Ein großes Anwesen mit üppigem Garten, aus den Innenräumen dringt Klavierspiel.
Wir sehen eine blonde Frau spielen, die meiste Zeit hält sie ihre Augen verschlossen, ihre Finger bewegen sich schnell und gekonnt über der Tastatur, bis ein Telefon klingelt.
Sie bringt die letzten Takte zum Abschluss und steht auf.
Erst jetzt bemerkt der Zuschauer deutlich, dass die Frau blind ist, da sie sich bis zum Sofa vortastet und etwas unbeholfen zum Telefon greift.
Und wann immer eine Hauptfigur blind ist, ist ihr ein möglicher Bösewicht einen Schritt voraus, was insbesondere bei „Warte, bis es dunkel ist“ mit Audrey Hepburn als Prämisse wunderbar geklappt hat.
Leider wird das Spiel mit den Urängsten nicht konsequent ausgereizt, denn man ahnt bereits im Vorfeld, wie die Geschichte ausgehen wird.
Grace (Kelly Harrison) ist seit 18 Monaten blind, als Konsequenz eines schweren Autounfalls.
Sie wohnt allein auf dem Anwesen ihrer verstorbenen Eltern, finanziell wird es eng und nur das Mädchen Emily, zugleich ihre einzige Klavierschülerin, besucht sie ab und an und hilft ihr im Haus. Also muss ein Apartment untervermietet werden, - dumm nur, wenn sich dieser Untermieter, Ward Weaver (Luke Perry), als Psychopath entpuppt…
Ein Psychothriller, der sich hauptsächlich auf zwei Protagonisten beschränkt, sollte natürlich möglichst glaubwürdige Verhaltensweisen einbinden und da hinkt das Drehbuch bereits zu Beginn.
Eine junge blinde Frau allein in einem großen Haus, okay, kann passieren. Aber wenn diese ein Apartment vermietet und ein Anwalt ohnehin ab und an vorbeischaut, ist es völlig unrealistisch, dass dieser sich noch nicht einmal die potentiellen Mieter ansieht, geschweige denn, beim Mietvertrag anwesend ist, denn da könnte ja jeder kommen (was schließlich auch eintrifft…).
Was den weiteren Verlauf hingegen betrifft, so punktet der Stoff größtenteils im Zusammenspiel mit den Sinnen.
Da Blinde bekanntlich alle Wahrnehmungen auf die übrigen Sinne verlagern, hören sie vor allem konzentrierter, können sich im vertrauten Terrain sehr gut durch Tasten fortbewegen und stellen jede kleine Veränderung an Gegenständen fest.
Diese Eigenschaften macht sich der Streifen zunutze, indem Ward zunächst mit Grace spielt, ihren PC sabotiert, Geld klaut, aber eine latente Sanftheit in seine Stimme legt, was der Frau zunächst Sicherheit verleiht. Doch auch hier ist ihr der Zuschauer wie auch Ward immer einen Schritt voraus, denn als sie eines Abends bei ihm klingelt, weil sie meint, eine Frau schreien zu hören, kann er unvermittelt die Tür öffnen, obgleich sein Shirt blutverschmiert ist und das Tatwerkzeug noch in den Händen hält.
Auch die Cops fallen auf die perfiden Spielchen des Psychopathen herein und lassen Grace wie ein hysterisches Nervenbündel aussehen.
Natürlich kann man frühzeitig abschätzen, dass diese gespielte Freundlichkeit nicht lange anhalten wird und dass es spätestens zum Showdown ordentlich zur Sache gehen dürfte. Man ahnt sogar, welche speziellen Details ins Finale eingebunden werden dürften, denn diese werden im Vorlauf so auffällig breit getreten, dass sie zwangsläufig eine entscheidende Rolle spielen werden.
Entsprechend bietet das letzte Drittel zwar eine übliche Temposteigerung, doch die subtile Spannung, resultierend durch eher stille, aber gefühlte hauchdünne Momente, fällt der brachialen Brechstange zum Opfer, die zu keiner Zeit einen Hehl aus den satt gesehenen Konventionen macht und damit auch in keiner Weise bricht.
Punkte für ein originelles Skript fallen also definitiv weg, bleiben neben der grundsoliden handwerklichen Seite noch die darstellerischen Leistungen und da ist die Geschichte gut besetzt. Luke Perry gibt den dubiosen Charmeur mit Dreitagebart und hält sich auch in den emotional heftigeren Momenten angenehm zurück, was besonders zum Showdown positiv auffällt.
Kelly Harrison spielt die blinde Grace hingegen mit viel Hingabe und feinen Nuancen, da sie ihre Mimik zwangsläufig auf die untere Gesichtshälfte verlagern muss, was ihr besonders in den Momenten hervorragend gelingt, als die Vertrauensbasis zum neuen Untermieter zu bröckeln beginnt.
Im Gesamtbild wirkt der Streifen klar wie TV-Dutzendware. Das Skript ist nicht sonderlich originell und man ist als Vielseher vor jeder erdenklichen Überraschung gefeit, einschließlich des Finales.
Die Vorstellung, als blinder Mensch im eigenen Haus nicht mehr sicher zu sein, schürt natürlich Suspense, doch auch hier wäre deutlich mehr drin gewesen, indem man die Versteckspielchen des Bösewichts noch etwas stärker auf die Spitze hätte treiben können, um die Sympathieträgerin länger in Sicherheit zu wiegen und damit das Mitfiebern des Zuschauers stärker einzuheizen.
Somit bleibt ein brauchbarer Thriller mit ordentlichen Darstellern und kleinen Spannungsmomenten, aber eben auch nichts, was man nicht von Beginn an erwarten könnte.
Knapp
6 von 10