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Wir verstehen heute intuitiv, was die Hammer-Produzenten damals an einem Dracula gereizt haben muss, oder auch an Frankenstein, der Mumie oder dem Werwolf, ja selbst an Zombies, Hexen und Reptilienmenschen. Sie prägen schließlich das Siegel des altehrwürdigen Studios, das mit gotischer Horror-Fiktion seine größten Erfolge feierte. Doch was mag es bloß an der Figur Rasputin gefunden haben, einem pilgernden Mann Gottes, der zur Zeit des ausklingenden russischen Kaiserreichs lebte? Auf den ersten Blick möchte er nicht in eine Reihe passen mit all den stöhnenden Monstern aus der Schattenwelt. Als jemand, dem man Heilkräfte nachsagte, der angeblich Frauen, Alkohol und ähnliche Laster selten ausschlug und in einem Raum voller Menschen stets der Mittelpunkt war, bildet er gewissermaßen seine eigene Kategorie und scheint völlig unvereinbar mit dem Club der Ungeheuer, die sich mit diversen Fortsetzungen eine gewisse Reputation aufgebaut haben, allen voran der Fürst der Vampire, den es von 1958 bis 1974 neunmal auf die Leinwand verschlug. Rasputin dagegen verglüht in einem flotten Solo-Auftritt gefüllt mit Tanz und Teufelswerk wie eine Sternschnuppe.

Mag er auch nicht in die Schublade der klassischen Gothic-Kreaturen passen, eingekauft wurde mit ihm jedenfalls eine wahre Charaktervisage. Heute sind T-Shirts und CD-Cover mit seinem Gesicht verziert und er leiht den unterschiedlichsten Etablissements seinen Namen. Man wittert einen Personenkult, der sich fast schon mit jenen um Che Guevara oder Bob Marley vergleichen ließe. Gerade auf der Leinwand ist der Mann mit dem Zottelbart schon damals kein fremder Anblick gewesen. Diverse Filme, in denen er zumindest eine der Nebenrollen bedient, entstanden schon vor der hier besprochenen Produktion von 1966, angefangen mit „The Fall Of The Romanoffs“ aus dem Februar 1917, erst zwei Monate nach Rasputins gewaltsamem Tod. Noch im gleichen Jahr erschien mit „Rasputin, The Black Monk“ sogar ein eigener Film um seine Person. Viele weitere folgten bis zum heutigen Tag. Die Bereitschaft des Studios, sich in eine dermaßen heißblütig verhandelte Biografie einzumischen, wird so vielleicht ein wenig verständlicher. Einen weiteren Erklärungsansatz liefert Filmhistoriker Jonathan Rigby, indem er den „Würger von Bombay“ (1959) und „Terror der Tongs“ (1960) als Beispiel dafür anführt, dass Historisches zur Entstehungszeit Konjunktur hatte, man also schlicht und ergreifend auf den Zug der florierenden Zeitgeschichte aufspringen wollte.

Doch selbst ein so unangepasster Titelheld soll das hauseigene Hammer-Feeling nicht dabei aufhalten, sich ungehindert zu entfalten. Nicht nur wurden Kulissen und Cast brüderlich mit dem back-to-back abgedrehten „Blut für Dracula“ geteilt, nein, sogar Dracula persönlich fährt dem lebhaften Wunderheiler in die Glieder. Dass Christopher Lee die Hauptrolle übernimmt, jener Mime, der für das Tragen von Eckzähnen und blutunterlaufenen Augen zur Legende wurde, ist gewissermaßen ein Statement für sich, das der Verfilmung schon der Konstellation wegen zugute kommt. Schließlich kokettiert das Drehbuch mit dem Gedanken, seine Hauptfigur könne vom Teufel besessen sein; und wenn jemand die Augen hatte, um damit Löcher selbst in den Höllenthron zu bohren, dann war es wohl gerade dieser Lee.

So ist der hochgewachsene Brite nicht nur das unbestrittene Highlight von „Rasputin“, sondern sogar innerhalb seiner weit über 200 Filme umfassenden Filmografie eine Glanzleistung, die ganz weit oben anzusiedeln ist – insbesondere, wenn man berücksichtigt, dass sein Gesicht fast komplett mit Haarwuchs bedeckt ist und ihm die Maske somit einen Großteil seiner Ausdrucksmöglichkeiten nimmt. Gespielt wird dann eben über Körpersprache und über Augen. Ist dieser Schauspieler erst einmal mit einem fertig, wird man seine Darbietung wohl kaum mehr vergessen können. In vereinzelten Point-Of-View-Shots, wenn Lee direkt in die Kamera starrt und sein Publikum über Zeit und Raum hinweg in Hypnose versetzt, wird Dracula natürlich mit Eifer zitiert; ansonsten jedoch erschafft sich der Hauptdarsteller eine ganz eigene Vision seiner Figur.

