Nach "Der Soldat James Ryan" gab es ja wieder vermehrt Antikriegsfilme zu sehen, aber so gut wie das Werk von Steven Spielberg war vorher und nachher lange keiner, der einzige war der fast zeitgleich erschienene "Der schmale Grat". Ich kann den Vorwurf nicht verstehen, dass der Film vor Patriotismus nur so strotzen soll. Man sieht das Stars&Stripes Banner am Anfang, aber auch das Guter-Ami-böser-Deutscher-Schema bleibt fast außen vor.
Gleich zu Beginn wird man als Zuschauer mitten ins Kriegsgeschehen geworfen, die Landung in der Normandie ist dabei so realistisch und grausam geraten, dass man am liebsten in Deckung gehen mag, weil man (vor allem im Kino) glaubt, man ist mittendrin, 20 Minuten lang sieht und hört man Dauerbeschuss, es wird gestorben und gelitten, abgerissene Gliedmaßen fliegen durchs Bild, verstörte Soldaten suchen ihre Arme und das Meer wird zunehmend rot, das kalkulierte Massensterben hat Spielberg in beeindruckender Art und Weise fürs Kino festgehalten. Man ist froh, wenn es dann etwas ruhiger wird. Grausame Szenen finden sich auf beiden Seiten, nie wird Krieg glorifiziert als etwas, was nötig ist, um die bösen Deutschen zu besiegen. Krieg ist schmutzig und gnadenlos. Die brennenden Wehrmachts-Soldaten werden nicht erschossen, man lässt sie verbrennen, also keine Spur vom guten Amerikaner (wie gesagt, der Patriotismus-Vorwurf ist aus der Luft gegriffen).
James Ryan hat seine Brüder im Krieg verloren, er selbst soll nun von einem Kommando gerettet werden, damit die Mutter nicht alle Söhne begraben muss. Der Film beruht auf wahren Begebenheiten, und selbst wenn nicht, die Frage am Schluss bleibt die Gleiche: Was ist ein Menschenleben wert? Hat er sein Leben verdient, war er es wert, dass andere nur für ihn gestorben sind?
Steven Spielberg hat eines erschütternden Antikriegsfilm gedreht: Tausende Leben war die Erstürmung der Normandie wert, wenige Leben war das Leben von Ryan wert...Beeindruckend ist die Bildgewalt und die abstoßende Wirkung der Brutalität, die in sehr extremen Bildern daherkommt. Schockierend ist der Krieg hier in jeder Szene, die "Sympathieträger" des Films sterben nach und nach, alle geben ihr Leben für Ryan, kein Held bleibt am Ende übrig, der stolz die Fahne hochhält, am Ende bleibt nur Ryan, der sich am Soldatenfriedhof die Frage stellt, ob er was aus seinem Leben gemacht hat?
Spielberg hat wie mit "Schindlers Liste" ein weiteres großartiges Zeitdokument abgeliefert, deshalb eine 10/10, auch weil der Film im Kino eine ähnlich gespenstische Stille bewirkt hat wie eben das Holocaust-Drama vorher.
Einzig "Band of Brothers" kommt an "Der Soldat James Ryan" heran, aber nachdem das gleiche Team dahinter steht, vermag das nicht zu verwundern.
Toller Film, unbedingt ansehen, aber nicht um 20.15, denn wenn man diesen Film kürzt, nimmt man ihm einen großen Teil des Schreckens und der Schockmomente!