Eine interessante Erkenntnis, oder besser ein gutes Beispiel für die häufige Erkenntnis, dass man für bestimmte Werke einfach ein fortgeschrittenes Alter mit der entsprechenden Reife braucht. Nicht dass es in jungen Jahren an Geist fehlt, sondern der filmischen Erfahrung und den feineren Sensoren für die große Kunst. Jene nennt sich hier "Cinéma du look" und ist so etwas wie die Folge-Generation der "Nouvelle Vague". Junge Regisseure wie Beineix, Besson oder in diesem Fall Carax setzen zur Abgrenzung auf einen bewusst über-künstlichen Stil und weniger tiefgründigen Inhalt. Stil über Substanz? Definitiv! Die Freiheit der französischen Regisseure bei der Realisierung ihrer Vision setzt sich auch hier unbegrenzt fort. Nahezu unerschöpfliche Kreativität, ein ungestümer Mut, Ideen, die funktionieren, andere weniger. Auf jeden Fall ein cineastisches Experiment, welches sich lebendig anfühlt. Das kann gefallen, muss aber nicht, wo wir wieder am Ausgangspunkt dieser Rezension sind. Meine Wertschätzung war von Anfang an gestiegen, aber nur sukzessive. Ich fand mich in einem genrebefreiten Theaterstück, fernab jeglicher Realität, mit der Kamera eingefangene Lyrik. Großartige Bilder treffen auf eine willkürliche Szenen-Aneinanderreihung, ein poetischer Grundton auf sperrige Mono- und Dialoge. Dazu die hypnotisierend portraitierten Schönheiten Binoche und Delpy, und deren allumfassendes Gegenteil, Denis Lavant. Die Schönen und das Biest. Irgendwann macht alles Sinn, ihre makellosen Hüllen, sein wildes Inneres. Es geht um Liebe, in all ihren Facetten. Ein Film den man spürt. Begehren, erfüllt und unerfüllt, Sehnsucht, Verlust, Schmerz. Was auf den ersten Blick wie wildes Hauptsache-Anders anmutet, ist auf den zweiten eine tiefromantische Geschichte.