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Es ist eigentlich die reine Unvernunft, mit deren Bestrafung das Slasher-Genre im Laufe der Jahrzehnte zu seiner Formel gefunden hat. Wenn Jugendliche oder junge Erwachsene an einem isolierten Ort von einem Psychopathen gejagt und dezimiert werden, dann haben sie das in der Regel damit verdient, dass sie keine anderen Bedürfnisse in ihren kleinen Spatzenhirnen mit sich tragen als Drogen, Sex und Besinnungslosigkeit.

Nun wäre Pete Walker nicht Pete Walker, wenn er sich einfach mit den gemeinen Slasher-Konventionen begnügen würde. Natürlich hatten die sich zur Entstehungszeit von „The Flesh & Blood Show“ auch noch gar nicht vollständig gebildet. Zwar sind auch die jungen Briten im vorliegenden Proto-Slasher ständig nackt, laut und ordinär, allerdings repräsentieren sie nicht etwa den Selbstzweck der momentbezogenen Party-Kultur, die dann von „Freitag der 13.“ bis „Scream“ im Visier des Killers liegen würde. Vielmehr stehen sie für einen progressiven Zeitgeist der darstellenden Künste, des Aufbruchs und der Veränderung.

Gleich in der Eröffnungsszene liegen zwei Frauen miteinander im Bett, die eine nackt, die andere zumindest halb. Als es an der Tür klingelt, hüpft die Nackte zur Tür und öffnet zögerlich, alles in allem aber doch recht unbefangen die Tür. Innerhalb von nur einer Minute liegt das konservative Weltbild in Bezug auf gleichgeschlechtliche Beziehung und Schamgefühl gleich doppelt in Scherben. Und dann steht da auch noch ein blutender Kerl mit Messer im Bauch vor der Tür; wie sich herausstellt ein alberner Schauspieler, der bloß so tut, als sei er schwer verletzt. Ist den jungen Leuten denn gar nichts mehr heilig?

So verzichtet Walker zwar nicht darauf, seine arglosen Schlachtlämmer am Vorabend der Schlachtung mit Egozentrismus vom Feinsten auszustatten, doch er macht es eine Spur perfider als die meisten seiner Kollegen: Er behauptet nämlich, dass sie bei all dem Nonsens, den sie verzapfen, dennoch ihre Fußstapfen hinterlassen, und wenn es auch nur die Schauspielkultur ist, auf die sie Einfluss nehmen.

Das passt natürlich zur realitätsnahen, groben Inszenierung des Regisseurs und der kontemporär geprägten Auswahl seiner Stoffe, befasst er sich doch stets gerne mit dem England der Gegenwart und zeigt auf, wie Relikte einer altmodischen Vergangenheit verzweifelt versuchen, ihren Einfluss auf die Moderne zu bewahren, der ihnen langsam zu entgleiten droht. Hier ist es nun ein verfallener Theatersaal, errichtet auf einem Pier, der das alte Gebäude symbolisch passend vom Festland und somit von der Zivilisation trennt. Barocke Kulissen und Kostüme modern darin offenbar seit Jahrzehnten vor sich hin. Als die Theaterdarsteller die Kulisse betreten, weht ihnen die Nostalgie verflossener Jahrzehnte entgegen – eine Aura, die den gerümpften Nasen nach zu urteilen nichts Schmeichelhaftes verströmt. Kaum sind sie jedoch eingetroffen, bemächtigen sie sich auch schon des Ortes und erfüllen die Luft mit Jugend. Selbst wenn das bedeutet, dass sich die ein oder andere Statistin auch mal oben ohne quer über die Stühle legt und ein Nickerchen macht.

