Religion stößt auf Kulturrevolution, - ein solches Aufeinanderprallen ergibt keine Antworten, sondern nur Fragen und die Coen-Brüder sind bekannt dafür, kaum Fragen zu beantworten.
Als Sinnsuche mit vielen lakonischen Momenten gestalten sie indes einen netten Reigen, aber ehrlich gesagt: Wer in Sachen Judentum nicht gut bewandert ist und ein generelles Faible für Geschichten mit Pointe pflegt, wird an dem Film nicht die ganz große Freude haben.
Minnesota, um 1967: Physikdozent Larry Gopnik führt ein scheinbar beschauliches Leben, doch um ihn herum bricht das Konstrukt der heilen Welt langsam zusammen und lassen in ihm Fragen nach dem Sinn dahinter aufkommen: Seine Frau will sich scheiden lassen, die Tochter beklaut ihn, der Sohn ist mit Drogen und Rockmusik statt mit Schule beschäftigt und obendrein versucht ein Student mit augenscheinlich bestechlichen Argumenten seine Note zu verbessern. Der Besuch bei einem Rabbi könnte weiterhelfen, doch das Ende des dunklen Tunnels ist noch lange nicht erreicht.
Wenn du denkst, es könnte kaum schlimmer sein, bricht ein weiteres Schicksal über dich herein.
Nach diesem Motto schustern die Coens unserem Antihelden einen Hammer nach dem anderen zu, während dieser nahezu stoisch versucht, den Tatsachen rational und mithilfe religiöser Fundamente auf den Grund zu gehen.
Besonders effektiv ist die Selbstverständlichkeit der Figuren gegenüber Larry.
Etwa der Neue an der Seite seiner Frau, ein schleimiger Heuchler, der ohne Rücksicht auf Verluste hinter seinem Rücken handelt oder der Direktor, der mal eben das Radio des Sprösslings konfisziert. Stark ist in solchen Momenten die Kamera von Roger Deakins, jene Gesichter in totaler Selbstverständlichkeit der Mimik einzufangen und somit noch das Groteske einiger Situationen zu untermauern.
Demgegenüber wird man sich schwer tun, einen Zugang zur Allegorie zu finden, die bereits mit einer Szene über einem Dibbuk einsteigt und ein Paar zeigt, welches sich jiddisch unterhält. Verständnisschwierigkeiten setzen sich fort, denn wer wird schon wissen, was „Hashem“ ist oder die „Bar Mitzwa“ und auch nicht jeder wird darauf kommen, dass das in einem Dialog erwähnte Album von Santana „Abraxas“ auf eine mythologische Figur verweist, die mit blasphemischer Tendenz als höchste Gottheit eingestuft wird.
Ohne entsprechendes Hintergrundwissen werden sich einige Szenen ergo als völlig sinnfrei darstellen.
Was das Ambiente betrifft, so kommen die Coens wiederum wunderbar auf den Punkt. Die Auswahl der nahezu unbekannten Darsteller ist insofern schon effektiv, als dass man sich schneller auf die jeweilige Figur einlässt, als sich womöglich über bekannte Gesichter zu freuen, während dies den Mimen, allen voran Michael Stuhlbarg als Larry, in allen darstellerischen Belangen gelingt.
Dazu ist die Ausstattung bis ins Detail superb. Requisiten, Autos, Kleidung, Frisuren, ganze Gebäude, dazu diese typische Farbgebung in hellblau und orange, farbenfroh, doch schleichend kühl im Unterton, so trocken, wie Larry einen Nackenhieb nach dem anderen einstecken muss.
Nur, sind dieses eben kleine Episoden, wie Besuche bei verschieden Rabbis, eine Anekdote über einen Zahnarzt mit einem abstrusen Gebissabdruck, oder die Besetzung von „Jefferson Airplane“. Oft kann man über solche Situationen schmunzeln, sich über den faulen Onkel Arthur im Bad amüsieren oder darüber, dass Larrys Sohn annähernd jeden Tag vom Mitschüler wegen eines Radios gejagt wird. Doch am Ende ist es so, dass die Coens eher autobiographischen Stoff mit Liebe zum Detail abliefern, als eine Geschichte zu erzählen, die am Ende eine Lösung ergibt.
Dazu passt auch das in sich grandiose Endbild, denn diese Ambivalenz zwischen Komödie und Tragik, zwischen Tiefschlag und Hoffnung ziehen die Coens gnadenlos bis zuletzt durch.
Religion kennt eben nicht immer eine Antwort und wer die Grenzen seines Grundstückes juristisch überprüfen lässt, sollte sich vorher darüber informieren, wer diese Prüfung durchführt…
Zusammenfassend: Wirklich begeistert bin ich von „ A Serious Man“ nicht, denn der trockene Humor mit religiösen Anleihen ist nun mal nicht jedermanns Sache.
Auf der anderen Seite ist das Werk durchzogen von erinnerungswürdigen, humorvollen und nachdenklichen stimmenden Momenten, die nicht nur aufgrund ihrer visuellen Art bestechen und von durchweg überzeugenden Darstellern getragen werden.
Unterhaltsam, tiefgehend, durchaus humorvoll, aber aus meiner Sicht nicht berührend.
7 von 10