Der Gedanke hat etwas für sich - man sitzt gemütlich in einem heruntergekommenen Industriebau in der Pariser Innenstadt zusammen, während unten die Beats bei einer spontanen Party wummern. Die Haschisch - Zigarette macht die Runde und lässt die Fantasien kreisen. Mal so einen richtig geilen Film drehen, der voll abgeht, mit viel Action und Schiessereien und natürlich einem Haufen korrupter, rücksichtsloser Bullen und mitten drin - man selbst. Skater, denen kein Hindernis zu hoch und kein Tempo zu schnell ist, und coole, sexy Bräute, die Haschisch anbauen und an Freunde verkaufen, und immer wissen, wo's lang geht.
Es ist natürlich spekulativ, ob "Skate or die" wirklich auf diese Weise entstanden ist, aber es gibt eine Menge Indizien dafür, beginnend schon bei den beiden Hauptdarstellern Mickey Mahut und Idriss Diop. Die beiden netten Jungs, der eine blond und hellhäutig, der andere dunkel und mit Rasta-Locken, haben sich hauptsächlich wegen ihrer Fähigkeiten auf dem Skate-Board qualifiziert und spielen sich hier selbst. Ihre Charakterisierung beschränkt sich deshalb auf ihre Interessen, deretwegen sie aus einem Vorort nach Paris gekommen sind. Skaten bis zum abwinken, Fun haben, Musik hören und natürlich eine Tüte Gras rauchen.
Dazu verhilft ihnen gleich ihr erster Kontakt am Pariser Hauptbahnhof - die süsse Dany (Elsa Pataky, immerhin als Love-Interest aus "Romasanta" bekannt), deren spanische Herkunft nicht nur den multikulturellen Charakter des Films unterstreicht, sondern später für die Story noch von Bedeutung sein wird. Die Frau ist zudem cool bis unter die Haarspitzen und lädt die Jungs für den Abend noch zu einer Party ein. Wie wichtig eine schauspielerische Ausbildung ist, fällt schon während der ersten Minuten des Films auf, denn auch wenn Mickey und Idriss mit Kunststückchen auf dem Skateboard glänzen können, können sie eine gewisse charakterliche Tumbheit nicht ablegen. Diese verdeutlicht sich beim inhaltlichen Höhepunkt des Films, der als Ergebnis aus einer Kreuzung von zu vielen Drogen und dem zu häufigen Ansehen von Luc Besson-Filmen daher kommt.
Während die beiden Protagonisten sich gerade im fünften Stock eines leeren, geschlossenen Parkhauses mit dem Drehen eines Haschisch-Zigarettchens auf ein Wettrennen auf dem Skate-Board vorbereiten (allein die Vorstellung, dass es in Paris mitten am Werktag ein solches Parkhaus überhaupt gibt und das die Jungs es so organisiert haben, dass sie an diesem Schließtag pünktlich zur Stelle sind, ist absurd), erscheinen plötzlich zwei Autos mit schwerbewaffneten Männern auf der Parkebene. Klar, dass die auch ganz nach oben wollten. Als die Männer ganz offensichtlich Drogen gegen Geld tauschen, bleiben die Jungs nicht in Deckung, sondern filmen die Aktion mit ihrem (recht primitiven) Handy. Selbst als das große Geballer beginnt und eine Fahrzeugbesatzung die andere eliminiert, zittern ihre Hände bei der Aufnahme nicht. Erst als Mama plötzlich anruft und der Klingelton die Bande aufmerksam macht, erkennen die Beiden ihre Lage, schnappen sich ihre Skate - Boards und rasen die Rotunde hinab, immer die ballernden Killer auf den Fersen - "skate or die".
Nach einer abwechslungsreichen Verfolgungsjagd durch Paris, bei der die Jungs ihre Fähigkeiten auf dem Brett und die coolen Gangster ihre Unfähigkeit beim Zielen mit ihren Waffen beweisen können, landen sie schließlich auf einer Polizeistation, wo sie der jungen, diensthabenden (indischstämmigen) Polizistin ihren Film zeigen und Anzeige erstatten wollen. Als sie nicht nur von dem herbeigerufenen Polizeioffizier (der sich kurz danach als Drahtzieher hinter der Sache outet) abschätzig behandelt werden, sondern die sie verfolgenden Gangster sich ebenfalls als Polizisten erweisen, fliehen sie, wobei sie dem Offizier versehentlich die Nase brechen. Jetzt haben sie nicht nur die Killer auf den Fersen, sondern noch den gesamten Polizeiapparat.
So weit, so gut und immer wieder gerne gesehen. Entscheidend für die oben beschriebene Entstehungsannahme des Films ist nicht der Plot an sich, sondern das sich "Skate or die" nicht die geringste Mühe macht, irgendwelche Hintergründe, eventuelle Intentionen oder auch nur kleinste Charakterisierungen zu präsentieren. Der Film genügt sich als Ansammlung von Klischees und stereotypen Verhaltensmustern, deren Bekanntheit quasi vorausgesetzt wird. Auf der einen Seite die korrupten Bullen, von Philippe Bas als Anführer in Gestus und Optik zwar überzeugend umgesetzt, aber ohne jede echte Brutalität oder gar Sadismus (die Freigabe ab 16 kann nur auf die unkritische Darstellung des Haschischkonsums zurückzuführen sein), weshalb er nie wirklich gefährlich wirkt, auf der anderen die multikulturelle Ansammlung junger Menschen, die nur harmlos Spaß haben will und von den Behörden dabei mutwillig gestört wird.
Der Nachteil an dieser Konstellation liegt darin, dass trotz des Aufbaus einer scheinbar hoffnungslosen Situation für unsere beiden Freunde, die man als Betrachter leider nicht näher kennenlernt, da sie jegliche persönlichen Eigenheiten vermissen lassen, nur wenig Spannung aufkommt. Selbst wenn sie sich auf dem Präsentierteller eines LKW - Dachs befinden, ballern die Polizisten mit ihren Maschinenpistolen aus zehn Metern daneben, U-Bahn-Wachen behalten ihre Hunde lieber an der Leine, damit diese die Flüchtenden nicht doch noch vor der Abfahrt der U-Bahn erwischen und beim aufregenden Stunt mit Skate-Board und Roller-Blades über die Dächer von Paris zeigen sich unsere supercoolen Bullen als dankbare Zuschauer. Man erkennt daran, dass auch der Aufbau eines überzeugenden Cliff-Hangers eines gewissen Filmhandwerks bedarf.
Keine Frage, der Film verfügt über eine prächtige Ansammlung an Dilletantismus, aber er bleibt dabei immer sympathisch und damit kommen wir wieder auf das Anfangsszenario zurück. Hier hat eine Runde von Kumpels und Gleichgesinnten einen Film gedreht über das Leben von jungen Menschen in Paris, die gerne verbotene Parties in coolen Locations feiern, Skate-Board und Roller-Blades fahren, Sex haben und die selbst angepflanzten Haschischpflanzen konsumieren - alles ohne Gewalt, Vorurteile und Profitdenken. Handys, ständig Musik am Ohr und Computer gehören natürlich auch dazu, und wenn dabei ein idealisierter, wenig realistischer Film herauskommt, bei dem man sich ganz gepflegt über die Polizei lustig machen kann, bei der es in Person der jungen, indischstämmigen Polizistin auch anständige Charaktere gibt - warum nicht ? (4/10).