Review

Da hat aber jemand ganz offensichtlich ein paar David Lynch Filme gesehen, wahrscheinlich auch einige von Polanski und nebenher fleißig Kafka gelesen.
Die Einflüsse in Michael Walkers Regiedebüt sind unverkennbar, doch allzu leicht lassen sich seine Metaphern nicht entschlüsseln.

Uniprofessor und Lyriker Ed (Jeff Daniels) ist seit zehn Jahren mit Eve verheiratet. Doch eines Abends kehrt sie nicht von ihrer Arbeit zurück. Ed erkundigt sich im örtlichen Krankenhaus und wendet sich schließlich an die Polizei. Tage später wird ihr Auto verlassen in der Nähe eines Arbeitskollegen gefunden, doch von Eve fehlt weiterhin jede Spur.
Seit Monaten hat Ed keinen richtigen Schlaf mehr gefunden und mit dem Verschwinden seiner Ehefrau kommen Halluzinationen und Paranoia hinzu, die ihn letztlich an der Realität zweifeln lassen.

Ein schick gefilmtes Kammerspiel hat Walker hier hinbekommen. Nahezu alle Szenen spielen im Haus von Ed, das als Metapher für sein eigenes Seelenleben zu sehen ist: Die Fassaden bröckeln immer mehr, Wasser tropft aus den Wänden und scheinbar weder der Abfluss in der Wanne, noch der der Toilette funktioniert mehr. Sollte er etwa die Leichenteile seiner Frau hier in die Kanalisation gespült haben oder ist die Verstopfung nur ein Sinnbild für das stagnierende Leben des Lyrikers?
Am Ende ist der Zuschauer nicht wirklich schlau daraus geworden, die Frage „hat er, oder hat er nicht“, wird nicht eindeutig beantwortet, sondern will zusammen gepuzzelt werden.
Selbst bei den übrigen Figuren, die mit Ed in Kontakt treten, gibt es Hinweise darauf, dass diese nur in seinem Wahn existieren.

Vielleicht hat er sich den Besuch seiner Studentin nur eingebildet, um ein Stück weibliche Gesellschaft zurückzuerlangen oder er wollte einfach nur poppen
Vielleicht gibt es den Schlafmittel verschreibenden Psychiater gar nicht, schon merkwürdig, dass auch dieser seine Frau durch Mord verloren hat.
Vielleicht gibt es auch keine ermittelnden Detectives, die sich allesamt mit Tabletten voll pumpen.
Und was ist mit dem abgetrennten Finger, der plötzlich unter der Kommode auftaucht und noch deftiger: Das Mutantenbaby in einer Wanne voll Blut…

Nein, erklärt wird hier am Ende nichts, doch der Weg dorthin ist trotz scheinbarer Einfältigkeit keineswegs langweilig. Jeff Daniels kann die One-Man-Show durchaus ansprechend präsentieren, wenn er als unrasierter, verschlossener und gleichgültig wirkender Typ seine ohnehin schon schmalen Lippen immer weiter anspitzt und der Ausdruck der Augen ständig im Halbschlaf wandelt. Abstoßend und sympathisch zugleich mimt er den Typen, dessen Innenleben die Kamera aus ebenso ansprechenden Perspektiven einfängt.
Dass es keinen konventionellen Score gibt, war eine gute Entscheidung, da hier die Untermalung von dumpfen Hüllkurven und Stimmen mit viel Hall für weitaus mehr Atmosphäre sorgt.

Es ist ein ruhiger Film, keine Action, kein Splatter und wohldosierte Spannungsmomente.
Ich musste eine Weile überlegen, ob ich „Chasing sleep“ mit seinem offenen Ende mag, da ich einen „Sixth-Sense-Paukenschlag“ erwartete. Aber es ging auch ohne.
Nichts Weltmeisterliches und schon gar nichts Neues, aber ähnlich angelegt, wie jüngst „Next Door“: Mit einfachen, aber gekonnten Stilmitteln Interesse bis zum Schluss aufrechterhalten.
Hat geklappt, ich bin zufrieden.
7 von 10 Punkten

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