Die „X-Men“ bildeten 2000 den Auftakt zu einer ganzen Reihe von Comic-Verfilmungen, die mal abgesehen vom Nachfolger und der Boxoffice-Granate „Spiderman“, meistens recht dürftig ausfielen. Der Erfolg, wohlgemerkt auch bei den Kritikern, gibt Brian Singers Mutanten mit Sicherheit Recht, der zweite Teil konnte da aber mehr Potenzial ausschöpfen.
Der springende Punkt ist nämlich der, dass dieser erste Teil die ganzen Charaktere mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten erst einführen muss, was zwar gut gelang, aber in Verbindung mit zahlreichen politischen Bezügen, einem Weltuntergangsszenario und der Charakterisierung der Schurken manchmal einfach zu viel des Guten ist. „X-Men“ ist auf jeden Fall außergewöhnlich, weil weltaktuelle Themen wie Rassenhass mitbehandelt werden, wirkt aber wie eine einzige lange Einführung in die Mutantenwelt und ist nicht einmal da immer einsichtig. Für Leute wie mich, denen die Marvel-Comics soviel bedeuten wie einem Atheisten die Bibel, stiften die zahlreichen Ortswechsel mehr Verwirrung als Klarheit.
Wer sowohl auf inhaltlich intelligente Comicumsetzungen, als auch auf Spezialeffekte steht, dürfte dagegen restlos bedient werden, denn „X-Men“ zeigt eindrucksvoll, welches Maximum aus dem Computer zu dieser Zeit herauszuholen war und präsentiert so einige Sehenswürdigkeiten, was zum Glück nicht in einem Overkill endet. Auch für den Look muss man dankbar sein, denn anstatt knackebunte Setbauten setzt Singer eher die Burton-Tradition fort und entwirft eine äußerst düstere Fantasiewelt.
Von den Darstellern dürfte man noch einiges hören, denn die Jungs und Mädels wirken völlig unverbraucht, sehen gut aus und spielen ihre Rollen überzeugend. Wolverine ist mit Sicherheit der interessante, seine anklingende Liebe zu Rogue ist die tragischste Komponente des Films, da diese aufgrund ihrer Mutationen keinen anderen berühren kann, ohne ihn zu verletzen. Für Storm alias Halle Berry und Cyclops bleibt aufgrund der eh schon vorhandenen inhaltlichen Überladenheit leider kaum mehr Platz.
Als echter Eyecatcher entpuppt sich Rebecca Romijn als „Mystical“, eine chamäleonartige Gestalt, die mit ihrer Präsenz sofort alle in den Schatten stellt, sobald sie auftritt, aber leider nicht genug Spielraum hat.
Als Ersatzväter auf beiden Seiten agieren Ian McKellen bzw. Patrick Stewart, die schon fast Selbstläufer sind und die gewisse Aura mitbringen, die man für diese Rollen braucht. Interessant dabei, dass beide keineswegs bloße Verachtung füreinander übrig haben, sondern sich lediglich die Denkweisen, was das Zusammenleben von Menschen und Mutanten angeht, unterscheiden. Toll auch die ambivalente Gestalt McKellens, dessen Hass aus frühester Vergangenheit herrührt, als seine Eltern in ein KZ verschleppt wurden.
Das recht offene Ende macht schließlich Lust auf mehr, wer sich deshalb gleich danach die Fortsetzung reinzieht, wird schwer wieder vom Bildschirm wegkommen.
„X-Men“ ist eine intelligente Comicverfilmung mit politischen Bezügen und vielschichtigen Charakteren, und kann trotz mancher Länge überzeugen. Positive Ansätze an allen Ecken und Enden, die im zweiten Teil aber noch besser umgesetzt wurden.