"Nur in Hongkong" pflegte man gewöhnlich früher zu Filmen zu sagen, die sich entweder durch eine horrende An- und Vielzahl ebenso ruppiger Stunts und/oder Geschichten gänzlich sonstiger, meist gegenüber westlichen Konkurrenten im Vergleich absolut abstrus erscheinender Unlogik auszuzeichnen wussten. Diese Zeiten sind längst vorbei und kommen auch nicht mehr wieder, tut man sich heutzutage sowieso nur selten durch Ausnahmeerscheinungen hervor und beherrscht man eher das geübte Spiel des Mainstreams einhergehend mit dem ungesunden Mittelmaß.
Murderer ist ein Rückgriff auf die Tugenden der Grenzüberschreitung, ein Durchstreichen der ungeschriebenen, aber in Gewohnheitsrecht übergegangenen Regeln narrativen Auf- und Unterbaus, ein Entgrenzen nachvollziehbarer Motive und Irrealisieren der Begebenheiten in ein freies Spiel von Gut gegen Böse. Was den Film so göttlich und köstlich zugleich macht, ist, dass dieses Ziel sogar mit scheinbar leeren Händen, d.h. aus sichtlich unfreiwilliger Natur heraus anvisiert, nichts fingiert, sondern das Ganze aus der bloßen Unschuld und wider besseren Wissens hinaus in das Anders sein hinein gestoßen und dort ausgesetzt wird.
Noch besser: Die gesamte Produktion ist anfänglich eindeutig auf das Hervorkehren gegenläufiger Motivationen angelegt, in seiner waltenden Intentionalität gerade bei den sekundären Dingen wie den Fragen des inszenatorischen Stils und die Technik des einzelnen Ausdrucks auf eine Wirkung angesetzt, die mächtig Eindruck beim zahlenden Publikum und das Eingeschworensein auf einen Blockbuster schüren sollen. Sichtlich Geld steckt dahinter, der produzierende Zusammenschluss von Sil-Metropole Organisation Ltd., Edko Films Ltd. und Focus Features, wichtige Elemente des Lust, Caution Drehteams, ein Handvoll vielleicht nicht gleich renommierter, aber doch bekannter Darsteller, die beste Sendezeit für Unterhaltungszwecke. Und zwei harsche graphische Schockaffekte, die den schnellen Ekel gebietet, die Aasvögel am Himmel ihre Runden drehen lassen und von Beginn weg an ruckartiges Tempo und leidenschaftliche Persönlichkeit entfalten sollen.
Als die Serious Crime Unit unter Führung von "Ghost" [ Eddie Cheung ] zum Tatort in den Peninsula Apartments im Eastern District gerufen werden, bietet sich ihnen ein Bild des Grauens. Officer Tai [ Chen Kuan-tai ] liegt blutüberströmt auf dem Boden des Innenhofes, mit mehreren Bohrlöchern im verkrüppelten Leib und den Nachfolgen des knochenbrechenden Sturzes über die Balustrade hinab auf den Asphalt. "Ghosts" Freund und Partner Chief Inspector Ling Guang [ Aaron Kwok ] wird am Kopf verletzt im 7ten Stockwerk des Hochhauses gefunden, kann sich aber weder in der Befragung durch den misstrauischen Polizisten Andy Chan [ Chin Kar-lok ] noch später nach der Entlassung aus dem Krankenhaus an die Einzelheiten erinnern. Zurück im Dienst steht er unter ständiger Beobachtung der extra dafür hinzugezogenen Ermittlungseinheit um George [ Yu Ga-lun ], die zwar eigentlich einen brutal zuschlagenden Serienmörder ergreifen sollen, aber den immer noch verwirrt erscheinenden Ling Guang mehr und mehr als Verdächtigen Nummer Eins einkreisen müssen. Dieser zweifelt zunehmend an sich selbst und findet zu allem Überdruss auch im eigenen Haus immer neue Spuren, die tatsächlich auf ihn als Täter hindeuten. Selbst seine Frau Hazel [ Janine Chang ], der Adoptivsohn Sonny [ Tam Jan-yut ] und seine aus den USA zu Besuch anwesende Schwester Minnie [ Josie Ho ] können ihm nicht aus der Misere helfen, und werden angesichts des bald das Haus verschließenden und in der Wohnung mit dem Messer herumlaufenden Ling nervös. Dann geschieht ein schrecklicher Unfall...
Ein freies Spiel mit Hitchcock-Motiven vom Kampf des zu Unrecht Verdächtigen gegen all die Anschuldigungen über den gleichfalls erbitterten Streit mit furchtbarer Paranoia bis hin zum Spannungs- und Kraftgefälle der Identitätssuche wird als marketingtechnischer Aufhänger des Werkes und Anheizer der ersten Filmhälfte verwendet. Dabei ist das Agieren mit bestimmten Genresituationen und Konstellationen aus Krimi, Thriller und manchen Horrorbildern in serieller Variabilität durchaus den Plot und seine eigene Dynamik in diesen Referenzwelten voran schiebend, macht man sich mit diesen Reizen wichtig, hier ein Hinweis, dort die ersten Andeutungen auf Mysteriöses und Mehr, da die unwiderstehliche Gewalt des Zugzwangs der Identifikation mit der von allen Seiten umher gestoßenen Hauptfigur. Die Geschichte auch als Eitelkeitsfrage, als Antriebsenergie und gleichzeitig leeres Dazwischen, als psychopathische One-Man-Show von Aaron Kwok, der sich die letzten Jahre vor allem durch ein geschicktes Rar-Machen und dem aufsehenerregenden Auftritt in Patrick Tams viel gepriesenen After This Our Exile eine eigene Spezialität und somit öffentliche Sicherheit, noch verstärkt durch die auch positiv aufgenommenen The Detective und Empire of Silver erarbeitet, hier aber als Prophet im eigenen Land recht im Overachting zu brillieren hat.
Doch dann wird die Begebenheit erst in Dissonanzen aus Bild und Ton verschachtelt, dann in unerwartete Unstimmigkeiten geschichtet, schließlich ganz in ein dunkles Triebwerk aus kindlichen Anmerkungen, Hochglanzphotographien im Grünstich und der Kraft des Bevorstehens einer Offenbarung verschoben. In mehrfacher Hinsicht ein strenger Kontrapunkt zu dem vorherigen Größenwahnsinn, der sich zudem eigentlich gar nicht mehr nach Marktbedürfnissen richtet. Hinterlassene Spuren und gegenwärtige Handlungen verstricken sich in ein zunehmend abstruses Ereignis von Belang, dass dem bis dahin sicherlich auch funktionierenden, aber in seiner ästhetischen Betrachtung entspannender Spannung doch eher mild interessanten Rätselraterei erst seine eigene Persönlichkeit beigibt: Die einer angenehm trivialen, im Nachhinein lange Zeit überraschend emotional betonten, in ruhigen Bildern und Stimmungen eingefangenen Phantasie voll umdüsterter Vitalität.
Asphaltpublizistik, mit fast zwei Stunden Lauflänge ungewöhnlich ausdauernd, und in seiner Mischung aus Farce, der es so überhaupt nicht an Ernsthaftigkeit mangelt auch verwirrend kompromisslos. Krisen und Triumphe, Autonomie und Autorität.