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“Der charmante Rächer“

Der maskierte Rächer ist seit jeher eine der beliebtesten Figuren in Literatur, Film und Popkultur (hier vor allem zahlreiche Superhelden aus dem Comic-Universum). Keineswegs handelt es sich dabei stets um gebrochene und/oder traumatisierte Helden, die irgendein dunkles Geheimnis umgibt - Der Graf von Monte Christo und Batman sind die bekanntesten Beispiele dieser Spielart. Vielmehr kann der meist schwarz gewandete Rächer durchaus auch als charmant-witziger Sprücheklopfer auftreten, wie das Beispiel der nicht minder berühmten Zorro-Figur belegt.
Allen gemeinsam ist die Doppelidentität und der einsame Kampf für Recht und Ordnung. Im „richtigen“ Leben sind sie meist unauffällige Normalbürger (Don Diego Vega alias Zorro), bis hin zu Langweilern (Bruce Wayne alias Batman) und/oder tölpelhaften Loser-Typen (Peter Parker alias Spider-Man, Clark Kent alias Superman). Ironischerweise kommt erst hinter der Maske ihre wahre Natur zum Vorschein. Anders ausgedrückt: ihre vermeintlich normale Identität ist die eigentliche Maske. Ihr aufopferungsvoller Kampf für Gerechtigkeit findet stets außerhalb des gültigen Rechtssystems statt, sei es weil dieses korrumpiert, hilflos oder im eigenen Normensystem gefangen ist.
Die Kombination Rache-Maskierung bzw. Rache-Doppelidentität ist vor allem auch ein genretypisches Element des klassischen Abenteuerfilms. Neben den bereits erwähnten Verfilmungen von Alexandre Dumas´ Der Graf von Monte Christo und diversen Zorro-Varianten, taucht dieser Motivkomplex auch in Ritter- (Ivanhoe - Der schwarze Ritter, 1952) und Piratenfilmen auf (Gegen alle Flaggen, 1952). Insbesondere aber tummeln sich im Subgenre „Mantel-und-Degen-Film“ zahlreiche maskierte Rächer: u.a. in Das scharlachrote Siegel (1934), Die purpurrote Maske (1955), Fracasse, der freche Kavalier (1961), Degenduell (1961), Die schwarze Tulpe (1963). Einer der bis heute beliebtesten Vertreter ist der 1952 entstandene Scaramouche, der galante Marquis (Alternativtitel: Scaramouche - Der Mann mit der Maske).

Zur Story:
Frankreich am Vorabend der Französischen Revolution. Der Lebemann und Abenteurer Andre´ Moreau (Stewart Granger) wird von seinem ihm unbekannten Vater finanziert. Als die Zahlungen versiegen, erfährt Moreau von seinem Ziehvater, dass er der Sohn des Grafen Gavrillac sei. Zusammen mit seinem Freund Philippe de Valmorin macht er sich auf die Reise, kommt aber lediglich noch zur Beisetzung seines soeben verstorbenen Vaters. Unterwegs verliebt er sich zu allem Überfluss auch noch in eine junge Adelige (Janet Leigh), die sich als seine Schwester entpuppt (Aline de Gavrillac). Um das über ihn hereinbrechende Unglück vollends perfekt zu machen, muss er hilflos mit ansehen, wie Philippe von dem Marquis de Maynes (Mel Ferrer) kaltblütig in einem Fechtduell getötet wird. Der königstreue de Mayne hat in Moreaus Freund den Revolutionär „Marcus Brutus“ erkannt - Philippe schrieb unter diesem Decknamen Schmähschriften gegen die Monarchie - und diesen bewusst in das ungleiche Degenduell getrieben (de Mayne ist der beste Fechter Frankreichs). Moreau schwört Rache und nimmt heimlich bei de Maynes Lehrmeister Fechtunterricht. Um de Maynes Häschern zu entgehen, versteckt er sich bei einer fahrenden Gauklertruppe hinter der Maske des „Scaramouche“ (einer Art stummer Clown).
Ein Aufeinandertreffen der beiden Kontrahenten kann von deren „aktuellen“ Partnerinnen - sowohl die Schauspielerin Leonore (Eleanor Parker), wie auch die inzwischen mit de Mayne verlobte Aline de Gavrillac sind in Moreau verliebt und versuchen, ihn vor dem vermeintlich sicheren Tod zu bewahren - mehrfach verhindert werden. In einem vollbesetzten Pariser Theater lässt Moreau schließlich die Maske des Scaramouche fallen und fordert den anwesenden de Mayne zum finalen Degenduell. Beide erwartet dabei noch eine handfeste Überraschung.

