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„Liebe und andere Grausamkeiten“ ist wahrhaftig eine zu simple Übersetzung des Originaltitels, denn „...und menschliche Überreste“ trifft es besser. Diese kanadische Verfilmung eines modernen Theaterstücks bietet dann auch ein anderes Bild als jede inhaltliche Zusammenfassung vermuten läßt, denn die deutet auf ein WG-Drama mit Serienkillerbeteiligung hin.

Tatsächlich ist hier ein Mörder unterwegs, der Frauen ermordet, jedoch ist die Identifizierung des Täters allerhöchstens drittrangig und wird auch nie aus behördlicher Sicht verfolgt. Das Zentrum des Films liegt in einer zweigeschlechtlichen Wohngemeinschaft, David und Candy, die einmal beinahe zusammen waren und nun halbwegs entfremdet Welten voneinander entfernt sind.
Ihre wenigen Freunde und ihre Beziehungen, bzw. der Versuch, solche zu starten, nimmt den Hauptteil des Films ein, der in den Zeiten von AIDS postuliert, wie stark die sexuelle Freiheit und die damit verbundenen Ängste die Menschen schon voneinander entfremdet haben.

David verdrängt dabei seine Gefühle und saugt Bestätigung aus einem minderjährigen Kellnerkollegen, der ihn in sexueller Verwirrung anhimmelt, während er sich wahrer Nähe nicht stellen kann, seine Emotionslosigkeit und sein ständiger spöttischer Zynismus lassen ihn auch an anderen Aufgaben scheitern. Die darob frustrierte Candy geht deswegen aus Verzweiflung gleich zwei Beziehungen ein: zwar kann die lesbische Jerri ihr das Gefühl von Nähe und sexueller Wärme näher bringen, aber Konventionen und Angst lassen den Hoffnungsschimmer scheitern, so daß sich Candy verzweifelt bemüht, bei einem Barkeeper zu landen, der aber typisch männlich-virile Züge durchscheinen läßt und nicht ehrlich zu ihr ist.
Davids frustrierter Kumpel Bernie dagegen tritt als Schnittsumme auf: angeödet von einem einträglichen Job, den er auch anderen aufzwingen will, weil es „etwas aus deinem Leben macht“, reißt er Frauen auf und wirft sie hinterher weg, in doppelter Hinsicht.

Denys Arcands Film läßt Brad Frasers Stück wiederauferstehen, macht die Kälte und Einsamkeit seiner Figuren deutlich, transportiert seine Botschaften aber zusätzlich durch die pointierten, wenn auch manchmal rätselhaften Dialoge, die vor allem in der Kinderdomina Benita einen mysteriösen Kern finden. Als einzige hier scheint diese Frau mit sich im Reinen, strahlt stille Mütterlichkeit und Fürsorge aus, wenn sie im Lolitakostüm Kerle im Cowboy-Outfit auf deren Wunsch erniedrigt oder im Latexdress auspeitscht. Nur bei ihr sind die Figuren in diesem Film sie selbst oder lassen ihre Masken fallen, indem sie neue aufsetzen.

Obwohl der Nihilismus und das Scheitern Kernthemen sind, versucht sich der Film an einer Art Neuanfang, dem Schema des ersten Schritts und dem Einlassen auf Gefühlen. Bis es dazu kommt, muß sich der Zuschauer jedoch sehr in die Theorie vertiefen, wird der Film trotz Schauplatzwechseln zeitweise zu einem Kammerspiel, das manchmal einzufrieren droht, weil die Figuren schwer zu entschlüsseln sind.
Theater im Kino mag zwar nicht unbedingt nötig sein, aber wer Zustandsbeschreibungen und Gesellschaftskritik mit einer Spur bitterer Ironie schätzt, wird das hier mögen. Er muß sich nur Ruhe und Zeit nehmen. (7/10)

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