Review

Staffel 1 + Staffel 2

Eine bittersüsse Explosion der guten Laune

(Die folgende Rezension enthält Spoiler.)

Die japanische Schülerin Yui Hirasawa ist ein ungeschicktes Energiebündel, die nichts mit sich anzufangen weiss. In der Highschool tritt sie kurzerhand dem „Light Music Club“ bei, obwohl sie überhaupt kein Instrument spielt. Sie kauft sich eine Gitarre, übt fleissig und befreundet sich mit den exzentrischen Mitgliedern der Band. Die vorlaute Schlagzeugerin Ritsu, die schreckhafte Bassistin Mio und die sanftmütige Pianistin Tsumugi sind bald nicht mehr aus Yuis Leben wegzudenken. Auch die neue Gitarristin Azusa wird herzlich aufgenommen. Allerdings wünscht sich Azusa, die Band würde weniger Tee trinken und mehr üben …

Die Zeichentrickserie Keion! gehört zu den erfolgreichsten Anime der letzten Jahre, was distanzierte Beobachter verwundern wird. Die Serie ist ein unaufgeregtes Portrait der fünfköpfigen Schülerband „Ho-kago Tea Time“. Sie setzt auf die Darstellung von Alltäglichem, ohne sich von dramatischen Geschehnissen und komplexen Spannungsbögen abhängig zu machen. Auf dem Papier klingt die Geschichte langweilig und bedeutungslos. Die fünf Teenager haben keine Ambitionen, sich als erfolgreiche Pop-Band zu etablieren und hart dafür zu arbeiten; diese Idee wird schon in der ersten Episode ironisch beiseite gewischt. Sie machen Musik, um miteinander abzuhängen und rumzualbern. Der Spass der Mädchen überträgt sich schnell aufs Publikum – sofern es sich auf den zuckersüssen Fluff und die gemächliche Gangart einlassen kann. Keion! ist eine ideale Serie, um nach einem anstrengenden Arbeitstag abzuschalten. Sie scheint nicht viel mehr als harmlose Unterhaltung zu bieten. Dabei helfen auch die eingängigen J-Pop-Songs, von denen besonders Rice is a Side Dish, U&I und Tenshi ni Fureta zum Mitwippen einladen.

Allerdings steckt ein bisschen mehr hinter Keion!. Mit Naoko Yamada, die jüngst mit dem Spielfilm A Silent Voice (2016) auf sich aufmerksam gemacht hat, verfügt die Serie über eine Regisseurin mit bezaubernder Sensibilität. Yamada versteht es meisterlich, den fünf Mädchen mithilfe von Gesten und Gesichtsausdrücken Leben einzuhauchen. Zudem ist ihr Auge für die Kleinigkeiten des Schulalltags untrüglich: die Umgebungen und deren Details werden liebevoll inszeniert. Das Drehbuch von Reiko Yoshida folgt der mittelmässigen Manga-Vorlage aus der Feder Kakiflys eher stichpunktartig und verleiht den fünf Hauptfiguren wesentlich mehr Tiefe. Ausserdem hat Yamada einige sexistische Szenen des Originals ausgemerzt. Trotzdem kann Keion! nicht alle Klischees der so genannten „Moe“-Animes abwerfen: Die fünf Hauptdarstellerinnen sind übertrieben niedlich und unschuldig dargestellt. Mit der Aussenwelt scheinen sie überhaupt nicht in Kontakt zu kommen – und mit Jungs erst recht nicht.

Den beiden Frauen Yamada und Yoshida gelingt es allerdings, der idealisierten Anime-Welt emotionale und ästhetische Aspekte abzugewinnen. Die Bonus-Episode Winter Days! ist in dieser Hinsicht besonders instruktiv. Sie verzichtet fast gänzlich auf einen Plot und lädt zur entspannten Kontemplation ein. Selten hat es eine Serie gegeben, die sich so viel Zeit für scheinbare Nebensächlichkeiten nimmt: Einkaufen, Kochen, Essen, Herumalbern, Lernen, gelangweilt Herumsitzen. Yamada erzählt alles dies mit einer Ruhe, die einen fast an den Magier der Alltäglichkeit Hirokazu Koreeda (After the Storm, Unsere kleine Schwester) erinnert.

Der Höhepunkt der Serie findet sich in der zweiten Staffel: Yet Another School Festival! Die Episode zeigt die letzte Performance der Band während des Schulfestivals, mitsamt Pannen, Gequassel und Musik. Nach dem Auftritt ruhen sich die Mädchen im Club-Zimmer aus. Da dämmert ihnen: Das war ihr letzter gemeinsamer Auftritt. Sie werden bald ihren Schulabschluss feiern, und Azusa wird als einzige zurück bleiben. Die Fünf fangen an zu weinen und umarmen sich. Das ist ein herzzerreisender Moment, der mit dem Kontrast zwischen der Realität und dem gezeigten Ideal arbeitet. Als Zuschauer wissen wir: Eine so reine Freundschaft wie zwischen diesen Teenagern kann es im echten Leben nicht geben. Und wenn es sie doch gibt, dann wird sie nicht von Dauer sein. Keion! ist eigentlich eine Geschichte über verlorene Unschuld; nur bricht der Plot genau dann ab, bevor sie verloren geht. Und in diesem Moment mischt sich in die süsse Atmosphäre eine bittere Sehnsucht: Weshalb kann es im echten Leben nicht solche Freunde geben? Die Serie weckt die Nostalgie nach jugendlich naivem Leichtsinn. Yamada spielt gekonnt mit diesen Spannungen zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Jedoch ist auch nachvollziehbar, dass manche diese Serie öde und albern finden. John Opplinger nennt Keion! einen typischen Moe-Anime, der das Publikum mit seinen herzigen Charakteren bewusst in einen Beschützerinstinkt hinein manipuliere.[1] Da ist schon was dran. Es wäre allerdings unfair, die Serie als blossen Kitsch abzutun. Naoko Yamada verlieht den Charakteren genug Charme und Eigenständigkeit. Ausserdem schmuggelt sie einen spannenden Subtext in die Serie, der sich leider erst in der zweiten Staffel gänzlich entfalten kann. Der Anime ist Realitätsflucht par exellence, reflektiert diese Flucht aber zuweilen mit.

Keion! ist eine ausgezeichnete Unterhaltungsserie mit liebenswürdigen Protagonistinnen: amüsant, nostalgisch und berührend. Wer 43 Folgen lang seinen Zynismus ablegen kann, wird von dieser Schülerband überrascht und verzaubert werden.

8/10

[1] Oppliger, John (2012): „Ask John: What Are the Defining Moé Anime?“ Auf: AnimeNation Anime News Blog. Online unter: https://web.archive.org/web/20150521195124/http://www.animenation.net/blog/2012/05/28/ask-john-what-are-the-defining-moe-anime/ (Zuletzt abgerufen am 8. 8. 2017).

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