Review

Manche Orte haben ihr düsteres Schicksal schon vor Jahrhunderten besiegelt, etwa im Mittelalter, als Seuchen herrschten und Hexen verb(r)annt wurden. Zuweilen befinden sich schwarzmagische Orte genau dort, wo heute beispielsweise Hochhäuser stehen und da wundert man sich noch, warum Leute ausgerechnet in diesen Ghettovierteln durchdrehen…

Der Läuferin Marie (Eline Kuppens) wurde Ruhe verordnet, nachdem der Arzt eine massive Schwächung ihres Immunsystems diagnostizierte. Seither kapselt sie sich von ihrer dominanten Mutter ab und ist bei ihrem neuen Freund Bobby (Matthias Schoenaerts) eingezogen, einem Autoverkäufer, der zugleich Vorsitzender eines traditionellen Vereins von Bogenschützen ist.
Marie hört von der verschwundenen Vormieterin Hella und recherchiert gemeinsam mit deren Freund Dirk, um etwas über die Geschichte des Ortes herauszufinden. Dabei wird Marie immer tiefer in einen Sog aus Selbstzweifel, Depression und körperlichen Elend gezogen.

Diese belgischen Vertreter weisen oftmals viel Frische und Eigensinn auf und auch Regisseur Pieter Van Hees stellt seine durchaus überzeugende Handschrift in Sachen Bild und Ton unter Beweis. Wer von der Prämisse ausgehend jedoch eine typische Spukhausgeschichte erwartet, wird im Verlauf eines Besseren belehrt und muss gleichermaßen eine Menge Geduld mitbringen.
Denn die Erzählung lässt sich viel Zeit für seine Figuren, was im Fall von Marie auch hervorragend gelingt. Allerdings wird da ein wenig zu häufig gebömbelt und einige Szenen, die weniger zur Handlung beitragen, ziehen die Sache ein wenig in die Länge.
Die Geschichte wirkt lange Zeit wie ein düsteres Drama mit nur wenigen Einschüben übersinnlicher Elemente, wobei selbst diese zunächst auf den Gemütszustand der Hauptfigur hindeuten.

Erst mit der Zeit mehren sich Hinweise, dass mit dem Standort des Wohnsilos etwas nicht stimmen könnte. Es ist die Rede von einem schwarzen Loch, von einem hohen Aufkommen negativer Energie, während als Leitmotiv immer wieder das Thema Wiedergeburt ins Spiel gebracht wird, wozu auch Andeutungen der Mutter, als auch alptraumhafte Einschübe hindeuten, wie der Fund eines Säuglings im Wald oder die Vermutung einer Schwangerschaft.

Düster und bedrohlich wirken einige Settings, wie die drei Hochhäuser am Rande von Antwerpen oder diverse Kellergewölbe, welche in ausgeblichenen, tristen Farbtönen zur Geltung kommen. Dieser Zustand spiegelt sich parallel in Marie wieder: Das verletzte Knie zieht einen immer deutlicheren Wundkreis, die Beziehung zu Bobby wird zunehmend von (nicht nur offensichtlichen) Zweifeln geplagt und bei Nachforschungen über Linkeroever stößt man auf Hexenkulte und eine alte Gilde mit düsterer Tradition.
Jedoch werden erst im letzten Drittel diese oftmals symbolträchtigen Hinweise zu einem Ganzen verschmolzen.

Trotz markanter Inszenierung und einer brillanten Hauptdarstellerin in Form von Eline Kuppens wird viel Geduld und noch mehr Interpretationsvermögen vorausgesetzt. Auch wenn die Auflösung glasklar ist und sogar ab Hälfte der Geschichte erahnbar erschien, so bleiben am Ende doch einige Fragen offen, die lediglich mit einer ordentlichen Portion Phantasie beantwortet werden können, was primär die alptraumhaften Einschübe von Marie betrifft.

So geht es mal wieder um Samhain am 1. November, um merkwürdige Nachbarn in einem durch und durch kühl erscheinenden Umfeld, einen Ausraster bei einer Beerdigung, esoterische Beschwörungen der Mutter und eine Art Säuberung, welche ein neues Leben einleitet. Dank einer halbwegs logisch anmutenden Hintergrundgeschichte erscheint die Chose final zumindest halbwegs nachvollziehbar.

„Nightmare on Left Bank“ ist nichts für reine Horrorfreaks, sondern eher wie ein Mystery-Drama konzipiert, wobei im Mittelteil einige deutliche Längen zu verzeichnen sind.
Atmosphärisch dicht inszeniert und ausgezeichnet performt, bietet man zwar recht ordentliche Figurenzeichnungen, doch aalt sich zuweilen zu sehr im Zusammenspiel zweier Personen im Intimbereich und einiger psychischer Grenzerfahrungen.
Phasenweise etwas nebulös aufgezogen, können am Ende nicht alle Details geklärt werden, - die markante Handschrift und das grundsolide Handwerk ist dem Streifen jedoch in jeder Hinsicht anzurechnen.
Insgesamt ein wenig speziell und von daher bestimmt nicht jedermanns Sache…
6 von 10

Details
Ähnliche Filme