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Mit seinem letzten Kinowerk schuf der große schwedische Regisseur Ingmar Bergman ein filmisches Jahrhundertwerk: In "Fanny und Alexander" erzählt er die Geschichte einer Kindheit, vermischt mit autobiografischen Einsprengseln und kunsttheoretischen Ergänzungen. Die titelgebenden Fanny und Alexander sind die beiden Kinder eines gutmütigen, liebevollen Theaterleiters. Nach dessen plötzlichem Tod heiratet ihre Mutter den strengen Pfarrer des Ortes. Für die Kinder bedeutet die mitleidlose, auf Strenge, Disziplin und Bestrafung bauende "Erziehung" des Pfarrers ein düsteres Martyrium.

Dieses Abschlusswerk fürs Kino (danach drehte er nur noch TV-Produktionen) ist in mehrfacher Hinsicht der größte Film Bergmans. In der Langfassung nimmt er sich über 300 Minuten Zeit, um die Leidensgeschichte der Geschwister und ihrer Mutter zu erzählen, und er nutzt diese fünf Stunden Laufzeit, um ein gewaltiges gesellschaftliches und psychologisches Panorama zu erschließen. Allein die "einleitende" Familienfeierszene, in der sich die gesamte Familie Ekdahl zum Weihnachtsfest zusammenfindet und sämtliche Familienmitglieder und Hausangestellte mit all ihren Liebenswürdigkeiten, Marotten und Fehlern präsentiert werden, umfasst knapp 90 Minuten. Der ungeheure Wust an Figuren erschließt ein umfassendes Porträt einer Familie von Künstlern, Eigenbrötlern, Lebens- und Liebeshungrigen, aber auch an schwachen Menschen, die sich selbst zugrunde richten. In gewisser Weise erhält dieses Familienfresko symbolischen Charakter für die verschiedenen Schichten einer Gesellschaft - und für verschiedene Wege, das Leben und seine Rückschläge zu meistern.

Die große Kunst Ingmar Bergmans besteht hier vor allem darin, einzelne Stimmungen in bestimmten Szenen zu unterwandern: So sticht selbst aus den hellsten Feierlichkeiten, wenn alle lachen und das Leben genießen, ein spitzer Schmerz und eine plötzliche Traurigkeit heraus, wenn der Vater sich erschöpft hinsetzen und nach Atem ringen muss - ein erster Hinweis auf seine Erkrankung. Und andersrum, in Szenen tiefster seelischer Verletzung und größter Tragik bricht immer wieder eine beinahe schelmische Ironie unter der Oberfläche hervor. Hier spürt man in jeder vielschichtigen Szene die Altersweisheit eines Künstlers, der den Großteil eines Jahrhunderts und zahlreiche Angriffe, Rückschläge und Verluste erlebt hat und der sich doch nie hat unterkriegen lassen.

Auch formal und technisch gehört "Fanny und Alexander" zu den größten Meisterwerken Bergmans. Anfangs mögen einige Dialoge noch etwas gestelzt und die eine oder andere Szene etwas künstlich wirken. Aber je länger der Film läuft, desto mehr gewinnen er an Intensität und die Figuren an Plastizität. Dank genialer, oft messerscharfer Dialoge, dem zurückhaltenden, zutiefst natürlichen Spiel der Darsteller und der ebenso sanften, aber eindrücklichen Inszenierung schlägt der Film in seinen Bann. Da vergehen drei, vier Stunden wie im Flug. Und die finalen dreißig Minuten sind von einer atemberaubenden, gespenstischen Intensität, wenn Bergman die mystischen Elemente, die er von Anfang an immer wieder einstreut, auf eine horrorhafte Spitze treibt.

Neben der psychologischen Tiefe der zahlreichen Figuren wird die inhaltliche Spannung auch aus den Konfrontationen von Kunst, Leben und Religion gewonnen. Dem starren, unmenschlichen Denken des Kirchenmannes setzt Bergman die kindliche Fantasie und einfache Liebe zum Leben entgegen. Auch wenn einzelne Figuren immer wieder gegen einen angeblichen Gott wettern, findet der Film eine andere Aussage: Die versponnenen Thesen der Kirche verwirft er zugunsten einer spirituellen Vorstellung göttlicher Gerechtigkeit, wie sie sich selbst im schockierenden Ende des Pfarrers widerspiegelt.

Formal ist das alles in höchster Vollendung eingefangen. Bergmans Haus-Kameramann Sven Nykvist zeigt die Ereignisse in so schlicht-naturalistischen Bildern, dass der Zuschauer den Aufwand langer Kamerafahrten durch verwinkelte Räume, prächtiger Panoramaszenen und streng komponierter Einstellungen beim ersten Sehen gar nicht bemerkt. Und der meist zurückhaltende, punktuell hervorbrechende Musikeinsatz erweist sich als extrem spannungssteigerndes Mittel: Besonders gegen Ende verbindet der unglaublich simple, aber umso effektivere Soundtrack mehrere Szenen miteinander und lässt eine Atmosphäre der Bedrohung und des nahenden Unglücks aufkeimen - bis zur drastischen Eskalation.

Mit "Fanny und Alexander" hat Ingmar Bergman nicht weniger als ein Manifest aufgestellt. Er zeigt den Widersinn des Lebens, die Schmerzen, die die Menschen einander zufügen, Heuchelei und Gemeinheit, ob aus Charakterschwäche oder im Namen einer höheren Instanz. Sein Werk ist durchzogen von Ehrfurcht vor den Geheimnissen der Welt, die zu begreifen die Menschen nie vollständig in der Lage sein werden, und vor der Trauer, die uns unser ganzes Leben immer wieder finden und begleiten wird. Aber anders als in anderen seiner Filme gewinnt hier der Pessimismus nicht die Oberhand: Die kindliche Freude am Leben (die sich auch einige Erwachsene bewahren) siegt letztlich über allen Schmerz. Man hat das Gefühl, als hätte Bergman in der Spätphase seines langen Lebens endlich mit den Traumata und seelischen Narben seiner Kindheit Frieden geschlossen. Von diesem Frieden mit allen Schmerzen und allem Bösen, das uns auf unserem Lebensweg erwarten mag, spricht "Fanny und Alexander". Und es wäre sicher nicht zu unserem Nachteil, wenn wir ihm aufmerksam zuhörten.

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