Trotz seines Rachethemas ist Scaramouche ein federleichtes Stück Unterhaltungskino. Anders als viele zeitgleich entstandene, eher schwermütige Ritterfilme (Ivanhoe, Die Ritter der Tafelrunde), lebt er von einer heiter-beschwingten Grundstimmung. Das ist in nicht unerheblichem Maß der vorherrschenden Waffengattung geschuldet. Im Unterschied zum schweren und unhandlichen Schwert, ist der Degen eine filigrane und elegante Waffe. Kann der Ritter durchaus auch mit roher Kraft punkten, ist ein ungeschickter, schwerfälliger Degenfechter auf verlorenem Posten. Hier entscheiden Geschwindigkeit und Technik über Leben oder Tod. Keine zentnerschwere Rüstung behindert den Kämpfer, kein klein- schlitziger Helm schränkt seine Sicht ein. Gleicht der Schwertkampf eher einem körperlichen Kräftemessen, so scheint das Fechtduell weit mehr dem Tanz und der Akrobatik verbunden. Dass der Tänzer Gene Kelly in der bis heute besten Adaption von Dumas´ Die drei Musketiere (1948) den D´Artagnan gibt, ist der schlagende Beweis für diese These.

Die Helden des Mantel-und-Degen-Kinos sind aber nicht nur Experten im Umgang mit der Klinge, sondern häufig auch Meister der spitzen Bemerkung, des treffenden Bonmots oder der charmant- blumigen Rede. Stets schwingt dabei ein schelmenhafter, bisweilen auch ironischer Unterton mit. Auch Andre´ Moreau ist ein solch scharfzüngiger „Wortakrobat“. So umgarnt der Frauenheld Leonore und zuvor auch Aline mit einem derartigem Redeschwall, dass den beiden Damen fast schwindlig wird. Auch hier könnte der Kontrast zum meist schweigsamen Ritter nicht deutlicher sein, versucht dieser doch die Damenwelt eher durch vornehme Zurückhaltung, ritterliches Benehmen sowie Edelmut und Tapferkeit zu beeindrucken.

Stewart Granger ist die Idealbesetzung für den charmant-witzigen Abenteurer, der mit dem Mundwerk ebenso flink ist wie mit der Klinge. Der gebürtige Engländer war der Abenteuerstar der 50er Jahre und galt als legitimer Nachfolger der Genreikonen Douglas Fairbanks und Errol Flynn. Seit seinem Durchbruch mit König Salomons Diamanten (eine für ihn ungewohnt ernste Abenteurerrolle), war er geradezu abboniert auf den lässig-charmanten „Swashbuckler“1, der sämtlichen Gefahren stets mit einem Augenzwinkern begegnet. Seine Darbietungen in Der Gefangene von Zenda (1952), Die Thronfolgerin (1953) oder Beau Brummel (1954), sind sämtlich dem oben erklärten Typus zuzurechnen. Sehr zum Leidwesen vieler engstirniger Karl-May-Fans spielte er auch seine Rolle als Old Surehand in den bundesdeutschen Winnetou-Filmen der 60er Jahre auf die bewährte, ironisch-flapsige Art. Als edler Ritter ist Granger undenkbar, zumal dieser Part dem immer etwas schwermütig erscheinenden Robert Taylor vorbehalten war- dem „ernsten“ Abenteuerstar der 50er Jahre (u.a. Quo Vadis 1951, Ivanhoe 1952).

