen. Das ist auch richtig, allerdings sind und bleiben es in erster Linie Menschen. Und dieses Menschliche kann der Film hinter der distanzierte Fassade der Figuren nicht hervorkitzeln, so wie es andere Filme schaffen. Da hilft das Geheule von Miller auch nicht (der ja danach auch ohne Probleme weitermacht).

2. Die Gegner: Zugegeben, als Deutscher schaut mal etwas genauer hin, wie die Deutschen in diesem Kriegsfilm über den 2. Weltkrieg dargestellt sind, als es vielleicht amerikanische Zuschauer tun würden. Aber welche Nation würde das nicht machen? Die Gegner in "Der Soldat James Ryan" sind also die Deutschen, die im Film allerdings entweder aus der Distanz oder als Leichen dargestellt werden. Der Gegner im Film stirbt in erster Linie. Dazu kommt, dass die Deutschen im Film fast alle gleich aussehen. Nicht weil man immer die gleichen Statisten benutzt hat, sondern weil ihnen die Köpfe abrasiert wurden und sie besonders grimmig dreinblicken. So bedient man Klischees.
Den einzigen Deutschen, den wir etwas näher kennenlernen, ist der Soldat, den Millers Trupp beim MG-Nest gefangen nimmt (bei dem Wade stirbt), wobei einige ihn am liebsten sofort erschießen würden, was Miller jedoch unter Protest verhindert und den Mann laufen lässt. Nun ist es ja bekanntlich genau dieser Mann, der Miller am Ende auf der Brücke erschießt. Bei so einer Verknüpfung von Ereignissen sollte man sich eigentlich an den Kopf fassen, denn eine solche Inszenierung ist sehr problematisch. Hier Steven Spielberg das Relativieren oder gar Glorifizieren von Kriegsgefangenenerschießungen zu unterstellen (denn hätte Miller ihn nicht freigelassen, sondern erschießen lassen, würde er noch leben), ist etwas weit hergeholt, aber nicht ganz von der Hand zu weisen. Die Szene bleibt sehr fragwürdig.

3. Das Ende: Gegen Ende des Films findet der Trupp (leicht dezimiert) Ryan und seine versprengte Kompanie und zusammen verteidigen sie eine Brücke gegen eine feindliche Kompanie inklusive Panzer. Technisch ist der Endkampf perfekt in Szene gesetzt, Schießereien und Explosionen sind fast spürbar. Atemlose Kriegsaction, wenn man so will. Aber, mal abgesehen davon, dass sich die Deutschen in einem unrealistischen Gebaren wie Tontauben abschießen lassen, bleibt eben unters Strich zusagen: Die wenigen Amis haben heroisch die Brücke gegen eine Übermacht gehalten, haben mit ihrem Leben kämpferisch bezahlt und letztlich ihren Auftrag erfüllt. Nun möchte man applaudieren, wäre da nicht diese fragwürdige Antithese hinsichtlich zum Beginn des Films, denn aus dem sinnlosen Sterben wird das sinnvolle Kämpfen für eine gute Sache. Soll das die Quintessenz des Films sein? Das Kämpfen für ein Land ist richtig, egal wie abstrus das Ziel auch ist? Am Ende hatte Spielberg die Möglichkeit, seine eingeleitete Kritik am Krieg filmisch zu zementieren. Doch er macht es nicht. Wäre der Mut da gewesen, hätte er Ryan (und die beiden anderen Überlebenden aus dem Trupp) auch sterben lassen, um zu zeigen, dass Krieg vor keiner Sache halt macht, egal wie gerechtfertigt sie auch scheint. Oder lag es gar nicht in der Absicht des Regisseurs, einen Antikriegsfilm zu drehen, sondern einfach einen unreflektierenden Kriegsstreifen?

Fazit: "Saving Private Ryan" ist technisch perfekt in Szene gesetztes Hollywood-Spektakel. Nicht mehr und nicht weniger. Wer einen gelungenen und aufrüttelnden Antikriegsfilm sehen will, sollte nach 25 Minuten wieder ausschalten, denn alles was bei dem Film danach kommt, ist aufgeblassenes, patriotisches Helden-Kino. Über einige gute Ansätze kommt der Film nicht hinaus, da helfen auch die durchweg guten Darsteller wenig.
Interessanterweise hat das Gespann Spielberg und Hanks nur wenige Zeit später mit der grandiosen Mini-Serie "Band of Brothers" gezeigt, wie man es besser machen kann.

Details
Ähnliche Filme