Wenn ich sowieso schon mal über Filme aus „Spätphasen“ schreibe, kann ich mich zwischendurch auch noch ein wenig den seligen Hammer-Studios widmen. Was ab 1972 noch aus England in den internationalen Horrormarkt einfloss, war, wenn es nicht von Pete Walker war, mehr so eine Art Nostalgieprodukt aus Zeiten, deren Vorbeiziehen man einfach nicht mehr wahrhaben wollte. Die letzten guten Hammerfilme waren 1968 durchgelaufen, was danach kam, litt schon unter Phantasielosigkeit und dem Problem, historischen Horror nur bedingt modernisieren zu können.
Ab 1971, als mehr nackte Haut bei Hammer links wie rechts von den Italienern und Franzosen überholt wurde, kam dann kaum noch etwas, die Spannungsmacher wechselten auf Psychothriller und Gialloabkömmlinge und klassisch setzte man eben auf schnucklige Vampirgirls – mit wechselseitigem Erfolg.
So hab ich dann lange vieles aus dieser Phase – die nicht eben für Qualität berühmt war, egal ob von Hammer, Amicus oder kleineren Firmen – links liegen gelassen, so auch die letzten Zuckungen des Markführers, von denen eines eben „Captain Kronos – Vampirjäger“ war.
Heute bedauere ich das, aber beim Erstversuch hab ich den Film noch als visuell karg und ultrarealistisch verworfen, jetzt also noch einmal eine Komplettsichtung. Und siehe da, es gibt doch so einiges zu entdecken in diesere 1972er Produktion, die man, als Hammer noch Budget hatte, schnell runterdrehte und dann bis 1974 zurückstellte, als die Firma finanziell schon leer lief.
Aber der Film ist ein hehrer Versuch, mal etwas anders zu machen bei den bösen Blutsaugern: der Plot gestaltet sich quasi als Whodunit, wer denn nun eigentlich der Vampir ist, die Helden und Nebenfiguren arbeiten sich über die Laufzeit an detektivischen Aufgaben zur Identifizierung ab, wobei der titelgebende Held nicht eben immer im Mittelpunkt steht.
Warum die Engländer auf einmal darauf verfielen, eine Heldenrolle plötzlich einem – nicht einmal sonderlich bekannten – deutschen Darsteller in Gestalt von Horst Janson (ja, der Horst aus der Sesamstrasse!) zu geben, ich weiß es nicht. Offenbar trauten sie dem Braten aber selbst nicht so recht, denn außer seiner übermenschlichen Schnelligkeit mit dem Schwert, die man aber nicht so besonders gut visualisieren konnte und seiner Herkunft als mysteriöser Überlebender eines Vampirbisses, musste Horst hier meistens seine Uniformjacke und blonden Strähnen im Wind der englischen Herbstlandschaft wehen lassen und jede Menge Zigarillos rauchen. Den aufklärerischen Teil übernahm sein buckliger Assistent, wenn er denn mal Text bekam und den reichte er an die Verkörperung des Publikums und dessen primären visuellen Interessen weiter, nämlich Caroline Munro als schönes Romani-Girl. Und als sei das nicht genug, hat auch ihr Auftraggeber, der Arzt Markus (John Carson als klassisches Hammer-Material) wesentlich mehr zu tun, ehe er nach drei Vierteln seinen Fahrschein bekommt.
Was das Skript so untypisch macht, ist das Fehler typischer Blutsauger, denn hier rennt oder schwebt oder fährt ein Energievampir durch die Landschaft und macht die hübschen Mädels alt. Das kann man offenbar auch am Tag tun und wird dabei fast nicht bemerkt, der Bösewicht hat mesmerische Hypnosekräfte und lässt die Opfer alles vergessen und muss sonst wohl in der reichen Familie Durward verortet sein, weil sich einfach nicht mehr Verdächtige anbieten.
Wenn das aber so ungewöhnlich ist, warum reicht es dann nur für netten Durchschnitt?
Das liegt an dem geradezu bitter-nüchternem Look, dem die historische Hammerpracht, die immer so schön nebelte und dampfte, mit dunklen Ecken und Kronleuchtern, gewichen ist. Wer die kahlen, harten Folkhorrorstücke Marke „Hexenjäger“ gesehen hat, weiß, wie der Hase läuft. Grauer Himmel spannt sich über kargen (echten) Naturlandschaften, Gras, Büsche, hier und da ein echtes Stück Wald, was aber mit Unheimlichem punkten kann. Die gut erhaltenen Originalschauplätze wirken wie tschechisch oder russische Märchenfilmkulissen, da ist nur selten das Studio am Start und wenn, dann merkt man es auch.
Das gestaltet sich als Problem, denn der Film ist die einzige Regiearbeit von Brian Clemence und der Mann hat nun wirklich das Greater Britain zumindest auf dem Fernsehschirm seit den späten 50ern mit „Danger Man“, „The Avengers“, „The Baron, „Die Zwei“, „New Avengers“, „Die Profis“ und „Bergerac“ geformt. Hier allerdings scheint er sich zwischen dem Naturalismus und der stilisierten Künstlichkeit von „Mit Schirm, Charme und Melone“ nicht recht entscheiden zu können und bietet nichts Stringentes.
Immer wieder wechselt der Blickwinkel, viele Opfergeschichten, Puzzleteile, aber eben mehr Mystery als Horror, auch wenn manche Tableaus wirklich creepy erscheinen in ihrer Reduktion. Da riecht es manchmal arg nach Fernsehspiel oder Kunstfilm, es fehlt der Drive und ein probater Bösewicht wäre auch ganz gut.
Interessant dagegen die hier präsentierte Trial- and Errormethode bei der Vampirbeseitigung, weil hier häufiger mal Aufhängen oder Pfählen gar nicht funktioniert und am Ende Schneidwerkzeug aus reinem Eisen herhalten muss, welches als Perseus-Effekt auch noch den bösen Hypnoseblick blocken oder spiegeln kann.
Aber die Vielfalt fällt eben flach, so etwa wie der sehr improvisiert in die Landschaft gestellte Dorffriedhof, auf dem der vorgeblich verstorbene Durward-Lord als Einziger mit einer Grabmalstatue thront. Nur dass man für die Statue offenbar kein Geld hatte, denn wer genau hinschaut, erkennt genau, dass hier ein weiß bemalter Darsteller ganz doll auf dem Sockel still gehalten hat.
Immerhin gibt’s hier auch mal etwas Blut zu sehen, da ist man ein wenig deutlicher geworden und eine Szene mit drei gedungenen Mördern in einer Schenke (Ian Hendry in einer kleinen, arschigen Gastrolle) ist auch ein Highlight, aber leider viel zu schnell vorbei.
Dennoch wäre Potential für eine Serie vorhanden gewesen, wenn man der eigenen Wahl vertraut hätte – aber man synchronisierte Janson im Englischen mit dem Carry-On-Regular Julian Holloway und sogar das hatte noch mehr Stil als die grauenhaft eckige Stimme, die Janson sich selbst gönnte, als er 30 Jahre später die deutsche Tonspur einsprach, mit fast siebzig Jahren.
So ist „Kronos“ ein bemerkenswertes Zeitdokument des Wandels und des Scheiterns, ein beachtliches Was-hätte-werden-können-wenn, ein Kuriosum, was für Hammer zu spät kam. Aber immer noch passender als die Liaison mit den Shaw Brothers (5/10)