Katastrophenfilme verlaufen in der Regel nach einem einfachen Strickmuster - zuerst werden mehrere Figuren und deren persönliches Schicksal vorgestellt, bevor das Unglück dann über sie hereinbricht. Mit dieser Fokussierung erreichen die Macher gleich zwei Ziele - zum Einen Identifikation und Spannung, zum Anderen - vielleicht der wichtigere Grund - wird damit verhindert, dass der Betrachter das filmisch aufgeblähte Katastrophenszenario über dessen optische Wirkung hinaus auch als echte Katastrophe empfindet, denn die vielen Todesopfer, die es bei realistischer Betrachtung gefordert haben müsste, bleiben so anonym.
Auch "Haeundae" - wie der Film im südkoreanischen Original heisst - weicht von diesem Strickmuster nicht ab, verzichtet aber immerhin darauf, schon im Titel auf die zukünftige Bedrohung hinzuweisen, denn er nennt nur den Namen von Südkoreas berühmtestem Strand in der Hafenstadt Busan. Und betont damit ein Szenario der Gegensätze, denn während die Touristen zu Hundertausenden am Strand liegen und im Wasser planschen, gehen die Fischer des in der Nachbarschaft liegenden alten Hafengebietes ihrer anstrengenden, schlecht bezahlten Arbeit nach und müssen sich gegen das Ansinnen skrupelloser Investoren wehren, die daraus auch eine Hotelmeile machen wollen.
Als Kapitalismuskritik ist der Film trotzdem nicht zu verstehen. Er nutzt dieses Szenario nur, um den persönlichen Konflikt der Hauptfigur Man-shik (Kyung-gu Sol) herauszuarbeiten. Dieser ist nicht nur der Anführer der Fischer, die sich gemeinsam gegen die Übernahme wehren, sondern gleichzeitig auch der Neffe des reichen Mannes, der die Investoren heranholt. Dazu kümmert er sich noch um Hyeong-shik (Min-gi Lee), die Tochter eines alten Freundes, in die er heimlich verliebt ist. Ihr Vater war auf seinem Schiff gestorben, woran er sich schuldig fühlt, weil er einen unnötigen Befehl gegeben hatte. Doch das geschah während des Tsunamis vor fünf Jahren und damit kommt der Film zur eigentlichen Thematik - der Todeswelle.
Von diesem realen Geschehen ausgehend, strickt der Film sein Katastrophenszenario, indem er wieder einen Wissenschaftler in den Mittelpunkt stellt, der die erneute Gefahr für sein Land frühzeitig erkennt, während alle anderen Verantwortlichen zu borniert und selbstgefällig sind, offensichtliche Anzeichen dafür anzuerkennen. Bei dem Wissenschaftler handelt es sich um Professor Kim Hwi (Joong-Hoon Park), der für den zweiten Handlungsstrang zuständig ist. Er ist geschieden und hat seine etwa 5jährige Tochter lange nicht mehr gesehen, doch ausgerechnet jetzt ist seine beruflich erfolgreiche Frau Gang Yeon-heui (Ji-won Ha) wieder in Busan, wo sie einen Kongress organisiert. Ihrer Tochter hat sie nicht gesagt, wer ihr Vater ist, aber begleitet wird sie von einem gutaussehenden jungen Mann, der auf das Mädchen aufpasst, wenn sie arbeitet. Als sie ihren Ex-Mann zufällig wieder trifft, beeilt sie sich gleich, ihm mitzuteilen, dass dieser Mann nur ein guter Freund ist, was angesichts dieser Konstellation unglaubwürdig und skurril wirkt.
Womit die eigentliche Qualität des Films benannt ist, denn so klischeehaft hier alle Figuren und Konflikte aufgebaut werden, so übertrieben und fast slapstickhaft kommen sie gleichzeitig daher. Das beginnt schon damit, dass sich Man-Shik's Mutter und das von ihm begehrte Mädchen im Hafengebiet streiten und kräftig an den Haaren ziehen, bis er einschreitet. Oder das die Ex-Frau vor den Augen des Professors die gemeinsame Tochter schlägt, weil sie nicht brav bei dem "Freund" geblieben ist, der sich allerdings kaum um das Mädchen kümmerte.
Besonders überzogen wirkt der gesamte Nebenstrang um Man-Shik's kleinen Bruder, der ein Mädchen rettet, dass von einer Yacht gefallen war. Zuvor wurden sie und ihre zwei Freundinnen (eine dick und eine eingebildet) von drei Typen angebaggert, die wie ihre männlichen Pendants aussehen, doch dass ausgerechnet die Attraktiveste der drei Mädchen, die natürlich für den Yachtbesitzer und obercoolen Typen vorgesehen war, von Bord fiel, war so nicht geplant. Der ist deshalb sehr sauer und droht dem kleinen Bruder sogar, ihn umzubringen, als er mitbekommt, das zwischen dem Retter und der Geretteten was läuft.
Die Mischung aus Ernsthaftigkeit und überzogenem Klamauk hält der Film bis zum Schluss durch. Besonders deutlich wird das bei Man-Shiks verrücktem Kumpel, dem seine Mutter unbedingt Schuhe kaufen will, damit ihr Junge sich für einen Job bewerben kann. Während das alte Mütterchen tragischerweise den rettenden Bus nicht nimmt, "tanzt" ihr Sohn mitten in der grössten Katastrophe zwischen den Trümmern herum, ohne das ihm ein Haar gekrümmt wird oder er wenigstens einen Schock bekommt. Im Gegenteil zündet er sich noch ein Entspannung - Zigarettchen an, womit er ein riesiges Feuerwerk verursacht, dem er aber auch unbeschadet entkommt.
Damit ist der eigentliche Höhepunkt des Films erreicht, auf den die gesamte Handlung von Beginn an zustrebt. Optisch kann "Haeundae" überzeugen, vor allem bei der Darstellung der Zerstörung Busans, aber irgendwie scheint das Wasser ganz unterschiedlich zuzuschlagen, denn während die Einen selbst auf dem Dach eines Wolkenkratzers davon gespült werden, überleben Andere inmitten der Häuserschluchten, nachdem sie an der Hauswand eine Straßenlampe erklettert haben.
"Tsunami - die Todeswelle" - wie der Film schön plakativ auf deutsch heisst, erweitert das Katastrophenfilm - Genre um keine neuen Aspekte, bleibt klischeehaft und vorhersehbar in der üblichen Dramatisierung hängen und verfügt nur im letzten Drittel über die erwarteten Schreckensbilder. Allerdings kann der Film durch seine skurrilen Übertreibungen und Overacting einiger Akteure, sowie den Wechseln zwischen harter, tragischer Realität und unrealistischem Slapstick im Angesicht der Katastrophe durchgehend unterhalten - wenn auch mehr auf die B - Picture - Trash - Art (6/10).