Rasputin, das ist hier ein Mann, der Wasser predigt und Wein trinkt, ohne dass man ihm deswegen Unehrlichkeit unterstellen könnte, weil er es eben nach den ihm eigenen Gesetzen tut. Die Attraktion des Films ist ganz und gar dieser undurchschaubare Hüne, der tanzt und lacht, trinkt und mit Frauen schläft, einigen Menschen hilft und andere ausnutzt. Diese sorglose Art lässt seine Feinde brüskiert zurück, vielleicht sogar ein wenig neidisch, wenn sie sehen, wie mühelos er sich in den unterschiedlichsten Milieus bewegt, so wie sie es selbst nicht können. In Teilen Anarchist, in Teilen liberal entzieht er sich den Dogmen seines eigenen Standes ebenso wie jenen, denen er sich zeitweise anschließt. Er tanzt sozusagen auf allen Hochzeiten, um jeweils den Rahm abzuschöpfen. Die schwierig zu beantwortende Frage, ob es sich bei Rasputin um einen im Herzen guten Menschen handelt, wird zusätzlich verschleiert durch die klassischen Hammer-Mechanismen – stimmungsvoll aufbereitete Grusel-Höhepunkte, in denen sich der „wahnsinnige Mönch“ seinen Beinamen erarbeitet, verhindern einen ungetrübten Blick auf seine wahre Natur. Lee hatte offenbar noch während des Drehs von „Blut für Dracula“ einen hohen Recherche-Aufwand betrieben, um den Ausdruck im Charakter Rasputins angemessen wiederzugeben. Mit Erfolg, wenn man dem Urteil von Rasputins Tochter Glauben schenken möchte; wobei anzumerken ist, dass ihm schon das Drehbuch nur die Darstellung eines Teilbereichs der schillernden Persönlichkeit erlaubt, ist der Film doch vor allem an der Exzentrik seiner Titelfigur interessiert, weniger an seiner Religiosität, seiner politischen Einstellung oder seiner Eignung als Familienmensch.

So setzt sich das Bild eines Wandlers zwischen den Welten zusammen, der keine Probleme damit hat, gesellschaftliche Barrieren zu durchschreiten. Man könnte hier sogar Parallelen zum hauseigenen Urvater der Daywalker, „Captain Kronos“ (1974), erkennen. Dem Szenenbild verhilft diese Eigenschaft zu einer hohen Wandlungsfähigkeit; mit Washout- bzw. Blur-Effekten werden die unterschiedlichsten Handlungsorte miteinander verknüpft. Auf Zarenbällen ist Rasputin ebenso zugegen wie in ordinären Kneipen, in Labors oder im Schoße von Hofdamen, die er in seinem spärlich, aber gemütlich eingerichteten Apartment beglückt, wenn er sich nicht gerade im Heu mit ihnen wälzt. Hinterlistig wird dabei der Umstand verschleiert, dass die Sets, die in einem Moment noch Draculas Heimat abbilden sollten, sich nicht urplötzlich in eine russische Metropole verwandeln konnten. An authentischer Weltatmosphäre mangelt es demzufolge. Vielmehr herrscht der Eindruck vor, man habe die Kamerastative verstohlen von einer Hinterstube in die nächste transportiert.

Die trotz allem reizvolle Montage der sehr unterschiedlichen Schauplätze bleibt seitens Regie und Schnitt allerdings die einzige Raffinesse innerhalb der Produktion. Im Mittelteil verkommt das Schaulaufen zwischen Adel, Kirche und Proletariat zum müden Selbstzweck, die Spannungskurve flacht merklich ab, bevor das packend aufbereitete, im Abgang dann aber wieder unsauber ausgearbeitete Finale noch einmal die Aufmerksamkeit erregt. Das mag auch daran liegen, dass es sich nicht um einen Film über das tatsächliche Leben Rasputins handelt, der allzu sehr an der wahren Geschichte hinter der Person interessiert wäre. Zwar erkennt man gewisse biografische Schnittpunkte wieder, diese werden aber meist stark uminterpretiert und umständlich montiert mit dem Ziel, aus dem Rohmaterial einen typischen Hammer-Streifen zu formen. Für einen herausragenden Vertreter aus dem Hause der Produktionsfirma fehlt allerdings das Phantastische, oder auch ein anderes Element, das dazu in der Lage ist, noch mehr straffe Akzente zu setzen, wegen derer man handwerkliche Versäumnisse eher zu akzeptieren bereit wäre.

Wäre nur Christopher Lee nicht so verdammt gut! Eigentlich ist „Rasputin – The Mad Monk“ eine flache Verfilmung, die zwischen den Stühlen sitzt: Weder befriedigt sie Ansprüche an eine adäquate Biografie, noch bedient sie die Horror- und Abenteuerlustigen in dem Ausmaß, wie diese es verlangen. Wenn man es recht bedenkt, besteht der gesamte Film bloß aus unzusammenhängend verketteten Einzelsequenzen, die sich mit den einfachsten Dingen begnügen und dadurch arm sind an inszenatorischen Besonderheiten. Weil aber Lee immer ihr Zentrum bildet, ist jede von ihnen auf ihre Art hypnotisierend – und das, obwohl sein Wirkungsbereich vom Skript maßgeblich eingeschränkt wird, so dass er nie die Gelegenheit bekommt, sein Portrait bis auf den letzten Strich zu finalisieren. Es bleibt bei der expressionistischen Strichführung der wilden Jahre, die aber ihre ganz eigene Qualität bildet. Eigentlich sollte man der Gerechtigkeit halber auch noch Richard Pasco erwähnen, der den mutmaßlich fiktionalen Dr. Zargo mit einem Hauch von Peter Lorre ausdrucksstark zum Leben erweckt, aber hinter diesen Augen des Hauptdarstellers, die aus dem Gestrüpp heraus alles in ihren Bann ziehen, was ihre Blicke kreuzt, verblasst alles drumherum zur Bedeutungslosigkeit.
(5.5/10)

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