Review

Beim Portrait über einen Serienkiller ist immer etwas Vorsicht geboten, denn schnell gerät ein Film zur Glorifizierung einer solchen Persönlichkeit, womit der reißerische Titel dieses Streifens bereits seinen ersten kleinen Fehler begeht.
Ansonsten ist Regisseur Michael Feifer, der sich schon mehrfach mit dem Thema der multiplen Mörder auseinandergesetzt hat, ein phasenweise eindringlicher Film über Henry Lee Lucas gelungen.

„Henry: Portrait of a Serial Killer“ hat diesen Mann bereits thematisiert, ich persönlich kann ihn aber nicht für Vergleiche heranziehen.
Die Handlung setzt mit der Befragung durch den zuständigen Staatsanwalt Farino ein: Henry (Antonio Sabato Jr.) gibt den Mord an Becky zu, weil er es mit der Wahrheit zwar manchmal nicht so genau nehme, diese Frau allerdings geliebt habe.
Im Folgenden versuchen diverse Rückblenden ein Täterprofil zu erstellen, welches glücklicherweise einen stärkeren Fokus auf die Kindheit der Hauptfigur legt.

Denn in diesen Phasen kristallisiert sich der soziale Aspekt glasklar heraus, - sein Vater verlor beide Beine, als er im Suff vom Zug überrollt wurde und Henrys Mutter ist das beste Beispiel dafür, dass ein Teufel erst von einem noch fieseren Teufel zu einem solchen geformt wird.
Mom Viola hurt sich durch die Nachbarschaft, schlägt Henry bereits als Sechsjährigen krankenhausreif und ist auch nicht bereit, etwaige Arztkosten zu tragen, als der Junge während des Spielens sein linkes Auge verliert. Henry ist quasi von Beginn seines Lebens an auf sich allein gestellt und erfährt zu keiner Zeit auch nur ansatzweise so etwas wie Zuneigung.
Da diese Erzählelemente zu den wahren Fakten über Henry Lee Lucas zählen, kann man sich nicht über das Klischee eines schlechten Elternhauses beklagen, - in diesem Fall ist es schlichtweg so.

Dazu passt auch das Profil des „chaotischen“ Serienkillers, denn Henry, der später den Kumpel und Mittäter Ottis Toole trifft, geht nie geplant an einen Mord heran, sondern er spielt schlichtweg Gott, mit der spontanen Lust am Töten und ohne Rücksicht auf Verluste.
Dabei ist bis heute nicht eindeutig geklärt, wie viele Morde tatsächlich auf das Konto von Lucas und Ottis gehen, denn Henry Lee hat die Behörden vieler US-Bundesstaaten über Jahre an der Nase herumgeführt und sich mit bis zu 3000 Morden gebrüstet, wobei letztlich nur zwei eindeutig nachgewiesen werden konnten.
Bei dem auch hier eingebundenen Kompetenzgerangel über Ansehen und Medienpräsenz bekommen insbesondere die Texas Rangers einige Zacken aus der Krone gebrochen und auch das Vorgehen von Psychologen in den 70ern wird völlig zu Recht arg in Frage gestellt.

Was dem Streifen anzukreiden ist, sind einerseits limitierte Charakterentwicklungen der Nebenfiguren und andererseits die später etwas willkürlich wirkenden Sequenzen aus dem Leben nach der Haftentlassung.
Hier mal ein Kehlenschnitt im Kino, dort mal ein Messerstich im Rücken einer arglosen Hausfrau, - das unterstreicht zwar das Profil des Täters, wirkt aber wie ein Zugeständnis an die eher jüngere Zielgruppe, um wenigstens noch etwas an Schauwerten für Splatterfreunde zu bieten (obgleich man da nie explizit zu Werke geht).

Als zwischenzeitlich eine fast verkitscht wirkende Sequenz eingebunden wird, welche „Bonnie & Clyde“ huldigt, steht man, nicht zuletzt aufgrund der coolen Musik und einigen Zeitlupenaufnahmen, fast an der Schwelle zur Gewaltverherrlichung, doch ansonsten kann man Regisseur Feifer keinen reinen Voyeurismus mit erzwungenen Schauwerten vorhalten.
„Bloody Serial Killer“ bleibt fast latent sachlich, zwar manchmal etwas holprig erzählt, doch er kümmert sich um seine Hauptfigur mit dem notwendigen Feingefühl, ohne dabei sentimental zu werden oder gar zuviel Mitgefühl für dessen Taten zu erhaschen.

Demzufolge wird man wohl nie in die Seele eines Serienkillers vordringen können und das ist auch eher Aufgabe der Kriminalpsychologen. Doch dieser Film vermittelt ein Gefühl zwischen Faszination und tiefer Verachtung und das ist es letztlich ja auch, was diese pathologischen Mörder und ihre Taten ausmacht.
Hätte insgesamt etwas mehr Drive vertragen können, geht als Portrait aber völlig in Ordnung.
6,5 von 10

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