„Milano odia“ ist wieder ein recht gelungener italienischer Polizeifilm, der aber meines Erachtens nicht ganz die Klasse von „Die Viper“ erreicht, was auch an Maurizio Merli lag, der in „Die Viper“ einen ziemlich rüden und brutal agierenden Kommissar spielte.
Giuilo Sacchi (Tomas Milian) hat es versaut. Der Banküberfall ging in die Hose, weil Giulio auf offener Straße einen Polizisten erschossen hat. Von seinem Boss Maione wird er zusammengeschlagen und aus der Bande geworfen. Giulio will es allen zeigen und plant die Entführung von Marilu (Laura Belli). Ihr Vater ist steinreich und so will Guilio eine halbe Milliarde Lire erpressen. Mit zwei Freunden gelingt ihm auch die Entführung. Kommissar Grandi (Henry Silva) wird auf den Fall angesetzt. Schnell bemerkt er einen Zusammenhang zwischen der Entführung und anderen Verbrechen. Giulio ist eine tickende Zeitbombe, der jeden umbringt, ob Freund oder Feind, wenn man sich ihn nur in den Weg stellt. Viel Zeit hat Grandi nicht mehr, denn Giulio hat den Tod von Marilu schon beschlossen...
Willkommen zu der One-Man-Show von Tomas Milian. In „Die Viper“ war er zwar auch irre, doch hatte er hier noch einen Gegenpart in Form vom Maurizio Merli neben sich. Hier aber darf sich Milian austoben, da der Film ganz auf ihn zugeschnitten ist. Milian spielt den Giulio so abgedreht und irre, es ist kaum zu fassen. Dagegen ist die Person aus „Die Viper“ ein Waisenknabe im Gegensatz dazu, was Milian hier abliefert. Milian spielt einen Sadisten, ein Bekloppten, einen Psychopathen. Menschenleben zählen für ihn null, wichtig ist nur das Geld. Wer ihn nervt, wird umgebracht. Wer ihn reizt, wird umgebracht. Wer ihm widerspricht, wird umgebracht. Giulios Welt besteht nur aus töten. Sein Ziel ist das Geld und dafür tut er alles.
Sein Gegenpart ist diesmal leider nicht Maurizio Merli, sondern Henry Silva. Und das ist meiner Meinung nach auch der größte Schwachpunkt im Film. Silva passt überhaupt nicht in diesen Film. Erst mal hat er viel zu wenig Präsenz im Film, um wirklich als Gegenpart von Milian aufzutreten. Und wenn Silva mal auf dem Bild erscheint, dann ist er für mich langweiliger als eine Schlaftablette. Kaum Emotionen, gar nichts. Einfach ein verschenkter Charakter.
Sonst aber inszeniert Umberto Lenzi wie gewohnt. Es gibt einige Verfolgungsjagden mit den kleinen italienischen Autos. Wer genau aufpasst erkennt, dass Lenzi einige Szenen aus „Milano odia“ auch in „Die Viper“ benutzt hat. Hinzu kommen natürliche einige brutale Gewaltakte, die fast immer von Milian ausgehen. Zwar fließt das Blut nicht in Strömen und die meistens Effekte sehen auch recht billig aus, dennoch verfehlen sie ihre Wirkung nicht. „Milano odia“ hat auch keinen lustigen Unterton, wie noch in „Die Viper“. Kein Wunder, wenn der Hauptakteur ein Irrer ist, der alle platt macht.
Hinzu kommt natürlich eine passende Musik von niemand anderes als Ennio Moriccone. Sie ist zwar sicherlich nicht die beste Komposition von Moriccone, dennoch passt sie, wie gesagt, zum Film. „Milano odia“ ist kein Epos, sondern ein kleiner dreckiger italienischer Polizeifilm.
Dazu passt auch wieder einmal hervorragend die dt. Synchro aus den 70er Jahren. Da wareb Synchros noch was wert und hier ist sie es auch. Ich glaube zwar, man hat sich zum großen Teil an dem italienischen Dub orientiert, dennoch macht hier die deutsche Synchro Laune. Dies kommt ja nicht mehr so häufig vor.
Kritisieren könnte man auch das etwas uninspirierte Ende des Streifens. Irgendwie scheint es hier so, als wären Umberto Lenzi gerade hier die Ideen ausgegangen. Die Person Grandi dreht sich plötzlich um 180° Grad und tut etwas, was sein komplettes Leben auf den Kopf stellen wird. Ob man es ihm nun abnimmt oder nicht, bleibt jedem selbst überlassen. Mich hat das Ende nicht überzeugt, was wahrscheinlich auch an Silva selber liegt.
Fazit: „Milano odia“ kommt meiner Meinung nach nicht an „Die Viper“ ran, schon allein, weil ein passender Gegenpart fehlt. Merli gegen Milian, das passte. Milian gegen Silva, das passt zumindest hier ganz und gar nicht. Vielleicht auch deswegen darf sich Milian mal so richtig austoben. Wo er hinlangt, wächst kein Gras mehr. So ist auch „Milano odia“ ein empfehlenswerter italienischer Polizeifilm, den man schon allein wegen der Darbietung von Tomas Milian mal gesehen haben sollte.