Review

„Nicht nach unten sehen!“
Der Schlüsselsatz des Bergsteigerdramas, welcher in nahezu jedem Klassiker gefühlte acht Mal fällt, ist immer dann unumgänglich, wenn unerprobte Kletterer ihre Höhenangst in prekärer Situation überwinden sollen.
Auch hier gibt es diese Konstellation, bevor der beeindruckende Kletterpart zum austauschbaren Backwood-Slasher verkommt.

Kroatien: Die Paare Fred, Carine und Loic, Chloe, als auch dessen Ex Guillaume wollen, trotz gesperrten Aufstiegs die rauen Felslandschaften erklimmen. Als es beim Überqueren der Hängebrücke fast zu einer Katastrophe kommt, ist das erst der Anfang der Turbulenzen, denn die Gruppe befindet sich nicht allein hier oben in der abgelegenen Wildnis…

Die erste halbe Stunde bereitet echt Freude, denn es geht ohne größere Ausschweifungen und knapper Vorstellung aller fünf Figuren rasch über zum Erklimmen der Berge.
Fred und Carine sind die Erfahrenen, die etwas forscher zu Werke gehen, Chloe hat offenbar mit einem Trauma als Ärztin oder Krankenschwester zu kämpfen, während die beiden Männer (Loic der Angsthase, Guillaume der Lauernde) in Eifersuchtszustände verfallen. Keine heldenhafte Erscheinungen, aber bis dato glaubwürdige junge Leute, unternehmungslustig, natürlich, aber immer noch mit kleinen Ambivalenzen versehen.

Dabei hilft während der ersten Hälfte primär die gut positionierte Kamera und der treibende Score, - denn in schwindelerregender Höhe wirkt das Überqueren der engen Hängebrücke tatsächlich wie ein Akt auf dem Drahtseil, mit all seinen Tücken (und tiefen Ausblicken in den Abgrund). Die leichten Schwenks der Kamera erzeugen dabei eine nachvollziehbare Höhenangst, die Furcht vor dem tiefen Fall kommt in nahezu jeder Einstellung zur Geltung und im Gesamtbild glänzt vor allem, wie klein der Abenteurer ist, wenn er einer Tücke der scheinbar unberührten, rauen Landschaft zum Opfer fällt.

Doch als jemand in die obligate Bärenfalle tritt, wendet sich das Blatt. Geschickt ist bis zu diesem Zeitpunkt, noch keine personifizierte Bedrohung ins Spiel zu bringen und die teilweise parallel eintretenden Schocksituationen wie eine Verkettung unglücklicher Umstände darzustellen. Doch als letztlich der kannibalistisch veranlagte Verwilderte auf den Plan tritt, der, wie sich später herausstellt, hier als entführter Fünfjähriger irgendwie klarkommen musste, knüpft der Verlauf rasch an den allseits bekannten Pfaden des Hinterwäldler-Terrors an.

Und dabei glänzt das Drehbuch nicht gerade mit markanten Einfällen, wenn zwischenzeitlich zwei entführt und gefesselt werden, während einer dritten Person kurzweilig die Flucht gelingt.
Erschreckend ist bei alledem der scheinbare Wechsel der Kameraleute, denn was zuvor sorgsam überlegt eingefangen wurde, sieht mittlerweile aus wie ein einziges Unvermögen, da die Kamera bei Bewegungsmomenten hektisch fuchtelt und kaum mehr eine deutliche Einstellung zustande kommt.
Die späteren Zweikämpfe mit dem Zurückgebliebenen zeugen zwar von einer gewissen Härte und Unnachgiebigkeit auf beiden Seiten, sie sind auch okay choreographiert, doch jene Momente bleiben am Ende die einzigen, die das finale Geschehen halbwegs spannend gestalten.

So zeugen die Fangvorrichtungen und Waffen des unfreiwilligen Eremiten von geringer Originalität, denn über eine Fallgrube mit Pfählen und dem Abfeuern von Pfeilen kommt das Böse, außer prähistorischem Gebrüll kaum hinaus.
Man rennt ein wenig durch die Gegend, hängt in den Seilen, findet Leichenteile und beschwört Urinstinkte hinauf, aber zum ordentlichen Mitfiebern langt das letzte Drittel weder für Anhänger des neuzeitlichen Torture Porn, noch für Freunde ausgemachten Survival-Horrors.
Und was es mit dem Trauma von Chloe auf sich hat, wird man wohl nie erfahren, da das Drehbuch auch an dieser Stelle reichlich geschlampt hat und keinerlei Erklärungen liefert.

Eine zwiespältige Angelegenheit also: Erster Teil routiniert, aber effektiv und spannend in Szene gesetzt; zweiter Teil ideenlos und nur leidlich unterhaltsam zusammengeschustert.
Knapp
6 von 10

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