Der unsinnigerweise in Deutschland „Nightmare on Left Bank“ betitelte belgische Horrorfilm „Linkeroever“ aus dem Jahre 2008 war das erste Werk in Spielfilmlänge, bei dem Pieter Van Hees allein Regie führte. Der Originaltitel bezeichnet einen Stadtteil Antwerpens.
Pech im Sport, Glück in der Liebe? So scheint es für die Läuferin Marie (Eline Kuppens), die nach einem Schwächeanfall Trainingsverbot auferlegt bekommt und die Teilnahme an einem wichtigen Turnier abschreiben muss. Jedoch hat sie mit Bob (Matthias Schoenaerts, „Loft - Tödliche Affären“) einen neuen Lebensgefährten kennengelernt, in dessen Wohnung in Linkeroever sie viel Zeit verbringt. Seltsam erscheint ihr jedoch, dass die Vormieterin seit längerer Zeit vermisst wird. Als beunruhigend erweist sich zudem die alte Legende vom tiefen schwarzen Loch im Fundament des Wohnblocks, das angeblich direkt in die Hölle führen soll. Dass sie sich mit dem Partner der vermissten Vormietern anfreundet, scheint Bob nicht zu gefallen – und wieso heilt ihre Verletzung nicht aus, sondern wird immer schlimmer?
Sich in aller Seelenruhe entfaltender, langsam in den Alltag schleichender, Außenstehenden zunächst in Paranoia begründet erscheinender Psycho-/Okkult-Horror à la „Rosemaries Baby“ stand unzweideutig Pate für Van Hees‘ „Linkeroever“. Marie wird Opfer eines mystischen Komplotts, ohne dies lange Zeit zu bemerken, obschon sich die merkwürdigen Ereignisse häufen. Auch hier wird die Liebe zu einem Mann ausgenutzt, auch hier treibt ein unheimlicher Kult sein Unwesen und zieht im Hintergrund die Fäden, überlässt nur wenig dem Zufall. Und auch hier wird das Opfer von surreal anmutenden Ereignissen in ihrer Traumwelt geplagt. Der in recht ruhigem Tempo erzählte Film bedient sich eines nüchternen, dafür umso natürlicheren Stils, der sich auch in der Freizügigkeit der beiden Hauptdarsteller niederschlägt. Beide zeigen sich auf ganz selbstverständliche Weise nackt und liefern sich eine recht offenherzige Sexszene, die jedoch nicht pornographisch ausgeschlachtet wird. Eline Kuppens ist in ihrem Spielfilmdebüt eine talentierte Schauspielerin, jedoch keine klassische Schönheit, was die Natürlichkeit dieser Szenen angenehm unterstreicht und ihrer Ausstrahlung Tür und Tor öffnet, die dazu beiträgt, dass es – Horrorfilm hin oder her – richtiggehend Spaß macht, den beiden Jungverliebten zuzusehen (nicht nur beim Sex).
Die Veränderungen des Beins Maries zu beobachten, ist hingegen eher unappetitlicher Natur. Was es damit auf sich hat, darauf bleibt der Film eine eindeutige Antwort schuldig. Das Ende biegt zwar reichlich abgefahren um die Antwerpener Ecke, habe ich jedoch zugegebenermaßen nicht ganz verstanden. Doch das Schöne an „Linkeroever“ ist: Das ist gar nicht so schlimm, denn mit seinem Einblick in belgische Wohn- und Familienverhältnisse, seinem choralen Soundtrack und seinen in ihrem Kontext unheimlichen wirkenden, alten Schwarzweiß-Aufnahmen, mit denen die Bilder gespickt wurden, weiß er trotzdem auf unspektakuläre, unprätentiöse Weise zu gefallen – sofern man Filme dieses Stils, angereichert mit zeitgenössischem europäischem Lokalkolorit zu schätzen weiß. Ich jedenfalls habe Lust bekommen, ihn beizeiten noch einmal zu anzusehen.