Die folgende Kritik beinhaltet SPOILER!
Für den blinden Michio (Eiji Funakoshi) zählen nur Berührungen. Er "sieht" mit seinen Fingerspitzen. Und er erschafft damit "Kunst". Die Wände seines Studios, ursprünglich eine Lagerhalle, sind gepflastert mit seinen Skulpturen. Augen, Nasen, Münder, Hände, Beine, Ohren, Brüste, alles gestaltet nach Frauenmodellen & in irritierender Übergröße. Auf dem Boden: Zwei riesige Körper zum Besteigen, einer liegt auf dem Bauch (ev. männlich), einer auf dem Rücken (definitiv weiblich). Michios Studio ist ein spektakuläres Set & das ist insofern wichtig, weil etwa 3/4 des Films dort stattfinden. Michio wird unterstützt von seiner Mutter (Noriko Sengoku), die alles für ihn tut. Sie hilft ihm sogar bei der Entführung des Models Aki (Mako Midori), die gerade ob ihrer Bilder in aller Munde ist. Sie ist perfekt & soll Michio als Vorlage für eine Skulptur dienen, vorher will er sie nicht gehen lassen.
Yasuzô Masumura drehte diesen Film mit einem Hintergedanken, nämlich um dem in finanziellen Schwierigkeiten steckenden Produktions-Studio Daiei, für das er schon lange Filme drehte, aus der Patsche zu helfen. Der gewagte & skandalöse Plot nach einer Story von Edogawa Rampo sollte sensationslüsterne Zuschauer in Scharen in die Kinos locken. Eine Hoffnung, die sich nicht erfüllte. Das 1942 gegründete Studio ist Ende 1971 gegangen. Der Film hingegen ist geblieben. Und was für ein Film das ist! Ein groteskes Kammerspiel, radikal bis an die Schmerzgrenze. Michios Studio sorgt für ein surreales Ambiente, die Story ist pervers & verstörend & die mitunter bizarren Handlungen haben eine eindringliche Qualität, die unter die Haut geht. Am Ende gipfelt die "Zusammenarbeit" in Ekstase & Schmerz & Wahnsinn & Tod, wenn der Künstler & seine Muse ihrem zügellosen Verlangen nach "mehr" nachgeben.
Erstaunlicherweise vermeidet Masumura gekonnt ein Abgleiten in selbstzweckhafte Exploitation, er filmt sowohl um die nackten Darsteller als auch um die einschneidenden Verstümmelungen geschickt herum, sodass weder Midoris Brüste noch explizite Gewaltdarstellungen lange zu sehen sind, wenn überhaupt. Und dennoch hat das Finale eine Wirkung, die den Atem stocken lässt. Wenn Michio Akis Bitte nachkommt & beginnt, ihre Gliedmaßen mit Fleischermesser & Hammer abzutrennen, dann hat das eine verstörende Intensität, die für heftiges Grummeln in meinem Bauch sorgte. Ein bockstarker Film, der sich im Gedächtnis einnistet.