Review

Vorbei die unbeschwerten Zeiten, als man sich im Augenblick des Moments um nichts weiter als die eigene Libido kümmern musste. Das galt 1970 für die ausklingende Ära der Swinging Sixties ebenso wie für Pete Walker persönlich, der just zu dieser Zeit Ansprüche zu entwickeln begann, sich mit düsteren Stoffen von seiner beruflichen Frühphase als Stand-Up-Comedian und Erotik-Kurzfilm-Regisseur abzunabeln. Nicht länger sollte die Gegenwart mit ihren Clubs, ihrer Fotografie und ihrem Lebensgefühl federführend sein, nicht länger der Puls des Zeitgeschehens betont werden. Vielmehr ging es ab sofort darum, Unsicherheit zu stiften und düstere Vorahnungen zu erzeugen, um auf eine unbekannte Zukunft zu verweisen.

Das erklärt auf jeden Fall Walkers spätere Orientierung hin zum gesellschaftskritischen Terror- und Thriller-Kino, dient aber auch bereits als Schlüssel zum Verständnis für seinen frühen Gangster-Krimi „Männer der Gewalt“, der vielleicht ersten Arbeit Walkers, die gewisse Ambitionen eines Autoren andeutet, der nicht unterhalten, sondern erzählen will.

Der englische Originaltitel „Man of Violence“ spricht vom „Mann“ in Singularform, und es ist tatsächlich eine einzelne Hauptfigur, die durch den Film leitet. Gefühlt trägt sie aber tausend Gesichter, was dem Plural aus dem deutschen Titel letztlich fast noch mehr Legitimität verschafft; denn das Netz der Kriminalität mit all seinen Mitspielern, die darüber hinaus auch noch unterschiedliche oder zumindest zwielichtige Identitäten annehmen, ist praktisch unüberschaubar. Wir haben es gewissermaßen mit einer konfusen Variante von Kurosawas „Yojimbo – Der Leibwächter“ zu tun, der es in Sachen Aufbau und Inszenierung völlig an strategischem Denkvermögen, ergo an Übersicht mangelt. Die von Michael Latimer intransparent gespielte Hauptfigur ist offensichtlich ein Produkt ihrer Umwelt, die nicht etwa wie in einem Michael-Caine-Thriller nach einem klar definierten Regelwerk aufgebaut ist, das mit ein wenig Einarbeitung von Außenstehenden erschlossen werden kann, sondern höchstens mit verschachtelten Schlüsselszenen aus solchen Filmen angereichert ist, die sich halb im Ernst, halb als Karikatur zu einem neuen Gebilde zusammenschließen.

Alleine Kenneth Hendel, der mit irrem Blick und zwei Tuben Haargel zwecks Verhinderung der Verselbstständigung seines Schummelscheitels so manchem Übeltäter aus alten Kung-Fu-Streifen Konkurrenz macht, oder Derek Francis, der in einer Sitcom-esken Szene auf vortreffliche Weise zum Pantoffelhelden erklärt wird, lassen das Ensemble stellenweise in eine Guy-Ritchie-Farce abdriften, fast so, als würden die Gauner an der komplizierten Praxis der eigentlich doch so einfachen Gaunereien rund um Gold und Gier verzweifeln.

Inmitten all der Verwirrung platziert Walker dann ganz nonchalant auch noch gewagte Tabubrüche, indem etwa eine Kirche zum Schauplatz von Geldübergabe und Attentat auserkoren wird, oder indem Homosexualität mehr als nur in Andeutungen vorkommt und ganz direkt mit der viril auftretenden Hauptfigur verknüpft werden – in einer Zeit wohlgemerkt, da ihre Illegalität in England gerade erst aufgehoben war und europaweit in vielen Ländern immer noch Bestand hatte. „Männer der Gewalt“ verweist durch solche Einschübe mit dem vordergründigen Ziel, zu schocken, ebenso auf Walkers wichtigste Werke seiner kommenden Hochphase, so wie „The Big Switch“ mit dem Einbau neuer Genre-Elemente vorher auf „Männer der Gewalt“ verwies: Als dezent unbeholfene, dabei keineswegs uninteressante Stilübung für die größeren Taten der Zukunft.

