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„Trinke ihr Blut und labe dich daran!“

„Captain Kronos – Vampirjäger“ aus dem Jahre 1973 war einer von mehreren Versuchen der altehrwürdigen „Hammer Film Productions“, sich mit ihren Produktionen neu zu positionieren und eine frische serientaugliche Figur neben Peter Cushing als Protagonisten der Frankenstein- und Van Helsing der Dracula-Reihe sowie Christopher Lee als Vlad Tepes persönlich zu etablieren. Er blieb jedoch leider die einzige Regie-Arbeit des britischen „Mit Schirm, Charme und Melone“-Autors und -Produzenten Brian Clemens.

Kronos (Horst Janson, „Zinksärge für die Goldjungen“) hat sein Leben dem Kampf gegen Vampire verschrieben, da er der einzige Überlebende seiner Familie ist, die den Blutsaugern zum Opfer fiel. Zusammen mit seinem Gefährten Professor Grost eilt er in Mantel und Degen auf seinem Pferd seinem alten Freund Dr. Marcus zur Hilfe, der machtlos mit ansehen muss, wie junge Mädchen von einem Tag auf den anderen extrem altern und dahinscheiden. Offensichtlich saugt ein Vampir ihnen die Lebenskraft aus...

Brian Clemens, der auch das Drehbuch verfasste, bricht in „Captain Kronos – Vampirjäger“ mit vielen Vampirklischees und aus Brma Stokers „Dracula“-Roman überlieferten Gesetzmäßigkeiten. Das Aussaugen von Lebensenergie statt Blutes, die Lichtunempfindlichkeit sowie veränderte Vampirtötungsmöglichkeiten sind tatsächliche interessante Variationen der klassischen Thematik, die jedoch genregetreu einmal mehr in einem nicht näher definierten Gotik-Zeitalter angesiedelt wurde. Größtes Alleinstellungsmerkmal ist jedoch, dass man mit Kronos einen neuartigen Vampirjäger in den Mittelpunkt rückte, dem eine geheimnisumwitterte Aura zuteil wurde, der anscheinend über außergewöhnliche, übermenschliche Fähigkeiten verfügt und als heldenhafter, letztlich jedoch einsamer und innerlich zerrütteter Rächer getrieben und rastlos seines Weges zieht. Allem Anschein nach war „Captain Kronos – Vampirjäger“ tatsächlich als Auftakt einer Serie oder Filmreihe konzipiert worden, die ihn mit verschiedenen Vampirarten konfrontiert und vermutlich auch mehr über seine Vergangenheit und seinen Charakter preisgegeben hätte. Unter Filmkennern gilt „Captain Kronos – Vampirjäger“ als Quasi-Pionier für Konzepte wie „Buffy“ und „Blade“. Das Potential jedoch blieb seinerzeit unerkannt und der Film floppte – auch (oder vor allem?) aufgrund mangelnder Promotion – an den Kinokassen.

Das hat zur Folge, dass die Charakterkonstellation mitunter etwas unübersichtlich wirkt und einiges angerissen wird, jedoch weitestgehend im Verborgenen bleibt, offene Fragen zurücklassend. Apropos Fragen: Mir stellte sich sofort die nach der Tauglichkeit des blonden deutschen Schwiegermama-Lieblings Janson in der Hauptrolle als verwegener Vampirjäger. Es dauerte etwas, bis ich mich an den Anblick gewöhnt hatte, musste Janson aber schließlich zugestehen, seine Sache im Rahmen seiner Möglichkeiten gut gemacht zu haben. Ihm zur Seite steht John Cater („Das Schreckenskabinett des Dr. Phibes“) als buckliger, kauziger Professor Grost. Keine dieser beiden gegensätzlichen Rollen wäre direkt vergleichbar mit dem bekanntesten Vampirjäger Van Helsing. Klassische Gothic-Horror-Atmosphäre indes kommt in „Captain Kronos – Vampirjäger“ erst im in einem – hammertypisch detailreich ausgestatteten – alten Schloss stattfindenden Finale so richtig auf, weite Teile der Handlung spielen tagsüber unter freiem Himmel, was ihn zeitweise eher wie einen Abenteuer- oder Fantasy-Film wirken lässt. Das fällt aber nicht sonderlich negativ ins Gewicht, sondern ist Teil der veränderten Ausrichtung des Films und trägt zu seinem Charme und Unterhaltungswert bei. Die vampiristischen Übergriffe finden i.d.R. im Off statt, mit blutigen Details hält man sich demnach stark zurück. Die durch die Wälder streifende schwarzgewandte Gestalt jedoch beschwört durchaus wohligen Grusel herauf. Ein gewisser humoristischer Anteil lockert das Geschehen auf und unterstreicht die bisweilen augenzwinkernde Leichtfüßigkeit des Films, der bewusst keine pathosgetränkte, pompöse Gothic-Operette sein will. Doch nicht jede Idee zündet und weiß zu überzeugen; Szenen wie die mit erst toten, dann unwissentlich von Vampiren zum Leben wiedererweckten Kröten kratzen doch arg an der Grenze zum Albern-Absurden. Die gut gelungenen Make-up-Effekte vor allem der Alterungsprozesse können sich ebenso sehen lassen wie die schöne, detailverliebte Kameraarbeit.

Einer der größten Trümpfe von „Captain Kronos – Vampirjäger“ ist allerdings die Beteiligung Caroline Munros („Maniac“), die seinerzeit nicht nur eines der hübschesten Genrefilm-Gesichter war, sondern auch ein Erotikfaktor, mit dem auch hier nicht zu knapp kalkuliert wurde. Zwar bleibt man stets insofern züchtig, als man keinerlei unbekleidete Geschlechtsorgane mit der Kamera einfängt, lässt es zwischen Kronos und der Munro, die hier eine ebenfalls geheimnisvolle, durch Kronos vom Pranger befreite, exotisch-rassige und verrucht anmutende Schönheit spielt, ordentlich funken und die Phantasie des Zuschauers beflügeln. Caroline Munro ist das Salz in der Suppe und füllt ihre Rolle neben körperlichen Reizen mit Ausstrahlung und angenehmer Natürlichkeit aus. Auch dem Gehörsinn wird geschmeichelt, in Form stimmiger orchestraler Begleitung. Das wahrlich überraschende Ende schüttet dann noch einmal eine ganze Menge origineller Einfälle aus und kann sich auch dramaturgisch sehen lassen, inkl. eines ausgiebigen Schwertkampfs. Es ist der Schlusspunkt unter einen in Bezug auf Genrekonventionen experimentellen, nicht nur filmhistorisch interessanten, unterhaltsamen Film, der mit seinem britischen Charme zu keiner Sekunde langweilt, wenn er auch aus heutiger Sicht sicherlich recht unspektakulär wirkt. Und es ist ein Film, den ich persönlich lieber in Serie gehen gesehen hätte als „Buffy“ oder „Blade“...

Danke an Anolis für die eigens für die DVD-Veröffentlichung angefertigte, professionelle deutsche Synchronisation, für die Horst Jansen sich selbst sprechen durfte, und die allgemein vorbildliche Veröffentlichung dieses vergessenen, nun entstaubten Klassikers!

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