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Mit einem für heutige Verhältnisse fast schon läppischen Budget von 75 Millionen leitete Bryan Singer im Jahr 2000 den gewaltigen Siegeszug der Superhelden-Comicverfilmungen aus dem Hause Marvel ein. Nachdem sich die Franchises des Konkurrenten DC, Superman und Batman, filmisch ins Abseits manövriert hatten und besonders der unsägliche Batman & Robin dem ganzen Genre einen schweren Rückschlag zugefügt hatte, setzte der comic- und actionunerfahrene Singer mit seiner realitätsbezogenen Inszenierung auf ein erfolgsentscheidenes Element.
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Bereits mit der Eröffnungssequenz, in der nicht etwa knallbunt kostümierte Recken durch abgefahrene Kulissen hampeln, etabliert der Regisseur eine Verwurzelung des eigentlich Phantastischen in der wirklichen Welt, was sich zur prägenden Eigenschaft beinahe sämtlicher folgender Comicverfilmungen entwickeln sollte. Singer zeigt im Polen des Jahres 1944 einen Jungen, dessen Eltern in ein Konzentrationslager überführt werden. Dieser Junge, der beim Versuch, zu seinen Eltern zu gelangen, beängstigende Kräfte offenbart, ist der spätere Widersacher der X-Men, Magneto. Diese kurze Szene liefert dem Bösen in der Geschichte eine Menge an tiefer als üblich reichendem Hintergrund, zudem wird das nachfolgend gezeigte politische Geschehen, das sich um die Offenbarung und Registrierung der Mutanten dreht, mit dem dunkelsten Ereignis menschlicher Zeitgeschichte verkoppelt und eine Parallele dazu hergestellt, die Magnetos Vorhaben nachvollziehbar machen. Die schon in den Comics immer wieder aufgegriffenen Motive von Rassenhass, Selektion und Genozid werden von Singer nicht etwa zum Dienste eines blumigen Popcorn-Spektakels geopfert, sondern finden ihren Platz in seiner Story.
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Diese dreht sich später vor allem um den von Hugh Jackman gespielten Wolverine, an dem Magneto ein gewisses Interesse zu hegen scheint, und die junge Rouge, gespielt von Anna Paquin. Die beiden dienen dem (unkundigen) Publikum zur Einführung in die Welt der X-Men, in der sie ebenso neu sind. Nach einem Angriff von Magnetos Schergen landen Wolverine und Rouge in Charles Xaviers Schule für Hoochbegabte, hinter der sich ein Zufluchtsort für Mutanten verbirgt, die im Umgang mit ihren Kräften geschult werden. Bryan Singer nimmt sich dabei viel Zeit, um die Charaktere vorzustellen und versucht jedem mit seinen individuellen Fähigkeiten gerecht zu werden. Da es sich bei den X-Men aber um eine ganze Gruppe von Helden und nicht bloß um einen einzigen handelt, gelingt dies Singer nicht unbedingt vollkommen. Bei manchem wird so wohl nicht mehr hängen bleiben, als: „ah, das ist der, der Strahlen aus den Augen schießt" und „jo, die kann das Wetter manipulieren". Dennoch erschafft Singer eine ausreichende Homoginität im Zusammenspiel der Gruppe, um die weniger ausgeleuchteten Charaktere nicht zu bloßen Effektauslösern zu degradieren.
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Das große Effektkino ist X-Men ohnehin nicht. Zwar gibt es einige CGI- und allgemein Actioneinlagen, diese sind jedoch fast auf ein Mindestmaß gezügelt und leisten ihren Dienst überwiegend im Sinne der Story, statt sich in Selbstzweckhaftigkeit zu verlieren. Bis auf einige kleinere Scharmützel verzichtet die erste Hälfte des Films komplett auf größeres Spektakel, die wenigen Effektshots werden jedoch gut inszeniert und zeigen die einzelnen Mutantenkräfte. Dem Showdown entgegen wird die Story actionreicher, doch auch hier verliert Singer die Zwischentöne und ‚Menschlichkeiten‘ seiner Helden nicht aus dem Augen. Im Zusammenspiel mit gelegentlichen verunglückten Dialogzeilen (etwa, wenn Wolverine die Ortsangabe „einige Meilen westlich von hier" genügt, um zielstrebig einen ihm völlig unbekannten Ort zu finden), senkt die Actionreduktion jedoch auch das Niveau des Films als eine Kinoproduktion an sich. In Sachen Schauwerten und mancher dramaturgischer Schlichtheit macht ‚X-Men‘ oftmals eher den Eindruck eines mit sehr hohem Aufwand inszenierten TV-Pilotfilmes. So kommt die Story zwar zu einem episodischen Abschluss, die Charaktere, besonders Wolverine, bleiben jedoch offen. Dies weckt einen kleinen, fiesen Hintergedanken, dass auf den knapp 100minütigem Film jeweils auch 45minütige Serieneposiden hätten folgen können.
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Auf Seiten der Darsteller fährt Singer mit Bruce Davison, Patrick Stewart und Ian McKellen einiges an renomiertem Personal auf, das man in einer Comicverfilmung nicht unbedingt erwartet. Alle drei passen perfekt in ihre Rollen, Stewart und McKellen vermitteln viel Unterschwelligkeit in der Beziehung von Xavier und seinem alten Freund und Gegner Magneto, Davison überzeugt als Senator Kelly, der in seinem Vorhaben, die Mutanten anzuprangern, zwischen die beiden gerät. Der Star des Films ist jedoch eindeutig ein anderer, der nur einsprang, weil sich bei Mission: Impossible 2 die Dreharbeiten verzögerten: der australische Theater- und Musicalmime Hugh Jackman ersetzte Dougray Scott und wurde zu DER prägenden Figur des Filmes und der gesamten Trilogie, zu der X-Men mit den Fortsetzungen wurde. Der grimmige Wolverine wird von Jackman so perfekt verkörpert, dass man sich beim besten Willen niemand anderes in der Rolle vorstellen könnte.
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Der Auftakt der X-Men-Reihe ist werkgetreues, im Zuge dessen aber auch etwas unspektakuläres Superheldenkino, das auf seine Weise einige Standarts des Genres setzte und nach wie vor, vor allem dank seines prägnanten Hauptdarstellers, gut unterhält.
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