Je weiter die Handlung voranschreitet, desto mehr sollten sich eigentlich die Zusammenhänge erschließen, doch das Gegenteil ist der Fall. Ein Fass nach dem anderen wird aufgemacht und nicht alle davon werden auch wirklich geleert, stattdessen bricht man lieber gleich noch ein neues an. Man würde gerne behaupten, dass der smart auftretende Protagonist alles im Griff hat, man sehnt sich regelrecht nach der Sicherheit zu wissen, dass er mehr weiß als man selbst, allzu sicher kann man sich da aber nie sein. Walkers Fokus pendelt viel zu sehr zwischen den Parteien, er versäumt es, Latimer die Zügel in die Hand zu legen.

Dafür kommt das Gangster-Kino Einstellung für Einstellung zu Ehren, imitiert zu werden; mit schmutzigen Geschäften in schummrigen Restaurants, Schießereien auf dem Friedhof und mörderischen Besuchen in der Werkstatt. Luan Peters tappst bei alldem auch noch im rosa Minikleid als zusätzliche Irritation durch die Prärie, oder liegt auch mal im Handtuch auf dem Bett, wenn es das Skript erfordert. Die wechselnden Schauplätze und Blickfänge sollen Masse schaffen und eine Anmutung von Epik geben, vermitteln letztlich aber das Gefühl, man blättere unkonzentriert durch einen Almanach der letzten 50 Jahre Gangsterfilm, in dem immerhin ein paar gelungene Illustrationen abgebildet sind.

Für den Schlussakt gönnte sich das Filmteam sogar noch eine Reise nach Tunesien, um vor afrikanischer Originalkulisse auf das Ende hinzuarbeiten und zu den Dimensionen der ganz großen Agententhriller aufzuschließen, indem der lokale Mief der Londoner Peripherie mit der Kerosinspur des abhebenden Fliegers zurückgelassen wird. Eine satte halbe Stunde vor dem Ende wandert Latimer bereits mit hochgekrempeltem Hemd und in khakifarbenen Hosen durch die Gassen von Tunis und klopft an Türen. Das ist symptomatisch für den mit 108 Minuten deutlich zu langen Film, bei dem man aber auch gar nicht so recht wüsste, wo man überhaupt die Schere ansetzen sollte; denn ein Skelett, auf das man zuschneiden könnte, ist unter dem Berg an Verschwörungen und Doppelspielen ja gar nicht vorhanden.

Die stilistischen Mittel, dem Film eine Form zu verpassen, können ebenfalls wenig ausrichten. Der kunstvoll geschnittene Vorspann mit bunten Credit-Boxen über der Nahaufnahme eines sich hebenden und senkenden weiblichen Bauchnabels weiß den Betrachter noch an den Bildschirm zu fesseln, er ist aber nach den ersten Verstrickungen und Verwirrungen auch wieder schnell vergessen. Eine Konstante ist allenfalls noch der Soundtrack, der sich aber wiederum viel zu repetitiv verhält und nicht als spezielles Thema in Erscheinung tritt, sondern als Lückenfüller, wann immer die Stille verdrängt werden soll.

Im Grunde fängt sich „Männer der Gewalt“ erst wieder in den letzten Minuten, als er ein bemerkenswertes Bewusstsein für sich selbst entwickelt. Das ist zweifellos eine der großen Stärken des Regisseurs, der auch in Interviews stets dazu in der Lage ist, sein eigenes Handwerk aus dem Stegreif besser zu beschreiben als so mancher Kritiker. Gewissermaßen taugt der ambivalente Ausgang der Geschichte auch als Eintrittspforte in die rauen 70er, die sich schnell von jedweder Art von Schwarzweißmalerei lossagten und zeigten, dass Filme alles zeigen können, was die Realität hergibt.

Details
Ähnliche Filme