„Also bist du nur eine Hure!“ – „Das stimmt – aber sind wir das nicht alle?“
Der italienische Regisseur Corrado Farina brachte es anscheinend auf lediglich zwei abendfüllende Spielfilme, nach „Wettlauf gegen den Tod“ war „Baba Yaga“ aus dem Jahre 1973 bereits sein filmischer Schwanengesang. Mit diesem versuchte er sich an der Realverfilmung der Erotikcomicreihe „Valentina“ aus der Feder des Zeichners Guido Crepax. Für den Filmtitel jedoch bediente man sich bei russischer Mythologie, wo „Baya Yaga“ so etwas wie eine Hexe bezeichnet. Als Farina seinen Film fertiggestellt hatte, intervenierten Überlieferungen zufolge die Produzenten, die den Film kräftig strafften. Das Ergebnis ist ein bunter, pulpiger Mystery-Erotik-Streifen, der mehr verspricht, als er hält.
„Sex und Bürgerrechte, Süße!“
Die Mailänder Fotografin Valentina (Isabelle De Funès, „Raphael, der Wüstling“) lernt eines Abends die geheimnisvolle Baba Yaga (Carroll Baker, „Der schöne Körper der Deborah“) kennen und wird seitdem von seltsamen Träumen geplagt. Als sie Baba ein paar Tage später für ein Fotoshooting besucht und sich kurz auf dem Bett entspannen möchte, ereilen sie erneut mysteriöse Visionen. Baba schenkt Valentina eine in S/M-Kleidung gehüllte Puppe als Talisman, sie solle ihn stets bei sich tragen. Valentinas Träume werden unterdessen immer wilder und die Puppe scheint in ihnen lebendig zu werden (Ely Galleani, „Blutrausch“). Als eine Freundin Valentinas getötet wird, wird die Angelegenheit immer unheimlicher. Haben Baba Yaga oder die Puppe damit zu tun? Gemeinsam mit ihrem Freund Arno (George Eastman, „Man-Eater“) versucht sie, das Geheimnis Baba Yagas zu ergründen…
Ich stehe Comic-Verfilmungen ja gemeinhin eher skeptisch gegenüber und auch ohne mit den Vorlagen vertraut zu sein, kann ich mir nur schwer vorstellen, dass diese Verfilmung den Geist der Originale trifft. Nun will ich aber auch gar nicht vergleichen; in Farinas Film taucht man ein in die Welt attraktiver junger Mittelklassemenschen, die gerade die sexuelle Revolution miterlebt und -gemacht haben, gern über Comics, Fotografie und Godard sinnieren, sich expressionistische Filme im Kino ansehen – und vermutlich freizügiger geben, als sie sind. Die Begegnung mit Baba Yaga scheint tabuisierte sexuelle Sehnsüchte in Valentina heraufzubeschwören, die in ihren Träumen Ausdruck finden: So träumt sie beispielsweise von Nazi-Schergen, die sie abfüllen. Abgefahrene Versinnbildlichungen, z.B. im Boxring, ziehen sich durch den Film, Valentinas Visionen werden auch schon mal direkt als Comic-Strip dargestellt. Baba Yaga versucht also mittels ihres übernatürlichen Einflusses, Valentina zu bisexuellen Sado-Maso-Akten zu verführen.
Deshalb auch der ausgefuchste Plan mit der S/M-Puppe und, nun ja, mal ehrlich: Die Story dieses um einen extrem rassistisch überzeichneten Dreh eines bizarren Waschmittel-Werbespots angereicherten Filmchens taugt nichts, schon gar nicht als Realfilm. Sie steuert gewissermaßen auf eine Sado-Maso-Lesbenszene hin, von der einmal abgesehen „Baba Yaga“ züchtiger bleibt als erwartet. Das Klischee-Unwetter im Finale darf natürlich nicht fehlen, wenngleich sich der Film künstlerischer und psychedelischer zu geben versucht, als er letztlich ist. Der abwechslungsreiche Soundtrack mit seinen Funkrhythmen und Klavierstücken verliert sich gern einmal in nervigem Freejazz; nichtsdestotrotz funktioniert der von Baker, De Funès und Eastman passabel geschauspielerte „Baba Yaga“ ein Stück weit als Allegorie auf verborgene, unterdrückte sexuelle Gelüste. Am meisten Tiefgang hat jedoch das Loch im Fußboden der Sexhexe...