Gangsterkino a la francaise
Ein Junge wacht auf, weil er von unten im Haus wildes Quatschen und Tratschen hört. Als er runterkommt sieht er seine Familie - und seinen Vater mit Kopfschuss tot auf der Couch... Währenddessen bzw. zeitlich zuerst etwas schwer zu verorten und aufgebrochen folgen wir u.a. einem harten, einsamen Polizisten, seiner beauftragten Affäre und einem Gangster mit Nachtclub...
Andre Techines ungewöhnliches Kriminellenmosaik ist sehenswert. Ohne Frage. Was sich auf dem Papier wie ein typischer tarantino-inspirierter 90er-Thriller lesen kann, ist in Wahrheit viel, viel zeitloser und mehr. Die kalte Atmosphäre erinnert eher an Melville und Mann. Das Geflecht lässt sich zeitlich wie charakterlich nur schwer und ungern aufbrechen. Eine film noir'ische Collage der Abgründe. Es geht um Abseitige und ihre viel größer als gedachte Schnittmenge zur "gut bürgerlichen Mitte". Um Gangster und Polizisten. Um Familien und Unschuld. Um Grauwerte und mittendrin die ewige Catherine Deneuve. Um Diebe und Finder, um Leidenschaft und flüchtige Bettbekanntschaften, um Parfum und stinkende Seelen. Phantomschmerzen und Familienzwiste. Den Geruch der Gosse. Um Pakete, die jeder von uns scheinbar tragen muss. Um hakenschlagende Leben und strickdrehende Verflechtungen. Und alles geht von charakterlichen Abgründen über soziale Abneigungen bis zu sexuellen Kinks. Nichts ist hier eindimensional oder hat keine Connections zum größeren Ganzen.
"Vor Jesu' waren es Orgien. Nach ihm meist Liebe."
Fazit: tiefe, fiese Figuren, eine tockene Erzählweise und dennoch eine sprunghaft-ennigmatische, kryptische Aura... feiner Querschläger, den man gerne öfters sehen mag/muss!