Am Anfang ist da dieses Gefühl. Vom Empfinden her ist es immer gleich, nur in seiner Intensität kann es variieren. Ein Grummeln im Bauch, ähnlich einem Schockzustand, in einer Dichte vom leichten Unwohlsein bis zur Übelkeit. Es ist Ausgangspunkt für die Furcht vor etwas, eine böse Ahnung, einen gerade ausgelösten Zustand der Angst oder Überraschung, etwa wenn man unvermittelt angeschrieen wird - aber es kann auch ein Zeichen für Schuld sein. Für das Wissen darum, dass man etwas falsch gemacht hat, für den Wunsch, den begangenen Fehler zu korrigieren. Für die Erkenntnis, dass dieses Unterfangen unmöglich ist. Außer freilich in den tempusparadoxen Unwelten des David Lynch.
Nicht nur diese scheint Michael Walker, seines Zeichens Autor und Regisseur von “Chasing: Sleep”, penibel studiert zu haben. Da bilden sich in den sterilen Räumen des Hauses plötzlich graue Flecken, die an der Wand wachsen, bis sie aufbrechen und Wasser und Fäulnis freisetzen. Da werden stets und ständig ungewollte Dinge den Abfluss heruntergespült, in den Müllschlucker gesteckt, in die Toilette geworfen. Doch es kommt immer wieder an die Oberfläche. Stilistisch an subtilen Psychohorror der jüngeren Zeit angelehnt, darf man jedoch nicht den Fehler machen, Michael Walker als einfachen Imitator von Vorbildern wie Lynch, Cronenberg oder Adrian Lyne (bezüglich “Jacob’s Ladder”) festzumachen. Denn so interessiert scheint er gar nicht daran zu sein, seinen Platz in einem Trend zu finden. Fast schon eher kann man späteren Produkten Inspirationsbildung bei “Chasing: Sleep” unterstellen, wenn man Filme wie “Dark Water” oder Computerspiele wie “Silent Hill 4" betrachtet. “Chasing: Sleep” zitiert vielmehr die grundlegende Klassik, Schuld und Sühne. Dies hier ist so etwas wie eine moderne Neuverfilmung von Edgar Allan Poes “Das verräterische Herz”.
Damit ist zwar jede Aussicht auf einen effektiven Plottwist dahin, aber die Überraschung ist ohnehin schon mit dem offensichtlichen Titel in Wohlgefallen aufgelöst. Es ist dann auch wirklich beruhigend zu erkennen, dass am Ende nicht künstlich auf Mindfuck gedreht wird. Konstruiertheit macht Platz für das Gefühl an sich, die Spannung von innen, das Weiden an der reinen Emotion. Die Folge ist eine unaufdringliche Ästhetik. Im Gegenstand lange nicht mehr neu, beinahe banal, doch in der Ausführung fast exzellent. So schiebt sich dieser Beitrag an jüngeren Vertretern wie “Identität” vorbei.
Jeff Daniels trägt den Film als Schauspieler quasi im Alleingang. Eingeschlossen in die künstlich hellen Gänge seines Hauses, die tiefste Dunkelheit und Klaustrophobie suggerieren, gleitet er mit jedem vergangenen Tag zunehmend in das Irrationale, das ihn immer öfter besuchen kommt. Die Invasoren sind teils menschlich; Telefon und Türklingel erschallen so oft, dass man sie beide zum Teufel wünschen würde. Doch dann ist dieser Mann alleine, ohne sozialen Kontakt, und das verstärkt seine Depressionen und seine Einbildungen. Menschen; dieser Mann kann nicht mit ihnen leben, aber auch nicht ohne sie.
Die Bilder, die der Regisseur schafft, sind nicht weniger als Kompositionen. Ein langsames Dahingleiten durch die Flure, durch Türen hindurch und in Zimmer hinein. Ein ebenso langsames Gleiten wie das von Daniels in die innere Unruhe. Zunächst ist alles nur ein wenig komisch, als seine Frau, die wir nie gesehen haben, nicht von der Arbeit nach Hause kam. Soll man da im Krankenhaus anrufen, oder ist das übertrieben? Man mag es Intuition nennen, das Gefühl, das einen dazu bringt, schließlich nicht nur die Krankenhäuser, sondern auch die Polizei anzurufen. Immerhin kennt man die Gewohnheiten seiner Mitmenschen - es ist nicht normal, dass die Frau über Nacht fortbleibt.
Mit zunehmender Abstinenz der Frau wird das flaue Gefühl im Magen immer stärker - bei Daniels’ Ed Sanxon, beim Zuschauer. Es geschieht nicht viel, das Übliche eben; es passieren auch keine Dinge, die nicht erklärbar wären, zumindest vorerst nicht. Und doch erschafft Walker dieses Unbehagen, indem er einfach nur die pastellfarbenen Tapeten entlanggleitet und seltsame Geräusche einfängt, Widerhall, metallische Geräusche, dumpfes Pochen.
Selbstverständlich lässt der psychologische Horror nicht lange auf sich warten - spätestens, als Daniels eine Handvoll Staub, dann einen abgetrennten Menschenfinger unter dem Schrank hervorholt, ändert sich die Perspektive. Der Keller füllt sich behäbig mit auslaufendem Wasser, in der Schwärze seiner Ecken erkennt man plötzlich ein kleines Detail, das immer heller wird. Es entpuppt sich als Gang in einem Krankenhaus. Ein Kameratrick, der uns in die Vergangenheit führt oder in die Gedankenspiele Daniels, der nur dasteht und in die Dunkelheit starrt.
Zwar ist jederzeit mehr als offensichtlich, was welches Detail zu bedeuten hat. Die Symbolik in Form der Wasserschäden, der verstopften Toilette, der unangenehmen Überraschung in der Badewanne, sie lässt keine Zweideutigkeiten zu. Und doch ist dieses Werk unbeeindruckt von Auflagen, die zu beachten sind. Auf das Urteil von Filmkritikern scheint es überhaupt nicht angewiesen zu sein. “Chasing Sleep” ist in sich schlüssig, stimmig und jederzeit atmosphärisch. Nicht so komplex und asymmetrisch wie “Lost Highway”, nicht so psychologisch intensiv wie “Jacob’s Ladder”, aber doch verwaschen und geheimnisvoll; nicht so reißerisch wie “Identität” und so augenöffnend wie “Sieben”, nicht so poetisch wie “Insomnia”, aber doch durchdacht und sich selbst bis auf den kleinsten gemeinsamen Nenner auflösend.