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In den heiß und innig geliebten 80er Jahren entstanden mitunter auch Filme wie „Stranger than Paradise" von Independent-Ikone Jim Jarmusch. Wenn man heute mal eine Umfrage in einer Fußgängerzone starten würde, in der man die Leute nach diesem Film fragen würde, würde man vielleicht alle zehntausend Versuche mal jemanden finden, der sich vielleicht daran erinnern könnte, den Namen zumindest schon einmal gehört zu haben.
Doch warum interessiert sich niemand für einen solchen Film? Klar, braucht man doch gar nicht allzu lange um den heißen Brei herumzureden. „Stranger than Paradise" hat keine Kurzweil. Keinerlei plakativen Formen von Unterhaltung. Ist ja auch Independent-Kino. Für alle Nichtkenner: das sind solche Filme, die sehr viel Wert auf Extravaganz und Aussage legen, meist in schwarzweiß gedreht sind und voll zum Nachdenken anregen sollen. Gnaaa, kann ich nix mit anfangen? Meinetwegen, soll mir recht sein. Das Independent-Kino ist nicht umsonst bis heute ein Geheimtipp geblieben. Selbst Namen wie Jim Jarmusch, die nun wirklich jeder Filmkenner (auch die der Pseudofraktion) zumindest schonmal gehört haben sollte, sind heutzutage vollkommen untergegangen. Ich höre mir gerne an, dass Filme wie „Stranger than Paradise" mitunter total überschätzt werden und man gar nicht verstehe, was an daran so faszinierend sein soll. Seltsamerweise fällt es mir öfter schwer, darauf überhaupt zu antworten, denn so einfach zu erklären ist es nunmal nicht.

Der ausgewanderte Ungar Willie lebt in einer kleinen Wohnung in New York. Eines Tages kommt ihn seine Cousine Eva besuchen, die für ein paar Tage bei ihm bleibt, um darauf zu ihrer Mutter nach Cleveland weiterzureisen. Ein Jahr später fliegen Willie und sein Kumpel Eddie beim Falschspiel auf und sie beschließen, sich dünn zu machen und New York zu verlassen. Aber wohin? Na klar, nach Cleveland, Eva besuchen. Sie setzen ihren Plan in die Tat um und tuckern ins verschneite Cleveland. Dort treffen sie Eva wieder, doch an dem kalten Ort hält es sie nicht lange und sie reisen zu dritt nach Florida weiter. Doch Geldmangel und Orientierungslosigkeit machen den drei auf Dauer zu schaffen...

Typisherweise in schwarzweiß gedreht, besticht Jarmuschs Kultfilm neben dem realistischen und hingebungsvollen Spiel seiner drei Hauptdarsteller vor allem handwerklich. Die Kamera von Tom Dicillo (u.a. Regie bei „Living in Oblivion" mit Steve Buscemi) und die ungewöhnliche Schnitttechnik (von Jarmusch selbst) verleiht dem Film einen sehr individuellen Stil und macht einen Großteil der Szenen wesentlich einprägsamer, einfach dadurch, dass nach kurzer Dialogpause die Szenen abrupt (und noch vor dem Tonwechsel) abgeschnitten werden, eine Pause eingelegt und dann erst zur folgenden Szene übergeleitet wird. In Erinnerung bleibt auch das musikalische Hauptthema des Films, der Song „I put a spell on you" von Screamin´ Jay Hawkins, was Eva immer wieder auf ihrem Kassettenrekorder runterdudelt. Manche Dialoge sind sehr humorvoll, manch Szenen wirken hingegen sehr melancholisch; über die Stimmung des Films braucht man sich jedoch nicht uneins zu sein, denn Jarmusch zeigt in Wort und Bild klar und deutlich, worum es ihm bei „Stranger than Paradise" ging: die Visualisierung gestrandeter Schicksale, deren Trennung von ihren Wurzeln dazu führt, dass sie trotz aller Faszination für das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten" nirgends Fuss fassen können und ewig umher treiben. Dies beweist auch das Ende, in dem alle drei Reisende prompt wieder voneinander getrennt werden.

Ein wunderschöner, atmosphärischer Kunstfilm von unheimlicher Glaubwürdigkeit, sehr sympathischem Schauspiel und handwerklich der Herkunft entsprechend avantgardistisch. Kino für anspruchsvolle Filmliebhaber. Brauchen wir gar nicht länger drüber schwätze.

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