Fleisch wird in der „Flesh & Blood Show“ demnach reichlich geboten – zu viel womöglich, im Übrigen auch nach Einschätzung des Regisseurs selbst. Zwar stammt er ursprünglich aus dem Erotik-Bereich, doch wo Übergänge ins Horror- Thriller- und Krimi-Fach geschaffen werden wollen, sollten Altlasten natürlich irgendwann abgestreift werden – was durchaus in Walkers Interesse gewesen wäre, gäbe es da eben nicht die ewigen Vorgaben einer mit Geldern finanzierten Filmproduktion. Einen solchen Übergang hätte eine Kelle blutiger Soße schaffen können, die zu Filmbeginn nach einem Schrei der Marke „Scream Queen“ in die Nordsee vor Cromer suppt, doch mit jedem nachfolgend abgestreiften BH und Höschen sieht Walker seine künstlerische Integrität im Anschluss zu Recht bedroht. Das Resultat: Er inszeniert in diesen Momenten in einem spürbaren Zwiespalt und kurbelt widerwillig ab, was nun mal abgekurbelt werden muss. Praktisch jede Nebendarstellerin darf sich zumindest zu einer Gelegenheit entkleiden; ein Prozess, der nur in wenigen Ausnahmen mit gialloesker Ästhetik entschuldigt werden kann, sondern zumeist durchschaubares Ergebnis einer unentschlossenen Hybridisierung zwischen kommerziellem Schmuddelfilm und halbwegs ambitioniertem Horror-Thriller ist.

Zu den Altlasten ist auch eine etwa zehnminütige 3D-Sequenz gegen Ende zu zählen. Hier wird ein vermeintlicher Höhepunkt per Anaglyph-Brille in die dritte Dimension versetzt. Es handelt sich dabei um einen Zaubertrick, der an längst vergangenes Sensationskino erinnert, mit denen die Filme des Briten eigentlich nichts zu tun haben sollten – und doch ist es auch ein Rückbezug auf die frivole Komödie „Four Dimensions of Greta“ aus der eigenen Filmografie.

Umgekehrt werden sich Gorehounds über mickrige Portionen beschweren. Es gibt den ein oder anderen morbide hergerichteten Leichenfund und auch mal eine Vermummten-Attacke im Stil italienischer Genrefilme (stöhnende Gestalten, die schwer aus einer Maske atmen), doch ansonsten bevorzugt Walker es, den Zuschauer auf dem gleichen Informationslevel zu halten wie die bis dahin Überlebenden. Wenn überhaupt, wird ihnen nur ein Blick auf das Resultat gewährt, nicht auf das crimen flagrans. Dazu passt auch die sehr dunkle Ausleuchtung, in denen die fahlblassen Körper der Akteure gleich doppelt ins Auge springen, sind sie doch praktisch der einzige Blickfang in einem konturlosen Durcheinander aus Gerümpel. Oft wird tief in den Raum gefilmt, ohne dass der Bildkader sich die Tiefe zu nutzen machen könnte. Gestalten, die im Dunkeln lauern, bleiben auch im Dunkeln; man könnte ebenso gut selbst im Theater festsitzen, denn vor dem Fernseher hat man kaum einen besseren Überblick.

Walker ist eben eher einer, der über inhaltliche Kontexte und Dialoge Geschichten erzählt, weniger über visuelle Stimulation. Zu den besten Momenten des Films gehört sicherlich eine Szene in einem Café, als die Theaterbande an ihrer Tischgruppe mächtig Radau macht und plötzlich auf einen alten Mann aufmerksam wird, der mit seinem Hund in einer Ecke sitzt. Der zeigt sich wider Erwarten nicht etwa reserviert, sondern überaus angetan von dem frischen Wind, den die jungen Menschen in seinen Ort bringen. Das Gespräch nimmt dann einen bisweilen unerwarteten Verlauf, mit dem im Grunde der gesamte Subtext des Films exakt auf den Punkt gebracht wird. Hier lässt Walker dann auch die Qualitäten aufblitzen, die er in seinem Spätwerk zu äußerst soliden Themenfilmen mit gesellschaftskritischen Untertönen verarbeitet hat.

Ansonsten erreicht er mit „The Flesh & Blood Show“ allerdings noch nicht den hohen Nährgehalt von „Haus der Peitschen“ oder „Haus der Todsünden“. Es ist ein Übergangsfilm auf dem Weg zu höheren Weihen, der noch damit hadert, die Seile vollständig zu kappen. Besonders spannend, blutig oder schön gefilmt ist er auch nicht. Aber es ist vom grauen Schnodder-Look bis zum Kampf der Generationen ein waschechter Pete Walker, keine Frage.

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