Nach einer wahren Begebenheit: Aufgrund technischen und menschlichen Versagens prallen im Luftraum Überlingen zwei Flugzeuge aufeinander, wobei die Insassen eines russischen Flugzeugs, in dem sich größtenteils Kinder befinden, und die einer deutschen Maschine getötet werden. Es sterben 71 Menschen, darunter 49 Kinder. Während der zuständige Fluglotse unter seiner Schuld zu leiden hat, warten die Hinterbliebenen vergebens auf eine Entschuldigung der Verantwortlichen.
Da die Flugkatastrophe von Überlingen gerade einmal sieben Jahre zurückliegt, war dies von Anfang an ein mitunter recht umstrittenes Projekt, weshalb sich Regisseur Till Endemann, der bisher unter Anderem mit dem Drama "Das Lächeln der Tiefseefische" in Erscheinung getreten war, gleich in mehreren Interviews rechtfertigen musste, in denen er immer wieder beteuerte, dass dies hier keine Effekthascherei sei, sondern eine Art Appell zur Anteilnahme für die Beteiligten. Und der ist ihm auch gelungen.
Die Kollision an sich wird nicht gezeigt und auch die Vorgänge, die zu dieser geführte haben, werden verhältnismäßig schnell abgehandelt, wobei der Film dabei informativ genug ist, dass noch einmal ein gelungener Überblick zu den Ereignissen gegeben wird. Was dann folgt, sind die Bilder trauernder Angehöriger und die der Beteiligten der Flugsicherheitsgesellschaft Skyguide, die entweder auf Schadensbegrenzung aus sind, oder, wie der diensthabende Fluglotse, in Schuldgefühlen versinken. Überdramatisierungen oder überdosierte Emotionen kommen dabei kaum auf, viel mehr wirkt das Gezeigte erschütternd und ernüchternd, zumal die Katastrophe vor nicht allzu langer Zeit stattfand.
Was Endemann dann aufzieht, ist ein überaus starkes Drama über Schuld und Vergebung, das jedoch ebenfalls nicht durch übertriebene Sentimentalitäten, wie man sie von einer ARD-Produktion im Vorfeld erwartet hätte, sondern viel mehr durch glaubhafte Charaktere, die jederzeit nachvollziehbar agieren, getragen wird, wobei Endemann, der keinen Alleinschuldigen für die Katastrophe verurteilt, jederzeit konsequent bei seinem langsamen, getragenen, aber umso fesselnderen Erzählstil bleibt. Kritik an den Paragraphenreitern, die die Hinterbliebenen überreden, gegen Skyguide vor Gericht zu ziehen, während die Juristen auf der anderen Seite den Verantwortlichen empfehlen, sich nicht für die Tat zu entschuldigen, weil dies als Schuldeingeständnis gewertet werden könnte, wird dabei durchaus geübt, wobei auch hier sämtliche Aktionen und Reaktionen realistisch und nachvollziehbar bleiben, was das Geschehen nur noch erschütternder gestaltet. Da braucht es auch keine weiteren inszenatorischen Innovationen, bis auf eine paar leise, einfühlsame Klänge im Hintergrund und auch, wenn dies hier sicherlich kein Meisterwerk ist, ist es doch ein überaus gelungenes und mitreißendes Drama.
Dabei rückt zunehmend der, vom tatsächlichen Hinterbliebenen Witali Kalojew, der seine Frau und zwei Kinder verlor, inspirierte Charakter in den Vordergrund, der es Leid ist, dass nur von finanziellen Abfindungen die Rede ist und er keine Entschuldigung von niemandem hört und daran nach und nach zu zerbrechen droht, bis seine Trauer in Wut und den Gedanken an Rache umschlägt. Ebenfalls ausführlicher konstruiert wird der schuldige Fluglotse, bei dem es sich beim realen Unglück um Peter Nielsen handelte, der es direkt von seinen Vorgesetzten verboten bekommt, sich bei den Hinterbliebenen der Opfer zu entschuldigen, weshalb ihn seine Schuld schließlich erdrückt, was ihn wiederum zur Kündigung bewegt. Was nun folgt, ist aus den Medien bekannt: Kalojew tötet Nielsen, den Ehemann und Vater, aus Rache. Grausam, nachvollziehbar, ernüchternd. Die Tat bleibt im Raum stehen, der Film endet.
Darstellerisch gibt es dabei zwar keine Meisterleistungen zu sehen, aber auch keinen Grund zur Beschwerde, so meistert Ken Duken, der demnächst in Tarantinos "Inglourious Basterds" zu sehen sein wird, die Rolle des Fluglotsen souverän und liefert eine überaus authentische Darstellung ab, während auch sein Gegenüber Yevgeni Sitokhin eine ordentliche Leistung abliefert, genauso, wie die soliden Nebendarsteller.
Fazit:
"Flug in die Nacht" ist definitiv weder ein halbherziger Katastrophenfilm, noch kommerzielle Effekthascherei. Vielmehr ist das Drama von Till Endemann ein ernüchterndes, erschütterndes Appell für Anteilnahme, das auch auf andere Katastrophen dieser Art übertragen werden kann. Die Geschichte um Schuld, Sühne, Vergebung und Rache, weiß zu fesseln und zu schockieren, auch wenn Endemann freilich kein Meisterwerk gelungen ist.
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