Neben Grangers locker-flockiger Interpretation der Titelrolle prägen insbesondere die zahlreichen Fechtszenen den schwungvollen Ton des Films. Vor allem das finale Aufeinandertreffen zwischen Moreau und de Mayne gilt vielen Genrefans bis heute als eine der besten Fechtsequenzen der Filmgeschichte. Beinahe 10 Minuten liefern sich die beiden - dank Moreaus Training inzwischen ebenbürtigen - Kontrahenten einen schweißtreibenden und akrobatischen Kampf in einem vollbesetzten Theater. Der völlige Verzicht auf musikalische Untermalung unterstreicht nur noch die Rasanz und Dramatik der Auseinandersetzung. Beide Darsteller liefern sportliche Höchstleistungen und tragen wesentlich zur Authentizität des Degenduells bei. Auch nach über 50 Jahren besitzt diese Szene noch einen immensen Unterhaltungswert.

Der letztendlich komödiantische Charakter des Films wird durch die Figur des Scaramouche abgerundet. Scaramouche oder „Scaramuzzia“ ist eine komische Figur der „Commedia dell´Arte“ (altes italienisches Volkstheater aus dem 16. Jahrhundert). Diese Form der Stegreifkomödie verfügte über feste Typen und Masken, Scaramouche versinnbildlichte den Aufschneider und Abenteurer. Er ist damit das Vorbild des „Swashbucklers“. Der Prahlhans und Frauenheld Moreau verbirgt sich hinter der Maske des Aufschneiders Scaramouche. Damit schließt sich der Kreis. Die Ironie dieser Verwicklung springt einem förmlich ins Gesicht.
In diesem Zusammenhang ist dann auch eine der wenigen Schwächen des Films zu sehen. Das todernste Rachethema will nicht so recht in die Welt des Luftikus Moreau passen. Zumal die Freundschaft mit Philippe im Film sehr oberflächlich angelegt ist und Moreaus Motivation zum verbissenen Rachefeldzug wenig glaubwürdig erscheinen lässt.
Weitere vermeintliche Kritikpunkte sind der Entstehungszeit des Films geschuldet und sollten m.E nicht an modernen Maßstäben gemessen werden. Natürlich sind die Liebesszenen zwischen Granger und Leigh vor dem Hintergrund heutiger Sehgewohnheiten hölzern und kitschig. Auch ist es mehr als bezeichnend, dass der Held am Ende nicht die lebenslustigere, schlagfertigere und selbstbewusstere Frau bekommt. Moreau zieht die kulleräugige, püppchenhafte Aline der rassigeren Eleonora vor. Das wäre in einem zeitgenössischen Abenteuerfilm natürlich genau umgekehrt. Scaramouche ist aber ein Film aus den 1950er Jahren und steht klar für das in dieser Zeit vorherrschende Frauenbild.
Darüber hinaus sind im Film zahlreiche Rückprojektionen deutlich zu erkennen und einige Reiterverfolgungsjagden laufen mit erhöhter Geschwindigkeit ab. Beides ist der damaligen Technik zuzuschreiben und Bestandteil vieler zeitgleich entstandener Produktionen.

Fazit:
Trotz seines ernsten Rachethemas ist Scaramouche ein überaus vergnügliches Stück Unterhaltungskino, bei dem das komödiantische Element klar im Vordergrund steht. Wortwitz und akrobatische Fechteinlagen zeichnen diesen Klassiker des Abenteuerfilms aus. Stewart Granger spielt seine Paraderolle als wortgewandter Abenteurer und avancierte spätestens mit diesem Film zum Prototyp des filmischen „Swashbucklers“ und damit zum rechtmäßigen Erben von Douglas Fairbanks und Errol Flynn. Höhepunkt ist ein fast 10-minütiges Degenduell, das auch nach über 50 Jahren kaum etwas von seiner Rasanz und Dramatik eingebüsst hat. Trotz einiger, seiner Entstehungszeit geschuldeter Schwächen (Frauenbild, Rückprojektionen und Verfolgungsjagden), ist Scaramouche ein immer noch erfrischendes Produkt des klassischen Mantel-und-Degen-Films.

(8,5/ 10 Punkten)

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1 Swashbuckler: Dramaturgische Bezeichnung für Maulheld und Raufbold „(…) der zugleich Held in einer romantischen Liebesgeschichte ist. Ihn zeichnen besondere körperliche und sportliche Eigenschaften aus (…). Er ist risikofreudig und geistesgegenwärtig, handgreiflich und doch eigentlich ideell orientiert.“ (Wulff, Hans J., in: Filmgenres. Abenteuerfilm, Stuttgart 2004, S. 18)

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