Betrachtet man Statistiken zur US-amerikanischen Justiz, fallen zwei Dinge besonders auf : kein Land steckt prozentual zu seiner Bevölkerunganzahl so viele Mitbürger in den Knast ( deutlich mehr als so "böse" Länder wie China oder Rußland) und nahezu jeder dritte männliche Afro-Amerikaner hat schon Knasterfahrung, bei nicht einmal 10 Prozent Anteil an der amerikanischen Gesamtbevölkerung.
Da erstaunt es nicht, daß Avery (Richard T.Jones) und seine Kumpels Cashmere und Dre gleich für 10 Jahre hinter Gittern müssen, nur weil Einer von Ihnen - Cashmere - ausgeflippt ist und eine in ihrem Auto aufgefundene Mordwaffe als Indiz gegen sie verwendet wird. "Besonders ungerecht" ist das gegenüber Avery, der ausgerechnet an diesem Abend mit seinen Freunden gefeiert hatte, daß er als Schwimmer von einem Talentscout entdeckt worden war und ein Uni-Stipendium erhalten soll.
Der Film bemüht sich allerdings keine Sekunde ein Sozialdrama aus der Sache zu machen - vielleicht hat man sich in den USA einfach schon daran gewöhnt, daß die Verhältnisse so sind und daß eben nicht nur vorbelastete Typen wie Cashmere, sondern so anständige amerikanische Jungs wie Avery, der schon verheiratet ist und einen kleinen Sohn hat ,so schnell im Knast landen können.
Obwohl alle Drei unschuldig sind an dem ihnen zur Last gelegten Verbrechen ,interessiert sich der Film nur für Averys Situation. Nur bei ihm gibt es ein soziales Netz, daß ihn aus den Fängen der Justiz befreien will. Cashmere und Dre dagegen haben nach dem Haftantritt keinerlei Kontakte mehr nach Außen und driften dementsprechend im Knast in jeweilige Opferrollen ab. Dre kommt in die Zelle eines faschistoiden Weißen, Cashmere verfügt immerhin über einschlägige Kontakte und wird gleich in einer Gang aufgenommen, deren Regeln er sich - um Schutz zu erhalten - unterordnen muß.
"Lockdown" ist von der Story her recht oberflächlich und wenig überraschend. Schon früh ist zu erkennen, in welche Richtung es die jeweiligen Protagonisten verschlägt, auch bei den Nebendarstellern sind die üblichen Stereotypen des "Knastfilms" gegenwärtig - der Boß der "Schwarzengang" , der mit Drogen dealt, der "anständige" langjährige Insasse, der kurz vor seiner Entlassung steht, der schwache, kontaktarme Zellengenosse, der zum Verräter wird und natürlich die korrupten Zellenwärter, die mit der jeweiligen Gang ihrer Hautfarbe ihre Geschäfte machen.
Trotz dieser bekannten Prämissen bereichert "Lockdown" das Genre des "Gefängnisdrama" durch zwei Besonderheiten :
- er verzichtet auf jegliche Schilderung des leitenden Personals. Sadistische oder besonders wohlwollende Gefängnisdirektoren oder Oberaufseher kommen nicht vor, so wie der Film auch keinerlei Aufarbeitung eines Justizskandals bietet und schon gar nicht ein Plädoyer gegen soziale Mißstände sein will. Man kann "Lockdown" vorwerfen, die geschilderten Mißstände nur als Vehikel für eine spannende Story zu benutzen, aber meiner Meinung hat das auch etwas sehr unaufdringliches, daß uns hier jeglicher Druck auf die Tränendrüse erspart bleibt - selbst die kurzen Familienbegegnungen mit Averys Frau bleiben zurückhaltend. Die Mißstände sind auch so offensichtlich genug und wer einfach nur einen "Gefängnis-Actioner" sehen will, wird hier ebenfalls gut bedient,
- denn die Schilderung der Verhältnisse in diesem Gefängnis sind von so radikaler Deutlichkeit und Brutalität, wie ich sie bisher noch nicht gesehen habe. Die ständige Bedrohung der Protagonisten ist immer gegenwärtig und zwar fast ausschließlich durch die anderen Gefangenen. Solidarität und Freundschaft muß sich ständig neu verdient werden, es gibt weder eine Sicherheit durch besondere eigene Stärke noch durch Beziehungen, denn selbst der Kräftigste ist gegen die immer wieder aus dem Hinterhalt verübten Attentate machtlos und Beziehungen werden genauso schnell geschlossen wie wieder getrennt. In solch einer "Hölle" jahrelang zu überleben scheint aus Sicht des Betrachters geradezu unmöglich. Die Bilder, die diese Zustände zeigen ,sind von drastischer Deutlichkeit und rechtfertigen die "ab 18" Einordnung.
So entstehen eben selbst für besonnene Typen wie Avery immer mehr Probleme. Obwohl er Glück hat mit seinem Zellengenossen und sich auch sonst zurückhält, kann er sich den Zwängen hier nicht entziehen, denn wenn du hier nicht Jemandens Freund bist, bist du sein Feind -.Freiräume gibt es nicht...
Fazit : konventionell gestrickte Story, die aber an Hand der ausführlich und drastisch geschilderten Zustände im Gefängnis, deutlich in den Hintergrund gerät. Ohne die typischen leicht romantisch verklärten Kameradschaften im Gefängnis, ohne die sadistischen Wärter oder Direktoren und ohne den Finger in die Sozialwunde zu stecken, gelingt hier eine Schilderung eines Gefängnisalltages, der an Gewalt und Hoffnungslosigkeit nicht zu überbieten ist.
Ob das real oder übertrieben ist, möchte ich nicht in Erfahrung bringen , aber ein mehrjähriges Überleben ohne an Körper und Seele verletzt zu werden, scheint mir unmöglich und so entsteht die Spannung vor Allem aus dem Wettlauf zwischen der Außenwelt, die versucht Avery frei zu bekommen und dem Gefängnisalltag, der ihn zerstören wird.
Sicherlich kein filmisches Meisterwerk, aber ungewöhnlich in seiner Konsequenz der geschilderten Verhältnisse. Als Actionfilm abwechslungsreich und spannend, aber eher für Freunde derberer Gangarten (7/10).