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Ein Bio-Pic über Albert Schweitzer (Jeroen Krabbé), der den Friedensnobelpreis erhielt, in drei Fächern promovierte, ein hervorragender Organist und Bach-Kenner war und bis ins hohe Alter als Arzt im afrikanischen Dschungel arbeitete, provoziert unmittelbar die Frage nach der Intention ?

Schweitzer gehört zu den bekanntesten Persönlichkeiten des 20.Jahrhunderts, dessen Leistung sicherlich nicht Jedem im Detail bekannt ist, aber allgemein anerkannt wird. Nochmals sein Leben von Kindheit an aufzurollen, lag deshalb nicht im Sinn der Macher um Regisseur Gavin Millar, der auch am Drehbuch mitwirkte. Stattdessen konzentrieren sie sich auf einen kurzen Zeitraum von 1949 bis zur Verleihung des Friedensnobelpreises in Oslo 1954, als Schweitzer schon fast 80 Jahre alt war. Nur wenige, meist von den Protagonisten erzählte Rückblicke lassen Eckpunkte erahnen, wie die erste Gründung des Hospitals 1913, gemeinsam mit seiner Frau Helene (Barbara Hershey), im heutigen Gabun, die Geburt der Tochter Rhena (Jeanette Hain) 1919 in Straßburg, und der Wiederaufbau des Urwaldhospitals Lambarène 1924.

Diese Beschränkung auf fünf Jahre sagt noch wenig über die Intention des Films aus, nutzt aber dank des schon fortgeschrittenen Alters des Protagonisten dessen Abgeklärtheit. So werden sein latenter Rassismus, der darin verankert ist, dass Schweitzer die Verantwortung an die Einheimischen nicht abgeben will und sie zumindest in medizinischer Hinsicht nicht ernst nimmt, sein Hang zum diktatorischen Verhalten, sein Festhalten an scheinbar veralteten Heilungsmethoden und die lange Vernachlässigung seiner Familie (seine Frau hielt das Klima in Afrika nur kurzzeitig aus) jeweils angesprochen, bleiben aber dank Schweitzers ironisch, selbstkritischer Art ohne wirkliche Tiefe.

Das ist insofern korrekt, da Schweitzers Verhaltensmuster noch der Erziehung des 19. Jahrhunderts entsprang, und sein Wunsch, den Afrikanern zu helfen, auf die reale Situation reagierte, unter der die Menschen im Dschungel lebten. Eine zu kritische Betrachtungsweise, quasi aus einem heutigen Standpunkt heraus, würde ihm tatsächlich nicht gerecht, aber das Bemühen, keinerlei unausgewogene Kritik an dem verdienten Mann zu üben, ist dem Film jederzeit anzumerken. So werden Schweitzer einmal auch Sätze in den Mund gelegt, in dem er die Verantwortung der übrigen Welt für Afrika auf Grund jahrelanger Ausbeutung und Sklaverei betont. Das klingt sehr nach modernen Thesen, aber heute ist es eben schwer zu vermitteln, dass ein Mann schlicht helfen wollte, ohne deshalb sein Ego über Bord zu werfen.

Vielleicht liegt es an dieser Betrachtung Schweitzers, dass der Film auf einer anderen Ebene versucht, Konflikte herauf zu beschwören, die zumindest ein wenig Dramatik in das konventionell gefilmte und gespielte Geschehen bringt. Schweitzer wird damit konfrontiert, dass er durch seine Freundschaft zu Albert Einstein (Armin Rohde) und seine in Briefen geäußerte Ächtung der Atombombe als Kommunist in der McCarthy verseuchten USA verdächtigt wird und deshalb die Spenden nachlassen. Er willigt ein, als ihm der Geschäftsmann Phil Figgis (Samuel West) anbietet, mit einer kostenlosen PR sein Image aufzubessern, und sich deshalb an seine Fersen bis in den Dschungel heftet. Leider wirkt Phil Figgis von Beginn an so unsympathisch und schleimig, dass man ihm nur schwer hehre Absichten unterstellen mag.

Infolgedessen gerät Schweitzer immer mehr zwischen die Mühlen der CIA und der provisorischen Regierung in Gabun, vertreten durch den Oxford-Absolventen Louis Ngouta (Patrice Naiambana), der im Auftreten leider auch jedes Vorurteil an afrikanische Führungspersönlichkeiten erfüllt, die ohne Rücksicht nur an den eigenen Vorteil denken. Wahrscheinlich entsprach das der damaligen Realität, aber im Gegensatz zu der gemässigten Betrachtung der Hauptperson, wirken diese negativen Darstellungen überzeichnet, auch wenn versucht wird durch die Gegenüberstellung USA - Gabun ein moralisches Patt herzustellen, aus dem Schweitzer spätestens bei der Nobelpreisverleihung als strahlender Sieger hervorbricht.

"Albert Schweitzer - Ein Leben für Afrika" ist eine deutsch/südafrikanische Gemeinschaftsproduktion mit internationalen Darstellern, die wie schon "John Rabe" 2008 daran krankt, dass sie sich für keine Intention entscheiden kann. Vieles wird angerissen, aber nicht weiter verfolgt, auch als Plädoyer für Zivilcourage werden die Konflikte zu schwach ausgearbeitet, ganz abgesehen davon, dass Schweitzers Haltung als Weltbürger zu wenig betont wird. Übrig bleibt ein angenehmer Film über einen nicht unsympathischen Zeitgenossen, der viele Fähigkeiten hatte und an dessen prinzipieller Lebensleistung kein Zweifel besteht. Nur wusste man das schon vorher (5/10).

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