Review

Die Jahre schreiten voran, aber die Backwoodformel von den Großstädtern, die in freier Natur am degenerierten Hinterwäldler scheitern, mögen sie auch noch so gut vorbereitet sein, die wird immer und immer wieder durchgenudelt, weil die Welt außerhalb unserer bequemen Sofas, vollen Kühlschränke und gut getuneter Surroundanlagen eben so schrecklich fremd sein könnte, wenn man sie denn je erforscht hätte.
Also glauben wir es dann doch gern, daß in Osteuropa die finstren Schurken, Folterer und Organhändler umgehen, in Amerika die Vietnam- und Irak-Veteranen im Blutrausch vor sich hinvegetieren und am Schauplatz jeder Strahlen- oder Chemiekatastrophe minimum eine vielköpfige Einheimischensippe nicht die Schutzzone verlassen hat.

Vorhang auf für die nächste Präsentation: "High Lane"!
Trotz des englischen Verleihtitels ist das Produkt französischer Natur, aber weil die Weinömmel und Käsepsychopathen der Auvergne nicht ganz so überzeugend daherkommen, ist auch in diesem Fall der Plot mal eben wohin - na? - genau, nach Kroatien verlagert worden, weil da die Menschen krauses Zeugs reden und die Wildnis noch echt wild ist.
Fünf gute Freunde machen sich auf den Weg zu einer freundschaftlichen Klettertour: da haben wir den emotional voranschreitenden Extremsportler und Motivator, seine engagierte Freundin und dann natürlich den schwelenden Gruppenkonflikt aka die traumatisierte Krankenschwester (einen Patienten verloren), ihren aktuellen Freund (kein Kletterer) und ihren ehemaligen Freund (Kletterer). Da sind die Probleme vorprogrammiert und es deutet sich schon beim Gruppenfoto subtil an, daß die Sympathien in den kommenden Extremsituationen nicht eben produktiv ausfallen werden.

Wer jetzt an ermüdende Kapriolen denkt, erlebt aber bei "Vertige" (OT) eine positive Überraschung, zumindest in der ja sonst so öden ersten Hälfte, die der Charakterausbildung dient. Die ist hier allerdings die bessere Hälfte, denn was Abel Ferry aus dem Klettertrip an Aufnahmen herauspreßt, dürfte dem unangeleinten Zuschauer daheim eine Weile den Hals mehr zusammenschnüren als alle axtschwingenden Psychopathen danach. Mit wunderbar eingesetzter Handkamera, delirischen Aufnahmewinkeln und gähnenden Abgründen kann man die alptraumhafte Seiltour zumindest für den unerfahrenen Loic, der bald mit stabilen Angstzuständen zu kämpfen hat.

Natürlich ist auch hier mehr im Busch, denn der Kletterweg erweist sich eigentlich als gesperrt (soso!) und später gibt Kletter-As Fred zu, daß er das gewußt hat, ein Schelm also, wer da eventuell an Inspirationen aus "The Descent" denkt, nur eben nicht unter, sondern weit über der Erde. Irgendwann zur Halbzeit, da ist Loic schon ein Nervenbündel und Exfreund Guillaume voll von schäumender Verachtung, reißt dann die dolle Hängebrücke, über die man im besten Indiana-Jones-Style wandert und dann fehlt der gesicherte Weg. Und das ist exakt der richtige Zeitpunkt, um die nervliche Durchhaltefähigkeiten der Anwesenden zu testen, indem man ihnen die Kletterei richtig gefährlich macht und auch noch einen pfeilschießenden und fallenlegenden Angreifer in den Weg stellt.

Das Schlechte daran: alles was dann noch folgt, ist eigentlich Genrestandard, was nicht zwangsläufig schlecht sein muß, aber auch nicht besonders originell ausfällt. Die Überlebenden dürfen sich ein bißchen ungeschickt bis dämlich anstellen, aber immerhin läßt man den Killer längstmöglich im Dunkel der Nacht, durch das unsere Protagonisten irren.
Das Gute daran: hier wird mit einer soliden Härte vorgegangen und die Verhaltensweisen der Figuren sind nicht immer vorausberechenbar. Zwar ist das "final girl" seit Szene 1 bekannt, aber dennoch kann man hier selten in eindeutig sympathisch oder unsympathische Figuren unterteilen. Besonders die Rivalen Loic und Guillaume wechseln sich zwischen tapferem Kerl, totalem Arschloch, heulendem Elend und mörderischem Verräter ab, wohingegen der Killer selbst (dem die Motivation für seine Taten eher abhanden gekommen ist), eher naiv-natürlicher Natur ist.
Da fällt es schwer zu genießen, denn immer wenn man sich beim "Liebestrio" mal auf irgendwen festlegen will, möchte man ihn zwei Minuten später wieder erschlagen, was allerdings auch dazu führt, daß nicht immer alles schlüssig und nachvollziehbar ist, was die Figuren so tun und machen.

Obwohl man nicht allzu tief in die Eingeweidetüte greift, kann "High Lane" dann auf der Schlußgerade zwischen angewandter Hysterie und brachialer Gewalt aus schierem Überlebenswillen überzeugen, entscheidet sich dann auf den letzten Filmmetern jedoch für eine typische Horrorvariante, die man bei so viel Innovation oder Abwechslung auf nur gut 75 Minuten Länge nicht eben gesetzt hätte und dem Film mindestens einen Punkt kostet.
Geklärt ist da am Schluß so manches noch nicht, aber als adrenalintreibender Alpinistentrip funktioniert "Vertige" verblüffend gut, zumindest wenn man weniger für Klischees aber mehr für ambivalente, schwer auszurechnende Figuren übrig hat. (6,5/10)

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