Als Leutnant Kojak im deutschen Fernsehen der 70er Jahre seinen "Einsatz in Manhattan" begann, machte er schnell Furore, denn allein der Anblick des glatzköpfigen Telly Savalas, der ständig Lutscher im Mund hatte, war so ungewöhnlich, dass er einfach Aufmerksamkeit erwecken musste. So ist es nicht erstaunlich, dass diese beiden signifikanten Details in der kollektiven Erinnerung blieben, während die eigentlichen Qualitäten der Serie in Vergessenheit gerieten.
Vielleicht liegt das auch daran, dass der deutschen Fernseh-Zuschauer den "realen" Theo Kojak gar nicht kennengelernt hat, denn da die US-Folgen damals wegen der kürzeren Werbeeinblendungen noch mehr als 45 Minuten echte Spielzeit hatten, mussten diese auf das dreiviertelstündige Format des deutschen Fernsehens gekürzt werden. Darauf angesprochen, wurde seitens der ARD damals behauptet, man hätte vor allem Sequenzen gestrichen, die einen zu pathetischen Blick auf die New Yorker Polizei geworfen hätten.
Abgesehen davon, dass das in der ersten Season nur einmal wirklich der Fall ist, als ein zuvor zu unrecht der Bestechung verdächtigter Detective doch ein ehrenvolles Begräbnis erhält, wurden vor allem private Stories aus Kojaks Leben gestrichen, die nicht direkt mit dem Fall zu tun hatten. Der damals 50jährige Telly Savalas, der als Kojak einen überzeugten Junggesellen gibt, lässt selten etwas anbrennen und macht dabei auch keinen Unterschied zwischen der 20jährigen Kollegin oder einer alten Liebe, die er zufällig wiedertrifft, so wie er diese einige Male auch für seine Ermittlungen benutzt. Durch den Wegfall dieser privaten Neigung, blieb dem deutschen Fersehzuschauer nicht nur die Brisanz verborgen, die darin liegt einen Menschen in Gefahr zu bringen, für den man Gefühle hegt, sondern die gesamte Figur "Theo Kojak" wurde damit geglättet und verharmlost.
Unterstützt wurde das mit einer Synchronisation, die trotz ihrer spöttischen Attitüde, eher dem Amüsemant diente. Dauerhaft wiederholte Floskeln von "Entzückend" bis "Ist es wahr" vermittelten zwar einerseits einen leicht arroganten Charakter, gaben dem Ganzen aber auch einen lustigen Touch, der Kojak zusätzliche Sympathien in Deutschland einbringen sollte. Im Original ist von solchen Standards nichts zu hören und in der Regel sagte Kojak nichts, während man ihm das omnipräsente "Entzückend" in den Mund legte. Auch die Erinnerung an das "Lolly"-Lutschen wirkt bei Ansicht der ersten Season etwas überbetont. Nachdem er in den ersten Folgen eher als Kettenraucher vor allem von Zigarillos auffällt, versucht er sich das Rauchen mit Lutschern abzugewöhnen, was aber nicht verhindert, dass er regelmässig mit Glimmstengel im Mund auftaucht.
Überraschend für eine Krimiserie aus den frühen 70er Jahren war der zynische, konsequente Charakter dieser Figur, die auf den Pilotfilm "Der Mordfall Markus-Nelson" zurückzuführen ist. Tatsächlich handelte es sich bei dem fast dokumentarischen Film um keinen echten Pilotfilm, weil die Idee zur Fernsehserie erst auf Grund der überzeugenden Darstellung des desillusionierten Polizeioffiziers Theo Kojak entstand. Die kritische Sichtweise auf die Polizeiarbeit konnte nicht in die Serie übernommen werden, aber die Figur des Kojak blieb in Grundzügen erhalten. Anders als heute bei Fernsehserien üblich sind nur wenige chronologische Elemente in den einzelnen Episoden zu erkennen, was auch zur Folge hat, dass man Kojak weder Familie noch längerfristige Love-Stories andichtete, sondern seinen unabhängigen Charakter noch betonte. Selbst aus heutiger Sicht -scheinbar gewöhnt an coole, menschenverachtende Zyniker - ist es manchmal überraschend, mit welch kühler Konsequenz Kojak seine Ermittlungen durchzieht.
Die einzelnen Folgen, bei denen viele bekannte Darsteller als Gaststars auftauchten (unter anderen Harvey Keitel und James Woods), sind natürlich von unterschiedlicher Qualität. Mal belanglos, ein anderes Mal für eine komplexe Thematik schlicht zu kurz, aber insgesamt von erstaunlich hohem Unterhatungswert, auch wenn sich die damals gewohnte Sichtweise von einer Folge pro Woche auch heute noch empfiehlt. Für die damalige Zeit war die Wahl, ein New York der sozialen Brennpunkte als Hintergrund für die Kriminalstories zu wählen, Neuland, was der Serie heute noch zu Gute kommt, da sie viel 70er Jahre Feeling und Lokalkolorit vermitteln kann, ohne dabei in trashige Gefilde abzugleiten.
Im Mittelpunkt des Geschehens bleibt aber ein Telly Savalas, der in seinen Massanzügen und mit der Glatze auch in der Gegenwart noch eine gute Figur abgeben würde, was die Serie nicht nur bis heute sehenwert macht, sondern in ihrer ungeschnittenen Form sogar zu einer Art Neuentdeckung führt (7,5/10).